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Vor wenigen Monaten war die 1988 in Frankfurt am Main geborene Schriftstellerin noch ein Geheimtipp in der Literaturszene. Mit ihrem unlängst veröffentlichten Debütroman „Streulicht“ aber gelang ihr der Durchbruch.

Der Roman, der im Suhrkamp Verlag erschien, stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde bereits mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet. Im Oktober tritt die Autorin das traditionsreiche Baldreit-Stipendium in Baden-Baden an.

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Bereits der Titel des Romans ist eine klug gewählte Metapher

Wenn Lichtstrahlen durch Staubpartikel oder andere kleine Teilchen wie die vieldiskutierten Aerosole gebrochen werden, entsteht ein diffuses Streulicht, das gerade in Dämmerstunden unheimlich wirkt. Vor allem in der Nähe von Industrieanlagen ist das Phänomen zu beobachten, und mögen die Emissionen noch so umweltschädlich sein, sie erzeugen eine faszinierende Ästhetik des Gebrochenen.

In diesen Lichtverhältnissen, und zwar im Frankfurter Arbeitervorort Sindlingen, ganz in der Nähe von Chemiefabriken und Müllverbrennungsanlagen, spielt der Debütroman von Deniz Ohde.

Manchmal kristallisiert Salz aus der Chlorherstellung in der Luft und rieselt auf die Dächer; dann bekommen die Bewohner Gutscheine für Autowäsche.

aus: „Streulicht“

Der klug gewählte Romantitel „Streulicht“ darf auch als literarisches Programm verstanden werden. Die namenlose Erzählstimme streift im Nebel ihrer schmerzhaften Erinnerung umher, nähert sich großen und kleinen Bruchstellen ihrer Vergangenheit, sieht Zusammenhänge und entfernt sich wieder von allzu einfachen Erklärungen für ihren Lebensweg.

Kindheit und Jugend sind von Lieblosigkeiten und ästhetischen Zumutungen, von biographischer Zerrissenheit und dem Gefühl geprägt, bloß nicht aufzufallen.

Eine schwierige Kindheit in bescheidenen Verhältnissen

Die Mutter war aus der Türkei vor Armut und Eintönigkeit „in einem Fünfhundert-Seelen-Dorf an der Schwarzmeerküste“ nach Deutschland geflohen. Der Vater, ein Mann der Arbeiterklasse, „tunkte vierzig Jahre Aluminiumbleche in Laugen, vierzig Stunden die Woche“. Er kann nichts wegwerfen, aus Angst, etwas Wertvolles zu verlieren.

„Das ganze Leben meines Vaters war eine einzige Ersatzhandlung. Er hortete Zeitungen und Konserven, sammelte Prospekte, die vor Monaten eingeschweißt in dünnes Plastik im Briefkasten gelegen hatten und von denen täglich neue hinzukamen.“

aus: „Streulicht“

Weil die Familie keinen Halt bietet, weil die Mutter im Märchenton über ihre Herkunft spricht, der Vater die Tochter aus falschem Klassenbewusstsein kleinredet, statt sie aufzubauen, weil die Probleme in der Schule daheim kein Thema sind, weil sich die Eltern nicht mit dem alltäglichen Rassismus und den Demütigungen beschäftigen wollen, die ein Arbeiterkind auf dem Gymnasium zu erleiden hat, weil die Mutter bald stirbt und der Vater sich vollends zum Messi entwickelt, scheint der Weg der Erzählerin vorgezeichnet zu sein.

Die Heldin findet einen Weg aus der familiären und gesellschaftlichen Misere

Doch es gibt einen Kipppunkt, als sie eine Abendschule besucht, eine Lehrerin ihr Mut macht, eine Klassenkameradin ihr fast schon beschwörend mitteilt, „du kannst noch alles retten.“

Sie kämpft sich zum Abitur, wird Einserschülerin, möchte studieren. Die Freundin aus Kindertagen aber ist immer noch argwöhnisch:

„Sophia sagte, ich solle mir gut überlegen, ob die Uni wirklich das Richtige für mich sei.“

aus: „Streulicht“

Der Respektlosigkeit wird die Erzählerin bald mit Ironie begegnen. „Ich stehe ja am Rand der Gesellschaft“, wird sie dann sagen und sogar darüber lachen können.

Fragil-schön sind die Sätze, in denen die Entwicklung gezeichnet ist. Elegische Passagen wechseln sich mit aphoristischen Bemerkungen ab. Inneres Erleben spiegelt sich präzise und zugleich stimmungsvoll in der Beschreibung einer Umwelt, die für ein Aufwachsen, ein schulisches Lernen und die Vorbereitung auf das Erwachsenleben eher abträglich sind.

Der Stolz des Vaters auf sein Arbeiterleben ist rührend, trotzig und auch ignorant, denn für die Tochter, die mit Bildung im Gepäck eine andere Lebensreise antreten möchte, bringt er kein Verständnis auf:

„Ich bestand für ihn nur aus großer Verletzlichkeit und Schüchternheit, und etwas Träumerisches lag in allen meinen Plänen von Abitur und Hochschulabschluss. Er hatte mir die Welt zu erklären, sobald es um etwas Handfestes wie Jobsuche ging.“

aus: „Streulicht“

Zu den vielen Pointen dieses vermutlich autobiografischen Romans gehört, dass die Protagonistin nicht nur die verkommene Wohnung des Vaters, sondern das gesamte spießig-ruppige Vorstadtmilieu, aus dem sie stammt, mit dem Studium weit hinter sich lässt.

Sie wird zwar weiterhin die in ihrer Selbstzufriedenheit seltsam überheblichen Freunde besuchen, aber die Berührungspunkte mit der Vergangenheit werden seltener. Nicht mal ein zeitweiliger Putzjob wird sie mehr runterziehen können.

Diese Heldin wird ihren Weg machen, vielleicht wird sie, ähnlich wie ihre Erfinderin Deniz Ohde, Schriftstellerin werden und auf großen Bühnen stehen, obwohl sie das einst für unmöglich hielt. Ihr Schlüssel zum Erfolg wird die Sprache sein. Sie wird die väterliche Schwäche, die sich Stolz nennt, mit den bestmöglichen Worten beschreiben. Ihr braucht man die Welt nicht mehr zu erklären.

Mit „Streulicht“ hat Deniz Ohde ein stilsicheres und feinsinniges Debüt vorgelegt, das ganz besonders beeindruckt, wenn der ruhige und melancholische Grundton dieser Prosa von grimmigem Humor gebrochen wird.

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