Buchkritik

Carlos Ruiz Zafón – Der Friedhof der vergessenen Bücher

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Rotes Blut, schwarze Umhänge und die Gassen von Barcelona: In seinen Erzählungen spielt der spanische Autor mit bekannten Motiven und lässt Figuren aus seinen Weltbestsellern wie „Der Schatten des Windes“ auftreten. Leider überzeugt der Band, der jetzt ein Jahr nach Zafóns Tod erscheint, SWR2 Kritikerin Julia Schröder nicht.

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Dicke Bücher für Liebhaber metafiktionaler Labyrinthe

Als „Der Schatten des Windes“ vor zwei Jahrzehnten zum Weltbestseller wurde, hatte der Mythos Barcelona seinen Herold gefunden: Carlos Ruiz Zafón, einen Sohn der Stadt, aufgewachsen im gotischen Viertel nicht weit von Gaudís Sagrada Familia und in seiner Wahlheimat Los Angeles mit allen Wassern effektvollen Erzählhandwerks gewaschen.

Sein Erfolgsrezept war eine Mischung aus Vergangenheitsbewältigung, symbolistischer Flechtarbeit und Referenzen an kanonische Werke der Weltliteratur. Sie findet sich auch in den Romanen wieder, die dem „Schatten des Windes“ folgen sollten, also „Das Spiel des Engels“, „Der Gefangene des Himmels“ und „Das Labyrinth der Lichter“. Alle vier setzen auf die Suggestivkraft der paradoxen Genitiv-Konstruktion im Titel, und alle vier sind ziemlich dicke Bücher, geschrieben für Leser, die sich gern in metafiktionalen Labyrinthen verlieren.

Zafón kann die Welt der gefallenen Engel mit der von Investmentberatern verbinden

Das eine – der Titel-Genitiv – trifft auch auf den posthum erscheinenden Erzählungsband „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ zu. Das andere nicht. Das Buch überhaupt auf mehr als 200 Seiten zu bringen, ist dem Verlag nur dank großzügigem Satzspiegel, doppelter Leerseite zwischen den einzelnen Geschichten, im Text verstreuten Abbildungen und einem aufgeblähten Anhang gelungen.

Es enthält zudem einiges, was verstreut bereits auf Deutsch erschienen ist, darunter die Cervantes-Hommage „Der Fürst des Parnass“. Bisher unveröffentlicht sind sieben Texte des Bandes, darunter eine Neubearbeitung von Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ a l’estil català und zum Abschluss eine New Yorker „Apokalypse in zwei Minuten“ – zwei Seiten von extrakthafter Dichte, auf denen der Autor zeigt, dass er durchaus in der Lage ist, die Welt der gefallenen Engel mit der von Investmentberatern zu verbinden.

„Der Tag, an dem die Welt unterging, erwischte mich an der Ecke Fünfte / Siebenundfünfzigste Straße, als ich gerade auf mein Handy schaute.“
(Carlos Ruiz Zafón - Der Friedhof der vergessenen Bücher)

Und dann erfahren der Ich-Erzähler und eine Rothaarige mit silberhellen Augen nicht nur die Apokalypse, sondern auch die große Liebe und den Sinn des Lebens im Schnelldurchlauf.

Elf Erzählungen von Coming of Age und Thriller bis – natürlich - zur Geistergeschichte

Neben solchen Fingerübungen zitieren die elf Erzählungen im „Friedhof der vergessenen Bücher“ unterschiedliche Genres, von Coming of Age und Thriller bis – natürlich - zur Geistergeschichte. Zusammengenommen geben sie einen Eindruck, wie Carlos Ruiz Zafón sich auf der kürzeren Strecke schlägt.

Was die Fans freuen wird, ist der Rückgriff auf Themen, die sie aus den Romanen kennen: die Narben der Franco-Diktatur, die leitmotivisch ausgepinselte schicksalhafte Verstrickung des Individuums in die Wirren der Weltläufte und die Geheimnisse von Barcelona.

