Graphic Novel

Can Dündar und seine Erdoğan-Graphic Novel

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Der frühere Chefredakteur einer regierungskritischen Zeitung, Can Dündar, lebt inzwischen in Berlin im Exil. Zusammen mit dem Zeichner Mohamed Anwar hat er das Leben Erdoğans kritisch ausgeleuchtet.Was den beiden gelingt: Tatsächlich zu erklären, nicht zu verurteilen. Auch wenn es ihnen schwergefallen sein dürfte.

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Es geht um mehr als nur um den türkischen Präsidenten

Der Titel lautet schlicht: Erdoğan. Und doch geht es um so viel mehr als um den türkischen Präsidenten. Auch wenn das Leben des konservativen Politikers allein schon genug Stoff für einen Comicroman gibt, steht es auch für die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in der Türkei.

Im Vorspann heißt es: „Ich wollte das Leben des Mannes aufschreiben, der nicht nur meine, sondern auch die Zukunft des Landes bedrohte. Dabei durfte ich mich nicht von Wut überwältigen lassen. Vielmehr musste ich journalistische Objektivität wahren.“  

Blick in die Graphic Novel „Erdogan“ (Foto: Pressestelle, Correctiv)
Anwar unterstreicht die distanzierte Herangehensweise mit seinem nüchternen Strich, dem gekonnten Einsatz von Schatten und Perspektiven in schwarz-weiß.  Pressestelle Correctiv

Die Lebensgeschichte Erdoğans hilft zu verstehen, wie er zu dem Menschen wurde, der er ist

Eine Herausforderung für Can Dündar. Der regierungskritische Journalist hat selbst zu spüren bekommen, was es bedeutet, sich mit dem zunehmend autoritären Staat anzulegen: Er wurde verhaftet, verlor seinen Posten als Chefredakteur der traditionsreichen Zeitung Cumhuriyet und wurde nach seinem Gang ins Exil in Abwesenheit verurteilt. Seitdem schreibt er für verschiedene Zeitungen und veröffentlicht Bücher – jetzt zum ersten Mal einen Comic.  

Dafür hat sich Can Dündar mit dem preisgekrönten Zeichner Mohamed Anwar aus Ägypten zusammengetan. Da kann es passieren, dass Erdoğan sympathischer erscheint, als es Autor und Zeichner vielleicht lieb ist. Zumindest hilft seine Lebensgeschichte, zu verstehen, wie er wurde, wer er ist. Als kleiner Junge in einem armen, konservativen Umfeld in Istanbul leidet er unter einem brutalen Vater. Auch in der Schule herrscht Strenge.  

Größere politische Entwicklungen werden miteingeflochten

Der Vater schickt ihn auf die Koranschule, was ihn im Glauben prägen soll – wie auch der Fußball, der für ihn oft ein Ausweg ist. Dazu kommt bald die Politik. Die Verehrung des späteren Premierministers Erbakan, der Tod eines frühen Weggefährten – auch dies wird ihn prägen. 

Immer wieder werden größere Entwicklungen eingeflochten und eingeordnet: Die Proteste von Studierenden Ende der 1960er Jahre, oder der Afghanistan-Krieg der 70er Jahre. Mit 20 sieht die gezeichnete Figur Erdoğan annähernd so aus, wie wir ihn heute kennen, mit Schnurrbart und entschlossenem Blick. Auch viele Niederlagen hinterlassen ihre Spuren – und ein manipulierter Sieg, der ihn zum Vorsitzenden der Istanbuler Parteijugend der religiösen rechten MSP macht. 

Erdoğans Frau und ihr Wandel zur islamisch-konservativen Hausfrau wird eindringlich geschildert

Doch Erdoğan versteht es auch geschickt, seine konservative Agenda zu verstecken: Er öffnet er die Partei für Frauen, um die Basis auch in weltoffeneren Vierteln zu verbreitern.  

