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SWR2 Buch der Woche vom 02.12.2018 Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert

Von Carolin Courts

Bettina Wilpert hat mit "Nichts, was uns passiert" einen Roman geschrieben, der eine erschreckende, weil fast schon alltägliche Geschichte sexualisierter Gewalt erzählt. Ihr Debüt in einem kleinen Verlag, das auch wegen des relevanten Themas Furore macht, ist aber elegant geschrieben und klug erzählt.

So wundern weder die vielen Auszeichnungen noch die guten Verkaufszahlen.

6:35 min

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Buch der Woche am 02.12.2018

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert, NEU

Carolin Courts

Bettina Wilpert hat mit „Nichts, was uns passiert“ einen Roman geschrieben, der eine erschreckende, weil fast schon alltägliche Geschichte sexualisierter Gewalt erzählt. Ihr Debüt in einem kleinen Verlag, das auch wegen des relevanten Themas Furore macht, ist aber auch elegant geschrieben und klug erzählt. So wundern weder die vielen Auszeichnungen noch die guten Verkaufszahlen.| Verbrecher Verlag, <br />168 Seiten, 19 Euro.| Rezension von Carolin Courts.

Buchcover: Nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert

Bettina Wilpert

Nichts, was uns passiert

Verlag:
Verbrecher Verlag
Länge:
168 Seiten
Preis:
19,00 Euro
Bestellnummer:
9783957323071

Bettina Wilperts erster Roman ist ihr zweiter

Bettina Wilpert ist eine der am meisten beachteten Debütantinnen des Jahres. Dabei ist der Roman, um den es geht, eigentlich schon ihr zweiter. Für den ersten hat sie keinen Verlag gefunden. Damals hat sie sich gesagt: „Mit dem Zweiten muss es klappen!“ – und das hat es dann auch.

Autorin Bettina Wilpert

Autorin Bettina Wilpert

Bettina Wilpert hat mit "Nichts was uns passiert" nicht nur den Aspekte-Literaturpreis des ZDF gewonnen, sondern auch den Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaats Sachsen und den Melusine-Huss-Preis. Das ist umso weniger selbstverständlich, als die Autorin ein heikles Thema gewählt hat.

Es gibt Täter und Opfer

Für Bettina Wilpert selbst ist der Fall völlig klar. Wenn man sie fragt, sagt sie, dass sie einen Roman über eine Vergewaltigung geschrieben hat. Nicht über ein Missverständnis zwischen einer Frau und einem Mann. Die Schlüsselszene liest sich so:

Anna sagte, sie hatte zwar einen Filmriss, aber keinen durchgehenden. Sie konnte sich erinnern: Dass sie auf Jonas' Bett lag. Dass er ihre Hose auszog. Sie registrierte zuerst nicht, was passierte. Als sie es merkte, wehrte sie sich, aber er war stärker, drückte sie an den Handgelenken in die Matratze. Er drang in sie ein. Irgendwann gab sie den Widerstand auf, es hatte keinen Sinn, sie war zu betrunken, und er war größer und stärker. Hauptsache, es ging schnell vorbei.

"Ich finde, es gibt genügend Hinweise, was da passiert ist, und es ist mir selber auch wichtig, dazu eine Haltung zu haben. Auf Lesungen spreche ich ganz klar von Betroffener und Täter und nicht von vermeintlichem Opfer und vermeintlichem Täter. Ich habe jetzt schon mit vielen Leuten gesprochen, und es gibt natürlich diese Lesart, dass es nicht aufgelöst wird, das ist mir auch klar", sagt Autorin Bettina Wilpert.

Ein Roman, der zum Diskutieren einlädt

Nur knappe 170 Seiten lang ist das Debut von Bettina Wilpert – aber die Diskussionen, die es begleiten, gehen tief und sind von grundsätzlicher Natur. Denn die Begegnung zwischen Anna und Jonas besteht aus mehr als dieser Schlüsselszene.

Und für etliche Leser liefern die Begleitumstände gleich mehrere Gründe, an der Vergewaltigung zu zweifeln.

Da ist einmal die Vorgeschichte. Anna und Jonas kennen sich aus dem linken Leipziger Studentenmilieu. Sie haben ähnliche Interessen, können einander leiden – und sie waren zuvor schon einmal zusammen im Bett – einvernehmlich.

Ganz genau erinnerte sich Anna nicht daran – nur, dass es klassisch gewesen war, wenig Dynamik. Beide waren sehr betrunken. Dass sie unten gelegen hat und es schnell vorbeiging. Dass das erste Mal Sex mit einer Person nie gut ist. Danach schliefen sie ein.

Auch, was nach dieser ersten Nacht passiert, gehört mit zu den Begleitumständen. Beiden Beteiligten ist klar, dass aus ihnen kein Paar werden wird. Jonas hängt noch seiner frisch gescheiterten Langzeitbeziehung nach; Anna ist in einer schweren Sinnkrise, weil sie ihr Studium abgeschlossen und keinen Plan für die Zukunft hat.

Der Leser muss sich sein eigenes Bild machen

Von Liebe ist keine Rede. Aber Leipzig ist klein, Anna und Jonas laufen einander schon bald wieder über den Weg – und wo sie sich begegnen, wird stets sehr viel Alkohol getrunken.

