Bitte warten...

Magierin der Worte Kinderbuch-Autorin Cornelia Funke wird 60

Von Anne Kleinknecht

Deutsche Kinderbuchautoren, die es auf die Spiegel-Bestsellerliste und in US-amerikanische Buchläden schaffen, sind eine Rarität. Cornelia Funke hat beides geschafft. Die Schriftstellerin und Illustratorin begeistert ihre jungen Leser zunächst in den 1990er Jahren mit Erzählungen über Geisterjäger, die Mädchenbande „Die Wilden Hühner“ und zahlreichen Geschichten über Monster, Kobolde und andere Fabelwesen. Mit ihrem Roman „Drachenreiter“ landet Funke Ende der 1990er-Jahre einen Coup und steigt in die Riege der großen Fantasy-Autoren auf.

Den internationalen Durchbruch erlebt die unprätentiöse Autorin im Jahr 2002 mit ihrem Roman „Herr der Diebe“. Es folgte die Tintenwelt-Saga mit ihrer Hommage an das Buch. Mittlerweile kennen zig Millionen Leser die Erzählungen der Erfolgsautorin – manche sind in mehr als 40 Sprachen erschienen. Am 10.12.2018 wird Cornelia Funke 60 Jahre alt – und denkt nicht daran, den Stift aus der Hand zu legen.

Da breitete der Drache die schimmernden Flügel aus und stieß sich von der Erde ab. Ben hielt den Atem an und klammerte sich fest an Lungs Zacken. Höher und höher stieg der Drache. (Drachenreiter)

Cornelia Funke entführt ihre Leser gern. Hinaus aus der Menschenwelt ging es zum ersten Mal 1988 - mit ihrem Debüt-Roman „Die große Drachensuche“. Daraus entwickelte sie wenige Jahre später die Fantasy-Geschichte „Drachenreiter“. Darin schafft sie es, pilzfressende Kobolde und spindeldürre Homunkuli zum Leben zu erwecken – mit ihrer bildreichen Sprache und detaillierten Tuschezeichnungen.

Cornelia Funke bedauert, dass viele Menschen denken, Bücher sollten ab einem bestimmten Lesealter nicht illustriert sein: „Das finde ich sehr traurig. Ich kann gar nicht anders schreiben und denken. Und es wird sogar immer noch stärker, denn inzwischen ist es sogar so, dass ich Figuren oft erstmal zeichne und sie dann beschreibe“.

Erst gemeinsam werden Cornelia Funkes Helden stark

Cover des Buches "Drachenreiter" von Cornelia Funke

In „Drachenreiter“ erzählt Cornelia Funke die abenteuerliche Reise des silbernen Drachen Lung und seinen Begleitern, dem Koboldmädchen Schwefelfell und dem Waisenjungen Ben.

Dabei fällt auf: Cornelia Funkes Bösewichte sind Einzelgänger; ihre Stars tun sich dagegen gerne in Grüppchen zusammen.

„Wahrscheinlich ist das das definierende Thema meiner Bücher: Dass ich nicht an Helden glaube, die alleine irgendetwas ändern oder die Welt retten oder was auch immer… Ich glaube sehr an Freundschaft. Ich glaube sehr daran, dass wir immer die anderen brauchen.“

Wie wichtig wahre Freunde sind, zeigt sich in ihrem Roman „Herr der Diebe“. Darin erzählt Cornelia Funke die Geschichte einer Kinder-Diebesbande in Venedig. „The Thief Lord“ kommt gleich auf die Bestseller-Liste der New York Times – ein internationaler Erfolg, der sich später beim Drachenreiter und den Büchern über die Tintenwelt wiederholen wird.

Noch nie hatte sie Angst gehabt vor dem, was ihr ein Buch erzählen würde, im Gegenteil, meist war sie so begierig, sich in eine unentdeckte, nie gesehene Welt locken zu lassen, dass sie zu den unpassendsten Gelegenheiten zu lesen begann. (Tintenherz)

2003 erscheint „Tintenherz“. In der Erzählung geht es um die zwölfjährige Buchliebhaberin Meggie und um ihren Vater, den Buchbinder Mo. Beide besitzen die wundersame Gabe, Menschen und Figuren aus Büchern heraus- und in Geschichten hineinzulesen.

Cornelia Funke: „Und dann hatte ich irgendwann die Idee: Die kommen durch die menschliche Stimme raus. Denn das ist etwas, was auch mich immer wieder verzaubert, wenn ich einen guten Vorleser höre.“

Eine Rehabilitation der Sagen, Märchen, Mythen

Nach dem internationalen Erfolg mit den Tintenwelt-Büchern beschließen Cornelia Funke und ihr Mann, nach Los Angeles zu ziehen… mit deutschem Kulturgut im Gepäck: „Die Reckless-Saga“, die die Autorin in ihrer neuen Heimat anpackt, ist zunächst von Grimms Märchen geprägt. Dabei knüpfe sie an eine große literarische Tradition an, findet Christiane Raabe. Sie leitet die internationale Jugendbibliothek in München, die weltweit größten Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur:

„Die Wiederentdeckung des Phantastischen – das ist etwas, da hat sie ganz enorm was geleistet im Grunde genommen auch so etwas wie die Rehabilitation der Sagen, Helden, der Mythologie... Eben eine Re-Mythologisierung der Literatur, der Kinderliteratur, der Jugendliteratur mit einem riesigen Erfolg.“

Wer Cornelia Funke heute nach ihren Plänen fragt, erlebt eine vor Ideen übersprudelnde, begeisterte Autorin und Zeichnerin. Nachdem sie bereits mehr als 60 Bücher geschrieben hat, liegen auch jetzt wieder mindestens drei verschiedene Entwürfe auf ihrem Schreibtisch – mitsamt ihrer fantastischen Figuren, die – wie in der Tintenwelt – nur darauf warten, in neue Geschichten hineingelesen zu werden.

Weitere Themen in SWR2