Buch-Tipp

Dein ist mein ganzes Herz": Ein Franz- Lehár-Lesebuch

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AUTOR/IN
Christoph Vratz

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„Dein ist mein ganzes Herz“ heißt das neue Lesebuch zu Franz Lehár, das anlässlich seines 150. Geburtstags erschienen ist. In dem Buch werden Aspekte zu Leben und Werk des Komponisten aufgegriffen, dessen Karriere im Eiltempo verlief: Er spielte zunächst Geige, stieg zum jüngsten Kapellmeister der k.& k.-Armee auf und begann Operetten zu komponieren. Die 1905 in Wien uraufgeführte „Lustige Witwe“ markiert einen Höhepunkt: Léhar präsentierte eine neue Form der Operette mit enormer stilistischer Bandbreite – und landete einen Welt-Hit. Christoph Vratz mit Lektüreeindrücken.

Die Karriere scheint dahin, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Seinen frühen Opern-Entwurf „Kukuška“ (der Kukuck) musste er für gutes Geld von einem Pleite-Verleger zurückkaufen, und dann erfolgte die Rück-Versetzung von Triest nach Pola. Franz Lehárs Laufbahn erliegt einem Schrumpfungsprozess.

„Es war mir nicht sonderlich angenehm, als kleiner Infanteriekapellmeister dorthin zurückzukehren, von wo ich einst mit so großen Hoffnungen ausgezogen war.“

Lehár rotiert von einem Infanterieregiment zum nächsten: Pola, Budapest, Wien. Ein Spießroutenlauf für jemanden, der über reichlich Ehrgeiz verfügt.

„Als Dirigent öffentlicher Promenadenkonzerte mit seinen „26ern“ errang Lehár sich immerhin einen Platz im Wiener Musikleben.“

In Wien kleckern allmählich erste Aufträge herein, die Lehárs Aufstieg begünstigen. Doch wer ist der Mann, den wir heute als den glanzvollen Operetten-Komponisten, als den Mann der „Lustigen Witwe“ kennen?

Mit dem Tod von Johann Strauß 1899 schien die Epoche der Goldenen Wiener Operette an ihrem Ende. Doch dann veränderte sich 1905 die Situation von Grund auf. Franz Lehár gelingt es mit der „Lustigen Witwe“, Elemente der so genannten ernsten Musik auf das vermeintlich seichte Genre Operette zu übertragen. Er schreibt opernhaft und volkstümlich zugleich, er verknüpft Raffinement mit Schlichtheit.

„…dieses Werk erkannte auch Lehár selbst als Wendepunkt seiner Karriere: Noch 1912, also zum Beispiel zwei Jahre nach der Uraufführung seines „Grafen von Luxemburg, betitelte er einen biografischen Aufsatz „Bis zur Lustigen Witwe.“

Diese „jungen Jahre“ bilden einen der Schwerpunkte in dem von Heide Stockinger und Kai-Uwe Garrels herausgegebenen Band „‘Dein ist mein ganzes Herz‘. Ein Franz-Lehár-Lesebuch. Auf knapp 230 Seiten werden in acht Aufsätzen einzelne Aspekte zur Vita und zum Werk ausgewählt und beleuchtet. Die Anordnung erscheint etwas merkwürdig, wenn unmittelbar auf diesen ersten Aufsatz zur Frühphase im Leben des Franz Lehár eine Betrachtung zum Thema „Wie inszeniert man Lehár im 21. Jahrhundert?“ folgt. Der langjährige Intendant und Geschäftsführer des Lehár Festivals Bad Ischl, Michael Lakner, gibt – durchaus auch selbstbeweihräuchernd – Einblick in die praktische Arbeit.

„..nicht altbackene, spießige Repetition biederer Operettenklamotten, sondern ein frischer und mutiger Neuzugang in spritzigen, witzigen neuen Texteinrichtungen, die inhaltlich zwar die Kirche im Dorf lassen, also das Grundsujet nicht in Frage stellen oder gar karikieren.“

Lakner stellt in seinem Text zwar vieles von dem dar, wie er selbst Lehár auf die Bühne gebracht hat, doch allgemeinen ästhetischen Frage geht er nicht nach: Wie kann heute der Spagat zwischen Werktreue und moderner Inszenierung gelingen, inwieweit beeinflussen Singendes Sprechen und sprechendes Singen moderne Lehár-Aufführungen?

Deutlich problembezogener argumentiert etwa Wolfgang Dosch in seinem Essay zum Spannungsverhältnis von „Operetten-Arisierung und ‚brauner Nachrede‘“ am Beispiel der Operette „Der Rastelbinder“, die 1902 uraufgeführt worden war und 1944 in neuem Gewand erscheinen sollte. Hauptperson ist ein jüdischer Zwiebelhändler.

„<Das> Beispiel zeigt, dass Operette tatsächlich „Überlebens-Mittel“ sein konnte in dieser schwierigen Zeit […] Die dem Genre durchaus eigene Zweideutigkeit auch in politischen Aussagen erwies sich als hilfreich für Autoren, die keinesfalls Aufsehen erregen durften.“

Zu den Höhepunkten des Buches zählen drei hier erstmals weitgehend vollständig wiedergegebene Kapitel aus der Autobiographie von Richard Tauber, dem engen Freund und Lehár-Vertrauten.

Dieser Band möchte kein umfassendes Kompendium zu Lehár sein, sondern einzelne Schlaglichter vertiefen. So erscheint Lehár, der selbst nur relativ wenige persönliche Dokumente hinterlassen hat, zwar als Inbegriff eines k&k-Komponisten – aber eben nicht nur. Der Leser erlebt ihn als Repräsentanten einer Gattung, die sich selbst neu erfindet und von Lehár als Protagonisten neu erfunden werden musste. Betrachtungen zur Léhar-Villa in Bad Ischl und zum Wiener Lehár-Schlössl runden den neuen Band ebenso ab wie eine detaillierte biographische Übersicht. Das Franz-Lehár-Lesebuch ist beim Böhlau Verlag erschienen und kostet 23 Euro.

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Christoph Vratz