Buchkritik Mario Adorfs Lebensbilanz „Zugabe!“

Von Sabine Mahr

Der Journalist Tim Pröse hat Mario Adorf über ein Jahr immer wieder zu Interviews getroffen. Das Buch „Mario Adorf – Zugabe!“ ist weniger eine klassische Biografie als eine reportageartige, stellenweise sehr persönliche Beschreibung eines großen Schauspielers.

Was der kleine Mario in der Hitlerjugend gelernt hat

„Good-Bye Johnny ...“, das Lieblingslied von Mario Adorf: In dem lakonischen Liedtext entdeckt Tim Pröse ein Stück der Gefühlsbeherrschung, die die Kriegs- und Nachkriegszeit Mario Adorf und seiner Generation verordnete: „Im Johnny-Lied will jemand tapfer sein…, selbst als es ihm seinen besten Freund hinfortfegt. So hatte das auch der kleine Mario gelernt bei der Hitlerjugend, als er selbst neun Jahre alt war und Hans Albers den Schlager aus dem Volksempfänger heraussang.“

Bilder Die großen Filmrollen von Mario Adorf

Schauspieler Mario Adorf bei der Berlinale (Foto: dpa - Ralf Hirschberger)
Mit seiner letzten großen Tournee zum gleichnamigen Buch "Zugabe" möchte sich der Schauspieler Mario Adorf von den großen Bühnen des Landes verabschieden. In seinem Programm blickt er zurück auf seine über sechzig Jahre andauernde Karriere. dpa - Ralf Hirschberger Bild in Detailansicht öffnen
Seinen großen Durchbruch feierte Adorf 1957 in der Rolle als bestialischer Frauenmörder im Kriminalfilm "Nachts, wenn der Teufel kam". dpa - Bild in Detailansicht öffnen
Nach einigen kleineren Rollen in diversen Western spielte er in Winnetou I. den Schurken und Winnetou-Gegenspieler Santer. Den Mord an Winnetous Schwester Nscho-tschi haben ihm viele Fans bis heute nicht verziehen, so Adorf. imago - KPA Bild in Detailansicht öffnen
In den kommenden Jahren spielte Adorf vorrangig raubeinige Persönlichkeiten und Schurken. Im Dreiteiler "Tresko" spielte er einen BND-Mann, dem man Verrat vorwarf. imago - Bild in Detailansicht öffnen
Das wohl berühmteste Filmzitat Adorfs stammt aus der Satire "Kir Royal", wo er den Industriemagnaten Heinrich Haffenloher mimte. "Isch scheiß dich sowat von zu mit meinem Geld, dass de keine ruhige Minute mehr hast" ist heute noch Kult. dpa - Bild in Detailansicht öffnen
In einer Kriminalverfilmung der Nibelungensage spielte Adorf den Siegfried. dpa - Bild in Detailansicht öffnen
Adorf sagte häufig über sich, es sei sein größter Traum, einmal Karl Marx zu spielen. Dieser Traum wurde ihm 2018 erfüllt: in einem Zweiteiler von Arte verkörperte er den Philosophen. imago - Bild in Detailansicht öffnen
Nicht nur auf der Leinwand, sondern auch auf den Bühnen fühlte sich Mario Adorf stets wohl. Viele Jahre verbrachte er mit dem Theaterspielen. In „Enigma“ spielte er unter der Regie von Volker Schlöndorff den Literaturnobelpreisträger Abel Znorko. dpa - Claudia Esch-Kenkel Bild in Detailansicht öffnen

Mehr Persönlichkeitsbeschreibung als Biografie

Es sind solche assoziativen Verknüpfungen zwischen Adorfs Wesenszügen und der Zeitgeschichte, die das neue Buch zu einem besonderen Porträt machen. Mehr reportageartige Persönlichkeitsbeschreibung als Biografie, sortiert es das umfangreiche Interviewmaterial nicht chronologisch, sondern nach thematischen Kapiteln: Über Adorfs Frauen etwa, seine Kollegen, seine Fehler.

Brief an Günter Grass

Eingeflochten sind einige unbekannte schriftliche Dokumente: Notizen über den Tod, der Lebenslauf für die Schauspielschulbewerbung von 1953 oder ein Brief an Günter Grass – kurz nach dessen Geständnis, in die Waffen-SS eingetreten zu sein. Adorf erzählt, wie er nach einem Führerlehrgang in Hermeskeil fast das Gleiche getan hätte und resümiert: „Auch ich war nicht eindeutig für etwas, aber gewiss nicht eindeutig dagegen, und ich glaube fest, dass beide Haltungen zumindest im unreifen Alter, durchaus nebeneinander bestehen können.“

Im Zentrum stehen Adorfs bekannteste Rollen, seine erste als Massenmörder Bruno Lüdke oder die des Klebstofffabrikanten Haffenloher.

Manchmal wird der Autor auch zum unkritischen Fan

Manchmal interpretiert Tim Pröse ein wenig schnellfertig Bedeutungen in Adorfs Namen, in sein Aussehen, seine Stimme, sein markantes Profil oder seine farbenfrohe Kleidung. Da wird Tim Pröse ganz zum unkritischen Fan.

Mario Adorf am Sterbebett seiner Mutter

Doch in anderen Kapiteln bewegt er den Schauspieler einfühlsam zu Antworten auf große Fragen, etwa was Mario Adorf am Sterbebett seiner Mutter gefühlt hat. „Ich habe an meine eigene Sterbeszene gedacht, die irgendwann kommen wird. Auch an die vielen Tode, die ich gespielt habe. Heute muss ich sagen, viele davon leichtfertig, etwa in irgendwelchen Actionfilmen und Western, in denen man sich einfach totschießt. Ich frage mich, wie bewusst wird dieser Moment sein? Man stirbt ja selten mit klarem Kopf. Aber wenn doch, dann werde ich es mir nicht verkneifen können und denken: 'Aha, so stirbt man also wirklich'.“

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