Auch liebgewonnenen Figuren dürfen sie wiederbegegnen. Der unglückliche Geschichtenschmied David Martín hat ebenso seinen Auftritt wie der luziferische „Signore“ Corelli, der bibliophile Ex-Geheimdienstler Fermín de Torres sowie zwei Ahnherren der Buchhändlerdynastie Sempere, die in allen vier Romanen den Friedhof der vergessenen Bücher hütet.

Totenblasse Glieder, rotes Blut und schwarze Umhänge sprenkeln die Seiten

Was in der kurzen Form besonders auffällt, sind Ruiz Zafóns erzählerische Spezialeffekte. Ein Alter ego des Autors, der Labyrinthebauer Edmond de Luna in einer Geschichte aus der Zeit der spanischen Inquisition, bringt die Wirkung auf die Leserschaft in schöner Offenheit auf den Punkt:

„Der Trick bestehe darin, den Zuhörern immer den Speck durch die Zähne zu ziehen, hatte ihn ein weiser Erzähler in Damaskus gelehrt. ,Sie werden dich dafür hassen, aber sie werden immer noch mehr von dir verlangen.‘“
(Carlos Ruiz Zafón - Der Friedhof der vergessenen Bücher)

In seinem Bemühen, den Lesern den Mund wässrig zu machen, greift Carlos Ruiz Zafón zu bewährten Verfahren wie dem Spiel der Morbidezza-Motive. Totenblasse Glieder, rotes Blut und schwarze Umhänge sprenkeln die Seiten, gotisches Pfeilerwerk, krabbelnde Spinnen und marmorne Engel werden aufgefahren, dazu Nebel und Dunst, Schatten und Asche, kurz, all das, was nichts Gutes ahnen lässt.

Sprachliche Übertreibung und gesuchte Bilder können die Flachheit der Imagination nicht vergessen machen

Die Anleihen bei Viktorianischer Literatur und Décadence ermüden in ihrer Routiniertheit jedoch bei fortschreitender Lektüre. Wiederholt fällt der Reiseführergemeinplatz „Gassengewirr“. Und es hilft nicht immer, wenn Ruiz Zafón hier und da Dialogwitz oder die melancholisch gefärbte Selbstironie des Erzählers aufblitzen lässt.

Die sprachliche Übertreibung, die gesuchten Bilder und Metaphern können die Flachheit ausgerechnet der Imagination auf Dauer nicht vergessen machen, so dreist die comichaften Vergleiche über den Text gestreut werden mögen:

Zitat: „Einen endlosen Augenblick lang erstarrte der Regen in der Luft wie Tausende kristallener Tränen, die im Leeren schwebten. Ich sah, wie der Engel sie auf die Stirn küsste und seine Lippen ihre Haut versengten wie glühendes Eisen.“

Zafón überlässt sich mit ungebrochenem Vergnügen überkommenen literarischen Frauenbildern

Unangenehmer als die stilistische Koketterie mit dem Kitsch wirkt eine inhaltliche Konstante, nämlich die der „schönen Leiche“. Den überkommenen literarischen Frauenbildern der femme fatale und der femme fragile, die – ob unschuldig oder verführerisch - für ihre Anziehungskraft mit Unglück und Tod bezahlen müssen, überlässt sich Carlos Ruiz Zafón in einigen dieser Erzählungen mit allzu ungebrochenem Vergnügen:

„(…) perlgraues Licht tropfte durch die Dachsparren. Ich fand sie auf dem Boden liegend, in den Händen noch immer das Buch. Ihre Lippen waren vom Reif vergiftet, das Gesicht weiß vom Eis, die Augen standen offen. Eine rote Träne hing auf ihrer Wange, und der Wind, der durch das weit geöffnete Fenster blies, begrub sie unter pulvrigem Schnee.“
(Carlos Ruiz Zafón - Der Friedhof der vergessenen Bücher)

Nichts gegen die kleinen Sünden des Trivialen, aber ein ganzes Buch, selbst wenn es dünn ist, mit solchem Bittermandelgenuss verdirbt den Appetit. Dass diese Sammlung zu Lebzeiten von Carlos Ruiz Zafón nicht erscheinen konnte, war womöglich gar kein Versäumnis.

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