Heute wissen wir, dass Erdoğan seine Partei AKP und die Türkei mit harter Hand regiert. Dass seine Frau Emine Kopftuch trägt, sorgte schon vor Jahren für einen Aufschrei unter denen, die befürchteten, dass das Erbe der religiösen Neutralität aus der Gründungszeit der Republik in Gefahr ist.

Wie Emine Erdoğan sich in ihrer Jugend auf Druck ihrer Familie hin wandelt, von einer modernen jungen Frau, die westliche Mode und Musik mag, zu einer islamisch-konservativen Hausfrau, das ist in einer eindrücklichen Sequenz in dem Comic beschrieben, der ohnehin spannend erzählt ist.  

Keine Karikatur, sondern recherchiert und überprüft

„Es war, wie das Skript für einen Film zu schreiben. Mal wie ein Thriller, dann wieder wie ein Abenteuerfilm.“ heißt es in der Rahmenhandlung mit Autor Can Dündar und Zeichner Mohamed Anwar in Berlin. 

Alles recherchiert und überprüft mit Hilfe von Kolleginnen der Autoren. Und dabei entsteht keine Karikatur. Es gelingt den beiden tatsächlich zu erklären, nicht zu verurteilen. Auch wenn es ihnen schwer gefallen sein dürfte.  

Gespräch Hohe Haftstrafe für Can Dündar: Wie Erdogan die Pressefreiheit zertrampelt

Der Deutsche Journalisten-Verband DJV erhebt heftige Kritik wegen der hohen Haftstrafe gegen den türkischen Journalisten Can Dündar. „Das ist ein Zeichen des Staates, der kritische Berichterstattung nicht dulden möchte“, erklärt der DJV-Vorsitzende Frank Überall im Gespräch mit SWR2. Ein Gericht in Istanbul hatte Dündar am Vormittag zu 27 Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte Dündar vorgeworfen, Staatsgeheimnisse verraten und Spionage betrieben zu haben, weil dieser einen Bericht über türkische Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien verfasst hatte.
Die harte Strafe, meint Frank Überall, „soll offensichtlich davon abhalten, dass die türkische Bevölkerung, dass die Welt davon erfahren“. Überall weiter: „Für kritischen Journalismus ist das der Tod“. Sorge bereitet dem Vorsitzenden des DJV auch, dass langjährige Bemühungen für mehr Pressefreiheit in der Türkei wenig Früchte tragen. Unter Erdogan würden diese Ansätze für mehr Offenheit „zertrampelt“, so Überall.
Obwohl Dündar seit 2016 im Exil in Deutschland lebt sei das Urteil äußerst belastend. Es gehe nicht nur darum, dass er nicht mehr in die Türkei reisen dürfe: „Reisen ist für Can Dündar insgesamt ein Risiko“, urteilt Überall unter Hinweis darauf, dass die Türkei möglicherweise einen Interpol-Haftbefehl erlasse. Dabei habe Dündar nichts anderes gemacht als seinen Job.
Frank Überall ist studierter Politologe, Journalist und Autor. Er ist seit 2015 Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands DJV.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Lebenslang für die Wahrheit Der türkische Journalist und Autor Can Dündar

In der Türkei droht dem regierungskritischen Journalisten Can Dündar eine lebenslange Haftstrafe. Beim diesjährigen Prix Europa erhielt er den Sonderpreis "Europäischer Journalist des Jahres".  mehr...

SWR2 Tandem SWR2

Gespräch „Undoing Prison": Zehra Doğan, Aslı Erdoğan und Can Dündar schildern ihre Kunst im Gefängnis

Die Künstlerin und Journalistin Zehra Doğan, die Schriftstellerin Aslı Erdoğan und der Journalist Can Dündar gelten in der Türkei als „Staatsfeinde“ und leben im Exil. In einer Online-Diskussion am Berliner Gorki-Theater schildern sie, was es bedeutet, wenn Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Journalist*innen, für Gedanken verurteilt werden. Yunus Ersoy vom Gorki-Theater ordnet ihre Situation in der Türkei vor dem Hintergrund staatlichen Repression ein.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Aktuell Türkischer Machtpoker? Erdogan und der Fall Kavala

Gerhard Leitner  mehr...

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