Gespräch

Buch über einen neuen Typ von Protestierenden – „Gekränkte Freiheit: Aspekte des libertären Autoritarismus“

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Frauke Oppenberg

Verschwörungstheorien haben Konjunktur – spätestens die Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus haben diesen Trend befeuert. Die Behauptung der subjektiven Freiheit steht meist im Zentrum der Proteste. „Freiheit wird hier verstanden als etwas rein individuelles, das soziale Abhängigkeiten leugnet", sagt die Soziologin Carolin Amlinger bei SWR2. Gemeinsam mit dem Soziologen Oliver Nachtwey hat sie das Buch „Gekränkte Freiheit“ geschrieben.

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Wie passt Freiheitsdenken und Autoritarismus zusammen?

Noch vor einigen Jahren hätte man gedacht, dass Hippies und Nazis wenig miteinander zu tun haben, bei den Querdenken-Protesten aber konnte man beobachten, wie alternative Menschen gemeinsam mit Rechten gegen die Corona-Maßnahmen demonstrierten. Die Teilnehmer*innen stammen aus verschiedenen Bildungs- und Bevölkerungsschichten, aber sie eint der Wunsch frei von Rücksichtnahme, frei von gesellschaftlichen Zwängen, frei von Solidarität zu sein.

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey – beide lehren und forschen an der Uni Basel im Fach Soziologie – gehen in ihrem Buch „Gekränkte Freiheit“ dem sogenannten liberalen Autoritarismus auf den Grund.

„Zunächst sind das ja eigentlich zwei Widersprüche, die man so gar nicht einfach zusammenbekommt“, sagt Amlinger bei SWR2, „wie kann autoritär sein und Freiheitsdenken zusammengehen und tatsächlich ist es so, dass die meisten Menschen, mit denen wir in unserer Forschung gesprochen haben, sich selbst auch gar nicht als Rechte oder Autoritäre bezeichnen würden."

Befragte bezeichnen sich selbst als liberal

Stattdessen haben die Forscher festgestellt, dass sich die Menschen meist eher als Liberale oder selbstbestimmte Autonome bezeichneten, denen die Bewegungsfreiheit und die individuelle Lebensfreiheit sehr wichtig sei.

Diese individuelle Freiheit sei so wichtig, erklärt die Autorin, dass dieses Freiheitsverständnis eine autoritäre Trift bekomme. „Freiheit wird hier als etwas rein individuelles Verstanden, das soziale Abhängigkeiten leugnet und wird auch aggressiv verteidigt gegen alle Personen und auch Intuitionen des Staats, die dies Freiheitsrechte einschränken wollen", so Alminger.

Sachbuch „Die Weltverbesserer“: Knut Cordsen über Aktivismus als gesellschaftlichen Dauerstreit

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