SWR2 Buch der Woche vom 06.03.2017 Christine Wunnicke: Katie

Der letzte Schrei im Viktorianischen England: spiritistische Séancen! Das Medium Florence Cook kann sich mühelos aus Fesseln lösen und auch Geister anlocken. So materialisiert sich in ihr schließlich auch die längst verstorbene Seeräubertochter Katie und bringt die vornehme Gesellschaft ordentlich durcheinander. Christine Wunnicke hat mit „Katie“ einen grotesk-komischen Roman geschaffen, ein Buch voll Zauberkraft, ein literarisches Meisterwerk.

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Wunnicke schreibt unscheinbare Bücher, die Lesezauber versprechen

Christine Wunnicke, 1966 in München geboren und dort lebend, gehört zu den stilleren Autorinnen im Land. Man sieht sie weder auf Podien sitzen noch in Fernsehstudios oder im Scheinwerferlicht bei ausgedehnten Lesereisen. Ihre Bücher kommen unscheinbar daher, entfalten beim Lesen aber größten Zauber. Sie hat einige Preise bekommen, aber das große Publikum ist bislang noch nicht auf sie aufmerksam geworden.

Autorin Christine Wunnicke (Foto: privat -)
Christine Wunnicke privat -

Vor zwei Jahren stand sie jedoch mit ihrem Roman „Der Fuchs und Doktor Shimamura“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. 1998 ist Wunnickes erster Roman erschienen. Viele weitere sind seither gefolgt, dazu noch etliche Hörspiele und Radiofeatures. Auf die Frage, ob ihr denn Anerkennung fehle, ob Preise eine Ermutigung zum Weiterschreiben sein könnten, entgegnet Christine Wunnicke: Sie mache das ja schon so lang, Schreiben sei Teil ihres Lebens. Und, das fügt sie lachend hinzu, sie mache sich schon selber Mut.

Wunnicke glänzt stets mit kunterbunten, exzentrischen Figuren

Was für eine kunterbunte Figurenfamilie Christine Wunnicke im Lauf der Jahre um sich geschart hat: einen schottischen Rockmusiker; die zwei Filmpioniere Selig und Boggs; nicht zu vergessen den japanischen Nervenarzt Shimamura. Oftmals sind diese Figuren nicht nur exzentrisch und mit einer jeweils sehr besonderen Obsession gesegnet, sondern auch historisch verbürgt – wenngleich sie in Wunnickes Büchern ein wunderbares Eigenleben entwickeln. In welchen entlegenen Bibliotheken und Nachschlagewerken fahndet die Autorin eigentlich nach ihren Helden oder Geschichten? "Die finden mich, da muss ich nicht suchen. Die fliegen mir zu", sagt Christine Wunnicke.

Ein Radiofeature des SWR diente als Inspiration zum Roman

Christine Wunnicke meint das sehr ernst: An ihren Doktor Shimamura ist sie zum Beispiel über Google geraten – ein falscher Suchbegriff hat sie auf verschlungenen Pfaden nach Japan und zur Fuchskrankheit geführt. Ihrem neuen Roman „Katie“ ging allerdings ein von ihr verfasstes Radiofeature für den SWR zum Thema „Spiritismus“ voraus, und bei der weiteren Recherche stieß sie auf ihre beiden Helden.

"Die kamen Hand in Hand, die traten in mein Leben, Florence Cook und William Crookes. ... der Atomphysiker mit dem Gespenst am Arm, das fand ich einfach zu schön, es war eigentlich hauptsächlich dieses Foto. Es gibt ein Foto, wo Crookes die verschleierte Katie so am Arm präsentiert, als wenn er sie zu einem Debütantinnenball führt. Und da hab ich gedacht, okay, das guck ich mir jetzt mal genauer an", erzählt Christine Wunnicke.

