Kommentar

Das „dauernde Schöne“ im „säuischen“ Zeitalter – Peter Handke zum 80. Geburtstag

STAND
AUTOR/IN
Frank Hertweck

Am 6. Dezember feiert einer der umstrittensten Schriftsteller deutscher Sprache seinen 80. Geburtstag: Peter Handke. 2019 erhielt er den Literaturnobelpreis. Seine proserbischen Schriften und Reden im Zusammenhang mit dem Krieg im zerfallenden Jugoslawien in den 1990er Jahren – zugespitzt unter dem Titel „Gerechtigkeit für Serbien“ – beeinträchtigen die Rezeption seines Werkes bis heute und verdecken die einzigartige Stärke seiner Prosa.
Daran erinnert auch SWR Literaturchef Frank Hertweck in seinem Kommentar.

Audio herunterladen (3,4 MB | MP3)

Aus dem genauen Hinschauen wurden trotzige, rechthaberische Positionen

Wollen wir das wirklich, zum 80. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers Peter Handke über 1996 sprechen, über seine Beiträge, die er über das zerfallende Jugoslawien geschrieben hat? Die am Anfang gedacht waren als Hingehen, Hinschauen, Erfahren, und gar nicht als politische Stellungnahme, die aber mehr und mehr genau dazu wurden, zu trotzigen, rechthaberischen Positionen, die den ersten, schriftstellerischen Antrieb verraten haben? Und die das dichterische Werk von Handke seitdem verfolgen, verdunkeln. Wollen wir das wirklich wieder und wieder aufrufen, auch jetzt zum 80. Geburtstag?

Ich bin sicher, Peter Handke hat seine Haltung nie wirklich revidiert. Zurücknehmen, gar entschuldigen ist seine Sache nicht. „Innere Feinderklärung“, die durchzieht sein Werk von Anfang an. Und nicht von ungefähr heißt einer seiner berühmtesten Titel: „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“.

So ist auch Serbien nichts anderes als der Ausdruck der vielen kleinen Serbiens, die seine Biographie bestimmen. Aber eben auch: seine Bücher, seine Texte.

Handke ist nie der große Schimpfer geworden wie später Thomas Bernhard

Genial und logisch zugleich der frühe Theaterwurf: „Die Publikumsbeschimpfung“ von 1966. Wut als Motor der Textmaschine. Aber das ist eben nur eine Seite. Aus Handke ist nie der große Schimpfer geworden wie später Thomas Bernhard.  Dann doch lieber Erlöser. 1981 schreibt Handke in einem ultimativen Brief an seinen Verleger Siegfried Unseld:

„Ich muß – das ist meine Pflicht vor meiner Freude, das dauernde Schöne zu schaffen, und gegen das säuische, verkrebste Zeitalter, in dem ich das vorhabe, endlich auftreten als der, der ich bin.“ (Briefwechsel, Seite 432)

Handkes Wuttemperament kommt dem behutsam Schauenden in die Quere

Aber das „säuisch, verkrebste Zeitalter“ läßt sich nicht aus dem Werk heraushalten. Doktor Jekyll hat keine Kontrolle über Mr. Hyde. Das ist das literarische Schicksal von Peter Handke. Er ist es selbst, der beim Schaffen des „dauernden Schönen“ den Schmutz der Welt in die Bücher hineinkehrt. Sein Wuttemperament kommt dem behutsam Schauenden in die Quere. Der Teufel dem Heiligen.

In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ von 1994, in dem Handke vom Sehenlernen erzählt, und damit vom Sprechenlernen, von den kleinen Dingen, dem Alltäglichen, der nahen Umgebung, von Freundschaft, bricht der Furor des Hasses auf den Kritiker Marcel Reich-Ranicki ein, den „Bücherteufel“, den er kurzerhand ins Literaturkritikerghetto verweist, eine obszöne Geste gegenüber einem, der unter glücklichsten Umständen das Warschauer Ghetto überlebt hat.

Im Großroman „Bildverlust“ aus dem Jahr 2002 knirscht die gesamte Konstruktion unter der allzu deutlichen Absicht des Autors den zu verdammenden Bild- und Sprechroutinen unserer Gegenwart etwas entgegenzusetzen, was dann jedoch eher nach Ideen und Konzepten klingt denn nach Dichtung und Poesie. Und deswegen sind seine Texte auch voll von Kriegen und Bürgerkriegen.

Handkes geglückte Prosa lebt vom Zögern, vom Zaudern, von Achtsamkeit

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen. Großer Furor kann große Literatur hervorbringen. Handkes Stärke ist er jedoch nicht. Und der Grund ganz einfach. Seine geglückte Prosa lebt vom Zögern, vom Zaudern, von Achtsamkeit. Keiner schaut genauer hin. Und keiner genauer auf den Schauenden. Darum sind Klammern und Fragezeichen seine Lieblingsinterpunktionen.

Stolpern fördert, hat Goethe einmal gesagt. Und in diesem Sinne stolpert Handkes Prosa. Durch sie sehen wir die Welt neu. Vielleicht ist Handke ja eher ein Augen- als ein Ohrenmensch. Doch er kann nicht lassen von der Wut, dem Lärm, den er gleichzeitig so verachtet. Sie nehmen seinen Texten die Stille, die Andacht.

Was man also wünschen kann zum 80.? Komm und sieh.

Forum Gedicht der Welt – Peter Handke zum 80. Geburtstag

Michael Köhler diskutiert mit
Dr. Ulrich von Bülow, Archivleiter DLA Marbach
Dr. Tanja Angela Kunz, Literaturwissenschaftlerin, Universität Bielfeld
Dr. Thomas E. Schmidt, Redakteur, Feuilleton, DIE ZEIT

SWR2 Forum SWR2

Gespräch Fünf Fragen zu Peter Handke – anlässlich seines 80. Geburtstags am 6.12.2022

Der unerreichbare Dichter, der Einzelgänger, der Außenseiter der deutschsprachigen Literatur – stimmen diese Bilder von Peter Handke? Und wie politisch ist dieser Autor?

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Gespräch Peter Handke - Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte

In „Das zweite Schwert“ zieht Peter Handkes Erzähler aus, um die eigene Mutter zu rächen. Deren Bild nämlich wurde einst von einer Journalistin ins Bild einer dem Führer zujubelnden Menschenmenge hineinmontiert. Ein Verbrechen, findet der Erzähler, das gesühnt werden muss. Auf dem Weg aber verliert er seinen Plan immer mehr aus den Augen – und sieht stattdessen ganz andere Dinge. Ein Gespräch zum „Zweiten Schwert“ mit dem Literaturkritiker Jörg Magenau.

Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42940-2
160 Seiten
20 Euro

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Lesetipp Leif Randt empfiehlt Peter Handke – Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

Handke war 27 Jahre alt, als er "Die Angst des Tormanns" beim Elfmeter 1970 veröffentlichte. Nur zwei Jahre später verfilmte Wim Wenders die Erzählung.
Auch Leif Randts letzter – und ebenfalls sehr wahrnehmungsgetriebener, beschreibungsintensiver – Roman Allegro Pastell wird in Kürze verfilmt.

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

STAND
AUTOR/IN
Frank Hertweck