Literatur

Der neue Roman „Müll“ von Wolf Haas – Irrwitzige Erzählperspektive, literarische Hochkomik

STAND
AUTOR/IN

Eine Leiche auf dem Wertstoffhof, feinsäuberlich getrennt: Finger, Beine, Hand, Torso. Nur das Herz fehlt. Das hat der Kommissar auch gerade verloren. Der neue, sehr makabere „Brenner“-Roman von Wolf Haas hat wieder das Zeug zum Kultroman, findet Alexander Wasner.

Audio herunterladen (3,2 MB | MP3)

Kommissar Simon Brenner hat sich bei den Müllwerkern verpflichtet

Die Geschichte vom Brenner geht weiter. Das ist eine gute Nachricht. Es ist der, wenn ich es richtig zähle, neunte Fall. Er beginnt auf einem Wertstoffhof, in Österreich werden Wertstoffhöfe aber Mistplätze genannt.

Brenner will kein Kommissar sein, er hat sich bei den Müllwerkern verpflichtet, die haben auch die bessere Kaffeemaschine. Man kann sich Brenner leicht schlampig und wurschtig vorstellen, wie Josef Hader ihn in den Verfilmungen spielt. Nach der Trennung von seiner Partnerin jedenfalls hat er sich wohnungsmäßig verändert – er wohnt jetzt als ... – aber auch das verrät schon zuviel.

Leichenteile finden sich in der Elektrowanne, der Kunststoffwanne, der Altkleiderwanne

Über die Trennung erfährt man nur, dass seine Freundin es nicht mochte, wenn er Socken in der Wohnung herumliegen ließ, vor allem dann nicht, wenn es die Socken seiner Geliebten waren. Richtig gut stellt man sich sein Leben nicht vor.

Und in dieses Allesanderealsidyll platzt, das kann man verraten, weil es gleich auf den ersten Seiten passiert, der Fund von Leichenteilen: In der Elektrowanne, der Kunststoffwanne, der Altkleiderwanne, überall einzelne Körperteile. Wie die dahingekommen sind, davon erzählt das Buch. Und es tut das auf seine eigene Weise.

Jetzt, wo es verjährt ist, muss man wenigstens keine Angst mehr haben, dass man was Falsches sagt. Mord verjährt natürlich nicht, das ist klar. Mord verjährt nirgends auf der Welt, und das finde ich vollkommen richtig so. Für den Ermordeten gibt es auch kein Verjährt, da kannst du auch nicht daherkommen und sagen, ich hab jetzt das Totsein vorzeitig hinter mir, weil gute Führung im Jenseits.
(Aus Wolf Haas: Müll)

Die Romane von Wolf Haas sind spannend, sehr witzig und sehr schlau

Das besondere an den Brenner-Romanen ist die „Verzehrautomatik“, man kann das auch Suchtfaktor nennen. Versuchen Sie einfach mal beim Lesen aufzuhören. Das geht gar nicht, man fängt an …. und wenn man aufhört, ist das Buch auch schon zu Ende. Nur indem man Licht oder Tee macht oder den Sitzplatz wechselt, kann man das kurz hinauszögern.

Die Romane von Wolf Haas sind spannend, sehr witzig, und sehr schlau. Haas hat sogar den Wilhelm Raabe-Preis bekommen für einen Roman, in dem allerdings niemand stirbt: „Das Wetter vor 15 Jahren“.

Simon-Brenner-Romane geprägt von ganz eigener Erzählerstimme

Am Suchtfaktor der Simon Brenner-Romane ist der Kommissar nicht alleine schuld, eigentlich ist es vor allem das Maul. Das Maul, das ist die sehr signifikante Erzählerstimme. Tratschsüchtig, mit leichtem Schmäh, manchmal ironisch, abschweifend, dann wieder sehr direkt auf den Punkt kommend, immer unterhaltsam – wie eine lästige, dauernd wispernde Fliege. Oder wie Else Kling aus der Lindenstraße oder wie mein Nachbar, ach, aber den kennt ja wieder keiner.

Nicht dass seine vorherige Wohnung so schlecht gewesen wäre. Im Gegenteil, sehr gemütlich gewesen. Aber Wohnung der Freundin, und da fliegst du schnell einmal hinaus, wenn du die Socken an der falschen Stelle liegen lässt. Oder um die ganze Wahrheit zu sagen, eigentlich war es nicht die falsche Stelle, sondern die falschen Socken, sprich Socken von der Freundin der Freundin. Mit dem Katzenbild drauf.
(Aus Wolf Haas: Müll)

Früher durfte die Erzählstimme nur Gerüchte und Selbsterlebtes weitergeben, man wusste, es gibt jemanden der ganz nah beim Kommissar ist, aber dieser Erzähler war unsichtbar. Die Suche nach dem Täter war längst nicht so spannend wie die Suche nach dem Erzähler. Statt Whodunit war es ein Whotellsit. Dann wurde der Erzähler geoutet – und gleich umgebracht.

Wolf Haas wollte mit den Krimis aufhören. Aber irgendwie ging es doch weiter. Mit dem denkwürdigen Sprichwort „Wenn man dich umbringen wollte, müsste man das Maul extra erschlagen“ wurde eben das Maul flügge. Jetzt reist es als auktorialer Erzähler, oder als Erzählerengel – das hat nix gourmethaftes, das ist einfach eine der irrwitzigsten Erzählperspektiven der literarischen Hochkomik, die ich kenne.

Und das Buch strotzt noch mit weiteren Kniffen, Überraschungen und Anspielungen – wie gesagt, man darf bei Krimis so wenig verraten. Deshalb schlage ich einfach und bedingungslos Lektüre vor.

Wolf Haas Junger Mann

Coming-of-Age-Roman aus der Ich-Perspektive eines 93 Kilo schweren Dreizehnjährigen. Diesmal ohne Brenner, aber bewährt komisch, hintersinnig und pointenreich.| Verlag Hoffmann & Campe, 240 Seiten, 22 Euro.| Rezension von Wolfgang Schneider.  mehr...

SWR2 Lesenswert Magazin SWR2

STAND
AUTOR/IN