Die Protagonistin sehnt sich nach mehr, als nach Ruhm

Die Geschichte hat es tatsächlich in sich: Der Leser findet sich im Viktorianischen England wieder, wo spiritistische Séancen der letzte Schrei sind und materialisierte Geister zur besseren Gesellschaft gehören. Man kann mit besonderen paraphysischen Fertigkeiten sogar berühmt werden, und die sechzehnjährige Florence Cook sehnt sich nach wenig mehr als nach Ruhm. Das ätherische Wesen hat das Talent, sich wie von Geisterhand aus Fesseln zu lösen, die man ihr während spiritistischer Zusammenkünfte gewissenhaft anlegt.

Eines Tages lockt dieses begabte Medium aber sogar einen richtigen Geist namens Katie herbei – Tochter eines walisischen Seeräubers aus dem 17. Jahrhundert, ein regelrechter Tomboy, verführerisch, dabei durchaus handfest und derb.

Ein anerkannter Forscher begibt sich in die Abgründe des Irrationalen

Das Spektakel polarisiert: Wer nicht fasziniert die Geistererscheinung verfolgt, vermutet faulen Zauber. Florence wird gar als Betrügerin denunziert. Hier nun kommt der seriöse Physiker und Chemiker William Crookes ins Spiel, der die Materialisierung des Mediums genauer unter die wissenschaftliche Lupe nehmen soll.

Wunnicke erzählt von zwei Leben, die sich hier schicksalhaft miteinander verflechten: jenes des leicht mürrischen, etwas verkannten Gelehrten und jenes der ruhmsüchtigen, in andern Sphären schwebenden Florence. William Crookes gab es ebenso wie Florence Cook wirklich.

Für die Wissenschaft hat er allerlei geleistet, Kathodenstrahlen sichtbar gemacht oder radioaktive Strahlung nachgewiesen. Als Parapsychologe betrachtete er sich ebenfalls, veröffentlichte dazu Aufsätze und Bücher und erstellte Gutachten. Unter anderem widmete er sich dem Phänomen Florence Cook – und attestierte dem Medium übersinnliche Kräfte. Man mag es kaum glauben: Ein anerkannter Forscher begibt sich in die Abgründe des Irrationalen.

Christine Wunnicke: "Das liegt vielleicht daran, weil man sich mit Phänomenen befasst, die auch sehr weit von der faktischen Alltagswahrnehmung weg sind, und da gibt's Berührungspunkte. Weshalb das eine solche Mode in der Naturwissenschaft im Viktorianischen England gerade wurde, das ist mir eigentlich immer ein bisschen ein Rätsel geblieben. Aber es hat eine gewisse Schlüssigkeit. Sowas wie Telegrafie und die neuen Herzwellen, die Radiowellen, das sind alles plötzlich Kräfte, die da wirken, die man vorher nicht kannte.

Und da hat man dann schnell eine Vorstellung, dass man vielleicht auch Methoden so kommunizieren kann. Es gibt die Geschichte, dass der Morse, bevor er den Morse-Apparat erfunden hat, eigentlich nur mit seinem toten Bruder reden wollte. Da gibt's Verbindungen, aber eine eindeutige Gleichung kann man da echt nicht aufstellen, das ist schwierig."

"Katie" ist voll von hochkomischen Momenten

Die Geschichte, die Christine Wunnicke erzählt, nimmt groteske Züge an. Hochkomisch ist es, wenn Geist Katie den verschiedenen Protagonisten des nachts und in den unmöglichsten Situationen erscheint: der Ehefrau von Crookes ebenso wie seinem Assistenten Pratt, der vor allem von Katies androgynem Wesen angezogen ist – der schüchterne junge Mann wird nämlich von dem Gespenst mit eigenen, uneingestandenen Neigungen vertraut gemacht.

