Warum die Buchbranche in Frankfurt den Literaturnobelpreis vermisst "Ein Jahr Preisfasten reicht!"

Von Rainer Volk

2018 ist das Jahr ohne Literaturnobelpreis. Nach einem Skandal um Vergewaltigungen und nach Rücktritten von Jury-Mitgliedern muss sich die zuständige Akademie in Stockholm erst neu finden. Nun also auch eine Frankfurter Buchmesse ohne Literaturnobelpreisbekanntgabe. Die Buchbranche diskutiert, ob ihr etwas fehlt.

Das Raunen in den Messehallen fehlt

Man könnte sagen: Frankfurt fehlt dieses Jahr das Positive: "Es ist immer ein schönes Gefühl gewesen, wenn so ein Raunen durch die Messehallen ging; wenn der Literaturnobelpreis und die Buchmesse zusammen fielen". Tanja Warter, Pressesprecherin Belletristik beim C.H.Beck-Verlag, erklärt das "schöne Gefühl" mit Hertha Müller, die 2009 geehrt wurde:

"Man hat sich mitgefreut, mit der Autorin, mit dem Verlag. Man hat sich ein bisschen für das deutsche Verlagswesen gefreut, für den Buchhandel – für alle, die daran beteiligt sind. Und durch die Nicht-Wahl ist sozusagen eine Wahl nicht besetzt worden, eine Empfehlung nicht ausgesprochen worden. Deshalb vermiss‘ ich den Literaturnobelpreis".

Großereignis für die Branche – Glück für einen Verlag

Da hat sie Gesellschaft: Nicht bei den Kritikern, aber bei Helge Malchow, Verleger bei Kiepenheuer und Witsch, der literarischen Heimat von Preisträgern wie Le Clezio, Bellow oder Böll:

"Das ist immer ein Großereignis – nicht nur für den jeweiligen Verlag, der dann der Glückliche ist und dann in seiner deutschen Übersetzung den Nobelpreisträger in seinem Programm hat, sondern für die gesamte Branche".

Der Literaturnobelpreis hat auch immer für Diskussionen gesorgt

"Literaturnobelpreis" bedeutet nämlich: Auflage, Geld, Bekanntheit. Wichtig, wenn der Laureat kein Literatur-Promi ist und sein deutscher Verlag nicht Teil eines internationalen Medien-Imperiums. Torsten Arend, Lektor des Wallstein-Verlags:

"Wir haben dieses Jahr ein Buch gemacht, da stand in einer Rezension: Philippe Jacottet, der sollte eigentlich in diesem Jahr den Nobelpreis kriegen. Und ausgerechnet dieses Jahr wird er nicht vergeben. Da hab‘ ich gedacht: Das wäre natürlich eine schöne Sache gewesen".

Weshalb es den Literaturnobelpreis braucht – auf diese Frage gibt es in der Umfrage eher indirekte Antworten: Jo Lendle, Verleger beim Hanser-Verlag, verweist auf die Tatsache: Es trifft immer nur einen oder eine auf der ganzen Welt:

"Das ist ja mal der Fall, wo wirklich mal zusammen gesprochen wird: Ist das die richtige Entscheidung, wie kann man denn den über-sehen – oder die? Und das erleben wir beim Buchpreis genauso – und beim Büchner-Preis – und so weiter. Aber der Nobelpreis ist da einfach nochmal ein Stockwerk höher".

Den Preis dieses Jahr auszusetzen, war die richtige Entscheidung

Einhellige Ansicht scheint: Nach den Stockholmer Skandalen für ein Jahr auszusetzen mit dem Preis war richtig.

"Es wäre falsch gewesen, in diesem Jahr so zu tun, als könne man "business as usual" einen Nobelpreis verleihen, der dann beschädigt gewesen wäre." "Das hatte sich ja dermaßen erhitzt und skandalträchtig aufgebaut, dass der Preis in diesem Jahr, wenn er denn dann verkündet worden wäre, überschattet gewesen wäre von diesen Debatten". Sagen die Verleger Lendle und Malchow. Letzterer orakelt, nächstes Jahr werde die Scharte ausgewetzt:

"Irgendwo habe ich auch gehört, dass man nächstes Jahr vielleicht zwei Preisträger kürt. Das fände ich auch super."

Mag sein: Das ist nur ein Gerücht. Ziemlich sicher ist für alle: Ein Jahr Preisfasten reicht! Und: Wirklich beschädigt sind Jury und Preis nicht durch die Affären. Lachhaft – sagt Torsten Arend vom Wallstein Verlag:

"Die Jury beschädigt – Gottchen! Dann kommt eine andere Jury. Nobelpreis! Wenn’s was 100 Jahre gibt, dann ist das nicht wegen eines Unfalls beschädigt".

Der alternative Literaturpreis wird eher skeptisch betrachtet

Den selbst ernannten alternativen Literaturpreis hält man in Verlegerkreisen eher für Marketing. Hinter vorgehaltener Hand heißt es: Sollte der Favorit Haruki Murakami das Rennen machen, stünde fest, wer den richtigen Literaturnobelpreis im Jahr 2019 nicht bekomme.

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