Literatur

„Charly Hübner über Motörhead“: Ein Freiflug zum Himmel

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Seine Begeisterung für harte Rockmusik war eine fast zwingend logische Trotzreaktion auf langweilige sonntägliche Auto-Ausflüge mit den Eltern. Gegen James Last aus dem Autoradio war Motörhead für den Schauspieler Charlie Hübner als Jugendlicher eine Befreiung. Jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben.

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Lemmy Kilmister als Identifikationsfigur

Zu Beginn seines Buches schildert Charlie Hübner eine Party, die eigentlich schon vorbei ist. Doch dann legt jemand „Ace of spades“ auf, eines der bekanntesten Lieder von Motörhead, und auf einmal sind die Lebensgeister wieder geweckt.

Lemmy Kilmister, der verstorbene Chef von Motörhead, war für Fans harter Rockmusik so etwas wie jedermanns Lieblingsonkel. Er galt als authentisch und eigensinnig und eignet sich somit bis heute als Identifikationsfigur für junge Männer, die sich als widerspenstige Wilde fühlen. Als solchen beschreibt sich auch Charlie Hübner, Jahrgang 1972, wenn er auf seine Jugend in der DDR zurückblickt.

Lemmy Kilmister (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / NurPhoto | Seung-il Ryu)
Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister starb 2015 an einer Krebserkrankung, wird jedoch bis heute in der Rock- und Metalszene als Legende verehrt. picture alliance / NurPhoto | Seung-il Ryu

Die Musik von Motörhead als Befreiung

Hübners Begeisterung für harte Rockmusik war eine fast zwingend logische Trotzreaktion auf langweilige sonntägliche Auto-Ausflüge mit den Eltern, untermalt von deutschen Schlagern und Instrumentalschnulzen von James Last.

Auf Melodien also, die, so Hübner sarkastisch, „eindeutig zu Herzen gehen sollen“. Dagegen ist ein Song wie „The Hammer“ von Motörhead für einen übellaunigen 14-Jährigen wie eine Befreiung, ein Freiflug zum Himmel.

Hübner liefert Literarische Qualität und unterhaltsame Bilder

Hübner fallen schöne und unterhaltsame Bilder ein, wenn er die rohe Dynamik dieser britischen Hardrockband schildert: „Es fühlt sich an, als würden wir einen Hochofen in eine Kleingartenanlage stellen.“

Es liegt auch an der literarischen Qualität dieses Büchleins, das ein Stück weit auch Autobiographie ist. Die Figur „Orgasmatron“ vom gleichnamigen Motörhead-Album aus dem Jahr 1986 etwa wird bei Hübner zum grimmigen Bruder der Wagnerschen Nibelungen-Figur „Edda.“

Und dann ist da noch ein Teufel namens Memphis, der ihn mitnimmt zum wilden Ritt auf einem Zeitstrahl zurück zu den Orten seiner Jugend in Mecklenburg-Vorpommern: Dörfer, Seen, Kultursäle.

Charly Hübner und Monchi  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Bernd Wüstneck/dpa)
2017 führte Charly Hübner Regie bei „Wildes Herz“, einer Dokumentation über die polarisierende Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ und ihren Frontmann Monchi. picture alliance / Bernd Wüstneck/dpa

Eine elegante und filigrane Erzählweise, die trotzdem rockt

Zuletzt begegnet ihm mithilfe des Leibhaftigen auch noch Lemmy persönlich. Hübners Motörhead-Würdigung mit einem Song seiner Lieblingsband zu vergleichen, wäre ein hübsches, naheliegendes Fazit.

Aber es passt nicht, denn Hübners Erzählweise ist zu filigran und elegant. Aber, um sich mal am Idiom des Musikgenres zu versuchen: es rockt trotzdem. Tierisch.

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