Katie ist eine Art Projektionsfläche – jeder sieht in ihr, was er sehen will und im Leben vermisst; und die Entfesselungskünstlerin Florence zeigt auf, unter welchen Fesseln – gesellschaftlichen und sexuellen – die Menschen ringsum leiden. Der Geist ist wie ein Katalysator. Mit ihm haben die Protagonisten Zugang zu ihren Träumen. Und William Crookes gelingt, in einer Mischung aus Wahn und Genialität, sogar sein wissenschaftlicher Durchbruch. Ihr Glück allerdings finden die Helden nicht unbedingt.

Filmreife Kulissen und eine flirrende Atmosphäre

Es ist großartig, wie fein Christine Wunnicke auf beschränktem Raum ihre Figuren zum Leben erweckt, wie sie die Geister einer vergangenen Zeit in komprimiertester Form einfängt, pointierte Dialoge hinschmettert, zugleich aber mit Ironie eine wohlkalkulierte Distanz zu den Geschehnissen wahrt. Wie sie fast schon filmische Kulissen und eine eigentümlich flirrende Atmosphäre schafft. Es ist ein kleines literarisches Meisterstück, auf knapp 150 Seiten solch eine Fülle entstehen zu lassen.

Christine Wunnicke: "Das (…) ist die Entwicklung von meiner ganzen Tätigkeit. Ich hab ja angefangen mit einem relativ dicken Buch, und dann mit normal dicken Büchern, würde ich sagen. Und ich habe – das ist auch schon wieder ein paar Jahre her – einmal eine Novelle geschrieben, die ich auch wirklich für eine Novelle halte, und da hab ich mich irgendwie reinverliebt in diese Länge, in diese unter 150-Seiten-Länge, das hat irgendwie was, es macht einen großen Spaß, das runterzuschleifen. (…) Und das ist zwar nicht ein sehr romanhaftes Vorgehen, ich sag immer, ich schreib Roman-Haiku. (…) Es kriegt ein bisschen was Exemplarisches, es bleibt schwebend, man muss nicht alles ausführen, man kann auch Sachen besser offen lassen, als wenn man einen großen, dickleibigen Roman schreibt. (…) im Moment ist das irgendwie eine Form, die mir sehr zusagt."

Erzählerische Ökonomie und poetische Verschwendung

Ein steter Prozess der Verknappung und Verdichtung: Erzählerische Ökonomie und poetische Verschwendung stehen in einem wunderbar ausgewogenen Verhältnis. Christine Wunnickes Bücher haben im Heraufbeschwören von fremden Szenerien und verschollenen Geschichten allesamt etwas Magisches – sie beschwören Geister. Im neuen Buch sogar wortwörtlich. Wie aber ist überhaupt die Begeisterung für Literatur und das Schreiben entstanden?

"Ich muss ehrlich sagen, was das ausgelöst hat, war, dass ich nicht schreiben konnte. Da war ich vier. Und hab entdeckt, dass Menschen schreiben können und ich nicht, und daraufhin hab ich beschlossen, meiner Mutter ein Buch zu diktieren. Und seitdem habe ich nie mehr aufgehört, also, nicht, meiner Mutter alles zu diktieren. Das war ein Neid auf schreibende Leute, da hab ich gedacht, man muss irgendwie Geschichten machen, auch wenn man nicht schreiben kann. Das ist die ehrlichste Antwort, die ich Ihnen geben kann. Ich könnte irgendwas Schöneres mir ausgedacht haben, aber es ist so. Das ist die Wahrheit", erzählt Christine Wunnicke.

Die Wahrheit über Katie, ihr Medium Florence und den Wissenschaftler Crookes, der später im Schatten anderer Forscher ein wenig in Vergessenheit geriet, kann man in Lexika nachlesen. Wunnickes Buch hingegen bietet wahrhaftige, vielschichtige und eigensinnige Figuren. Wie es mit diesen endet, darf hier allerdings nicht verraten werden. Nur so viel: Man erliegt der Magie dieses Romans vom ersten bis zum letzten Satz.

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