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Mit dem Mendelssohn-Handbuch legt Christiane Wiesenfeldt eine neue Standard-Publikation zu Felix Mendelssohn vor, die wie keine bisherige die Spannungsfelder im Leben, Werk und Nachleben des Komponisten aufdeckt. Es spürt dem geschickten Netzwerker Mendelssohn ebenso nach wie den künstlerisch-ästhetischen Ideen, die ihn geleitet haben.

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„Seine Produktivität ist wirklich zu bewundern; seit 1 Jahr hat er 2 Opern geschrieben, die 3. ist zur Hälfte fast fertig; außerdem einen 4 und 5 stimmigen Psalm für die Akademie, worin eine große Doppelfuge; 6 Simphonien, nach Art der Alten, ohne Blasinstrumente.“

Lea Mendelssohn Bartholdy

Selbst seine Mutter scheint irritiert: Wie kann das sein? Felix ist doch noch ein Kind, zehn, elf Jahre alt. Doch in Windeseile wächst sein Werk-Katalog. Gerade die Streichersinfonien – am Ende sind es nicht nur sechs, sondern zwölf – verraten, wie tief sich der junge Felix Mendelssohn in eine Materie vergräbt, ohne sich am Erbe der Großen zu stören: Diese Jugendwerke ächzen nicht unter der Last von Beethovens sinfonischen Erneuerungen, sondern wirken wie leicht dahingeworfene Übungen. Etüden von lockerer Hand, die den späteren Weg ebnen sollen.

Er ist von früh an ein Praktiker, zumal im Hause Mendelssohn ein reges gesellschaftliches und kulturelles Leben herrscht. Gerade diese Vorteile gereichen dem Früh-Begabten rückwirkend jedoch zum Nachteil:

„Die wohlhabende Herkunft, jene Kindheit »im Sonnenlichte« […] Die dem jungen Komponisten offerierte umfassende Gesamtbildung und seine Möglichkeit, im häuslichen Rahmen mit professionellen Musikern zu arbeiten, wurde nicht als Motor musikalischer Innovation, das Beherrschen mehrerer Sprachen, seine umfassende Belesenheit <als> Bildungsvorteil verstanden, sondern erneut oft als Problem gedeutet.“

Christiane Wiesenfeldt: Mendelssohn-Handbuch

Und damit ist das Spannungsfeld, in das Felix Mendelssohns Schaffen spätestens nach seinem frühen Tod 1847 geriet, bereits vorskizziert. 1850 etwa nutzt Richard Wagner:

„…diese glänzende Konstellation aus Glück und Wohlstand als eine argumentative Basis seiner rassistischen Ausführungen 'Das Judentum in der Musik'“.

Christiane Wiesenfeldt: Mendelssohn-Handbuch

Mendelssohns enorme Produktivität galt stellenweise als Schwäche, seine Vielseitigkeit als Dirigent, Musikdirektor, Komponist wurde oft einseitig in einem Koordinatensystem als klassisch-romantisch verortet, seine jüdische Herkunft mit einem vermeintlichen Leiden am bürgerlichen System in Verbindung gebracht. Neben den verschlungenen, teils düsteren Pfaden einer komplizierten Rezeptionsgeschichte gibt es auch noch die Klischeefalle Mendelssohn: der Mann, der filmmusikreife Musik schreibt und bis heute unzählige Hochzeiten klanglich illuminiert.

Es gibt hinreichend Gründe, genauer auf Leben, Werk und Wirkung des Felix Mendelssohn zu schauen. Genau das macht nun Christiane Wiesenfeldt, lange Zeit lehrend in Weimar-Jena, seit wenigen Wochen Professorin am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg. In dem von ihr herausgegebenen Mendelssohn-Handbuch folgt die Reihe der bisherigen Komponisten-Handbücher auf den ersten flüchtigen Blick dem bewährten Muster: Zeittafel, Ausführungen zur Vita, Betrachtungen zum Werk, nach Gattungen sortiert, und Überblick über die Rezeption.

Doch schon der biographische Teil deutet unter dem Titel „Positionen, Lebenswelten, Kontexte“ weitere Tiefenebenen an, mit Artikeln zur Ausbildung, zur Familie, zur jüdisch-christlich-deutschen Identität, zu Mendelssohns öffentlichen Ämtern, zu seinem umfangreichen Briefschaffen und zur Bedeutung „alter Musik“. Bereits hier ist Multiperspektivität gefragt: Man kann sich Felix Mendelssohn nicht (mehr) von einer bestimmten Seite her nähern. Das ist viel zu oft geschehen und hat zu Irrtümern und in Sackgassen geführt. Das Mendelssohn-Bild schien nicht wirklich in die damalige Zeit zu passen:

„Der Vergleich des wie aus dem Ei gepellten und allzu anständigen Mendelssohn mit zwei Komponisten, die rücksichtslos mit ihren Dämonen rangen <Beethoven und Schumann>, zeigt die Paradoxien der Genieästhetik des 19. Jahrhunderts.“

Christiane Wiesenfeldt: Mendelssohn-Handbuch

Ausgerechnet zu einer Zeit, als der Beruf des Musikers durch akademisierte Ausbildung und bessere finanzielle Absicherung einen bürgerlichen Aufschwung erlebte, hielt sich hartnäckig die Vorstellung vom Künstler als dem Rebellen, dem unangepassten Exzentriker verbreitet – und da passte der noble Mendelssohn mit seinem einnehmenden Wesen nicht ins Bild.

Punktegenaue, problembezogene Beobachtungen bietet das neue Mendelssohn-Handbuch zuhauf. Dadurch werden nicht nur gewohnte Muster aufgebrochen, sondern die jeweiligen Ansätze zu den unterschiedlichen historischen Hintergründen kritisch in Beziehung gesetzt. So entsteht ein vielschichtiges Netz, das neue Blickwinkel ermöglicht. Dagegen wirken die äußerst fundierten Werkbetrachtungen fast schon konventionell.

Dreißig Autoren haben an diesem 500 Seiten umfassenden Buch mitgewirkt. Auch wenn man sicherlich von einer neuen Standard-Publikation zu Felix Mendelssohn sprechen darf: Die beiden kooperierenden Verlage Bärenreiter und Metzler rufen einen happigen Preis auf, mit knapp hundert Euro. Doch dafür erhält der Leser ein Buch, das wie kein bisheriges die Spannungsfelder im Leben, Werk und Nachleben des Komponisten aufdeckt und sie zueinander in Beziehung setzt. Es spürt dem geschickten Netzwerker Mendelssohn ebenso nach wie den künstlerisch-ästhetischen Ideen, die ihn geleitet haben. Auf diesem Hintergrund wirkt das eingangs von der Herausgeberin benannte Fundament fast schon bescheiden.

„Die Konzentration auf Mendelssohns Schaffen, die Würdigung als bedeutender Komponist und der davon ausgehende Imperativ, sich forschend, hörend, nachdenkend seiner Musik zuzuwenden. Dies ist der Ausgangspunkt […] unseres Handbuchs.“

Christiane Wiesenfeldt: Mendelssohn-Handbuch

Musikstück der Woche Das Irish Chamber Orchestra unter Jörg Widmann spielt Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 11

Dass Romantik nicht automatisch großes Pathos bedeutet, beweist der Komponist und Dirigent Jörg Widmann zusammen mit dem Irish Chamber Orchestra und Mendelssohns sinfonischem Erstling.  mehr...

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