Sprachforschung

Das Mannheimer Projekt „Sprach-Checker“: Türkisch für den Fußball und Deutsch im Herzen

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AUTOR/IN
Martina Senghas

Welche Sprachen verwenden Kinder mit kulturell diversem Hintergrund in verschiedenen Lebenslagen? In der Mannheimer Neckarstadt gehen Sprachwissenschaftler*innen des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache mit dem „Sprach-Checker“-Projekt genau dieser Frage nach.

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Wie funktioniert Spracherwerb in einem multikulturellen Umfeld?

Neckarstadt-West ist einer der diversesten Stadtteile in Mannheim. Gerne wird er auch mal als sozialer Brennpunkt bezeichnet. Hier startete das Projekt „Sprach-Checker“, an dem das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache mit Grundschulkindern arbeitet.

In der Nackarstadt leben Menschen aus über 100 Nationen, die zum Teil ihre Erstsprachen und Zweitsprachen mitgebrachte haben, sagt Elena Schoppa-Briele vom Mannheimer Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, kurz IDS. Für Sprachforschende biete sich hier ein spannendes Umfeld:

„Wie findet der Spracherwerb statt? Welche Sprache wird denn in welcher Situation gesprochen? Und in Hinblick auf die Kinder ist das noch mal interessanter, weil die Kinder ja häufig hin und her switchen oder manchmal sogar mit zwei Sprachen gleichzeitig verständigen.“

Die Prämisse des „Sprach-Checker“-Projekt: Nicht werten, sondern ergebnisoffen beobachten

Wo andere auf die Probleme schauen, die diese Sprachenvielfalt mit sich bringen kann, verfolgt das „Sprach-Checker“-Projekt einen ganz anderen Ansatz: nicht werten, sondern beobachten; nicht defizitorientiert vorgehen, sondern ergebnisoffen. Und tatsächlich sind die ersten Erfahrungen offenbar sehr beeindruckend.

Es gäbe Kinder, die richtig gut vier bis fünf Sprachen sprächen, so Wissenschaftlerin Schoppa-Briele.

„Wir haben festgestellt, dass die selbst noch nie darüber nachgedacht haben, wie großartig das ist und was das für eine Leistung ist, so viele Sprachen zu sprechen.“

Im Gegenteil habe sie sogar eher den Eindruck, dass die Kinder sich so ein bisschen dafür geschämt hätten, dass ihr Deutsch nicht perfekt sei. Hier versuchten die Wissenschaftler*innen klarzumachen, wie toll das sei, mehrere Sprachen zu sprechen.

Projekt Sprach-Checker in Mannheim-Neckarstadt (Foto: Pressestelle, Leibnitz-Institut für deutsche Sprache)
Arbeit mit den Kindern beim ersten „Sprach-Checker“-Workshop im „Campus Neckarstadt-West“. Pressestelle Leibnitz-Institut für deutsche Sprache

Ein Projekt, für das sich auch die Kinder begeistern können

Zusammengearbeitet hat das IDS-Team mit 35 Kindern eines kostenlosen Betreuungsprojekts nach der Schule, dem „Campus Neckarstadt-West“. Es hat das IDS-Team überrascht, mit welchem Eifer und Interesse die Kinder bei dem dreistündigen Auftakt-Workshop im September dabei waren.

Welche Sprache sie zu Hause mit ihrer Mama spräche, fragt Elena Schoppa-Briele ein Mädchen mit deutschen und bulgarischen Wurzeln. „Bulgarisch“, so die Antwort, „manchmal auch Deutsch“. Aber die Kusine könne richtig gut Englisch.

Italienisch oder Türkisch für den Fußball, viele Sprachen im Herzen

Interessant sei vor allem die Arbeit mit sogenannten Sprachporträts gewesen, bei denen die Kinder in einen vorskizzierten Körperumriss einzeichnen sollten, wo sie welche Sprache verorten. Fußballbegeisterte Jungen habe da beispielsweise italienische oder türkische Flaggen auf den Fuß gemalt, im Herzen der Kinder waren hingegen meist mehrere Flaggen - darunter immer auch die deutsche.

Die Kinder hätten dieses Konzept sofort aufgenommen, berichtet IDS-Wissenschaftlerin Christine Möhrs. Es habe sie sehr berührt, wie sehr die Kinder über die Gespräche in eine Gedankenwelt eingestiegen sind. Auf einmal wurde ihnen klar:

„Ach ja, die Mama kommt aus diesem Land und mit der spreche ich die Sprache, aber mit der spreche ich die nur. In der Schule schreibe ich Deutsch und der Papa kommt noch mal aus einem anderen Land. Mit dem spreche ich dann seine Sprache. Ein bisschen zumindest.“

Alle Projektbeteiligten sind sich einig, dass die Zusammenarbeit zwischen dem IDS und den Neckarstadt-Kindern unbedingt fortgeführt werden sollte. Nicht zuletzt, weil das Leibniz-Institut demnächst ein Forum für Deutsche Sprache in dem Stadtteil aufbauen möchte.

Doch erstmal hoffen die „Sprach-Checker“ beim bundesweiten Citizen-Science-Wettbewerb unter die ersten Drei zu kommen. Denn damit wäre die Finanzierung ihres Projektes gesichert.

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