Anna wusste nicht mehr, welches Spiel es war. Vielleicht Deutschland – Belgien? Wie immer kam sie zu spät. Sie schaffte es nie, pünktlich zu kommen und ärgerte sich jedes Mal über sich selbst. Anfangs saß sie neben Hannes und war vom Spiel gelangweilt, eigentlich hatte sie nur Lust, Bier zu trinken und sich zu unterhalten. Da setzte sie sich zu Jonas, weil sie wusste, dass auch er sich nicht für Sport interessiert.

Bettina Wilpert erklärt dazu: "Mir war es bei Jonas schon ziemlich wichtig, dass er sympathisch ist, und auch, dass es eben in diesem Milieu spielt, und dass jetzt nicht nur arbeitslose Hartz-IV-Empfänger Frauen vergewaltigen, sondern auch reflektierte junge Männer; das hat, glaube ich, auch funktioniert.

Bei Anna, habe ich mir ein bisschen weniger Gedanken gemacht, die war dann irgendwann da als Figur. Für mich ist sie sympathisch, aber ich glaube, dass Leute, die psychische Probleme haben, oft erstmal nicht so charismatisch wirken."

Die Gemengelage, die Bettina Wilpert aufbaut, ist bewusst nicht dazu angetan, es dem Leser einfach zu machen.

Die Charaktere schüren Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Anna

Es gibt diesen vermeintlich anständigen jungen Mann, der an seiner Dissertation schreibt und sich ehrenamtlich engagiert – und eine junge Frau, die immer schlechte Laune hat, kein Ziel im Leben verfolgt und so gewohnheitsmäßig säuft, dass sie von dem Sommer, um den es im Roman geht, sowieso die Hälfte vergessen hat.

Sie wartet einen vollen Monat, dann zeigt sie Jonas aus einer Laune heraus an. Da geraten nicht nur Teile des Publikums in Zweifel, sondern auch die unbeteiligten Figuren im Buch:

Ich fragte Hannes, was sein erster Impuls war, ob Jonas die Wahrheit gesagt hatte. Er überlegte und antwortete, dass er ihm glaubte. Er ging zu Anna, weniger für Jonas als für sich selbst. Nach dem Gespräch mit dem Freund schien die Sache klar gewesen zu sein: Anna log, Jonas wurde zu Unrecht beschuldigt. Hannes vereinbarte mit Anna keinen Termin, er klingelte an ihrer Haustür. Sie war zu Hause, er hörte ihre Schritte im Flur. Oh, du bist es, sagte Anna. Sie wirkte neben der Spur.

Die allermeisten sexuellen Übergriffe werden niemals angezeigt

Wer die Ich-Figur ist, die hier kurz aufscheint, lässt Bettina Wilpert absichtlich im Dunkeln. Vorstellen dürfe man sich alles, sagt sie. Eine Journalistin, eine Ermittlerin, eine gemeinsame Freundin. Ist nicht entscheidend. Wichtig sind ihr andere Dinge.

Einige davon sind Zahlen. 95 Prozent aller sexuellen Übergriffe – so steht es auch im Buch – werden niemals angezeigt. Unter anderem, weil die Frauen den Spießrutenlauf fürchten. Die Urteile. Den Unglauben. Insofern ist es bezeichnend, wie sich die Romanhandlung entwickelt.

Manchmal vergaß Anna, dass sie die Anzeige gestellt hatte. Ihre Anwältin hielt sie auf dem Laufenden, aber nichts passierte, so ging der Winter vorüber und im Frühling beruhigte sich alles ein wenig. Ja, sie bereute es, die Anzeige gestellt zu haben. Sie hasste es, dass alle zu wissen schienen, was passiert war. Sie hielt diese Blicke nicht aus. Dass sie die Leute am liebsten angeschrien hätte, sie sollten sich um ihren eigenen Scheiß kümmern, aber dann wäre sie nicht nur das Opfer, sondern auch die Verrückte.

Das Buch ist kein Erlebnisbericht der Autorin

Bettina Wilpert, die mit ihrem Debut auf Lesereise unterwegs ist, hat eigene Erfahrungen mit Distanzlosigkeit gemacht. Gerechnet habe sie damit vor der Veröffentlichung ihres Romans nicht, sagt sie – aber nun müsse sie sich von Wildfremden fragen lassen, ob sie denn eigentlich selbst vergewaltigt worden sei. Alternativ wird es auch mal direkt unterstellt:

„Ich glaube, in Chemnitz war das, wo eine Frau am Anfang der Lesung zu mir kam, was ich eigentlich krass fand, und die meinte: „Ja, Respekt, dass Sie das geschafft haben, dieses Buch zu schreiben, wo Ihnen das ja selber passiert ist.“ „Nee, das ist mir zum Glück nicht passiert.“ Auf Lesungen wird dann relativ schnell klar, glaube ich, wie ich darüber rede, dass ich selbst kein Opfer von sexualisierter Gewalt bin."

Das Buch erscheint zur rechten Zeit

Trotz der teilweise unerfreulichen Gespräche: Bettina Wilpert bereut nicht, diesen Roman geschrieben zu haben. Gute Verkaufszahlen, mehrere Preise und weitere Nominierungen bestärken sie darin.

Und tatsächlich handelt es sich um einen elegant geschriebenen, klug erzählten und vor allem relevanten Text, der – mit Blick auf die gesellschaftliche Debatte – zu keinem besseren Zeitpunkt hätte erscheinen können.

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