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SWR2 Buch der Woche am 13.04.2015 Verena Boos: Blutorangen

Titel und Aufmachung dieses Romans mit den hübsch gestalteten Früchten auf dem Umschlag würden auch ins Sortiment leichter Liebesliteratur passen. Doch in ihrem Debüt "Blutorangen" konfrontiert Verena Boos den Leser mit harter Kost. Die 1977 geborene promovierte Historikerin schlägt die düstersten Kapitel spanischer und deutscher Vergangenheit auf. "Blutorangen" kreist um die vielschichtigen Verbindungen zwischen Franco-Diktatur und Nationalsozialismus, um das Schweigen über Schuld und Traumata und dessen fatale Folgen selbst noch für die Generation der Enkel.

Buchcover-Verena Boos: Blutorangen

Buch

Verena Boos

Blutorangen

Verlag:
Aufbau Verlag
Länge:
411 Seiten
Preis:
19,95 Euro
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7:29 min

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Buch der Woche am 13.04.2015

Verena Boos: Blutorangen

Stefanie Laaser

Aufbau Verlag <br />411 Seiten <br />19,95 Euro <br />Rezension von Stefanie Laaser

Maite weiß sehr wenig über die Geschichte ihres Landes und über die ihrer Familie. Wie wenig, das wird der jungen Spanierin erst klar, als sie ein Studiensemester in München verbringt. Bis dahin hat sie geglaubt, ihr autoritärer und erzkonservativer Vater – gegen den sie instinktiv rebelliert – sei vor seiner Zeit in der spanischen Armee ein einfacher Dorfpolizist gewesen.

Im Jahr 1990, 15 Jahre nach Francos Tod, hat die 20jährige Maite keinen blassen Schimmer davon, was es heißt, während der Diktatur Karriere beim Militär gemacht zu haben – und sie weiß nichts von den Verbrechen der Guardia Civil, der spanischen Polizei, in den ersten Jahren des Franquismus.

Nun entdeckt sie bei den deutschen Verwandten ihres Freundes Carlos das Schwarzweißfoto eines Wehrmachtssoldaten, auf dem sie im ersten Schreck ihren Vater zu erkennen glaubt. Von ihm hat sie zuhause einmal ein ähnliches Foto aufgestöbert.

Maite erkennt diese Uniform wieder, doch erst jetzt betrachtet sie sie genau. […] Schulterklappen mit einer weißen Bordüre eingefasst, vom zweiten Knopf geht ein Band ins Innere der Jacke. Über der rechten Brusttasche ein Adler mit Hakenkreuz, die Flügel absurd in die Breite gezogen. Links auf der Tasche eine runde Medaille und ein schwarzes Kreuz mit weißem Rand. Das gleiche Kreuz hat ihr Vater in seinem Schreibtisch in einem Kistchen liegen, zusammen mit diesem albernen Amulett: "Feind, bleib stehen!".

Verena Boos verschränkt in ihrem Roman "Blutorangen" das Schicksal einer Täter- mit dem einer Opferfamilie und steigt dabei im wörtlichen Sinn hinunter in die tiefsten Tiefen der spanischen Vergangenheit: Am Anfang und gegen Ende des Buchs steht man um den Rand eines frisch ausgehobenen Massengrabes in der Nähe von Valencia - die Leichen von sieben Republikanern, 1939 auf freiem Feld von Polizisten der Guardia Civil erschossen. Dazwischen blendet die Autorin in Episoden Erinnerungen ihrer Figuren ein.

Die unterschiedlichen Erzählstränge folgen dabei keiner Chronologie, die Handlung springt hin und her zwischen Schauplätzen und Zeitpunkten: Valencia und das ländliche Spanien zur Zeit von Francos Machtergreifung 1939, ein Flüchtlingslager für spanische Republikaner in Frankreich 1940, spanische Freiwillige im Einsatz für das Deutsche Reich vor Stalingrad 1941, München im Herbst der deutschen Wiedervereinigung 1990, eine Zugfahrt von München nach Valencia im Sommer 2004.

Verbindendes Motiv zwischen den verschiedenen Zeiten, Orten und politischen Lagern sind die Orangen: Auf der einen Seite Maites Familie, eine valencianische Orangenbauer-Dynastie, auf der anderen der spanische Großvater von Carlos, der sich im zweiten Weltkriegs auf dem Münchner Großmarkt eine Existenz als Orangenhändler aufgebaute. Als junger, republikanisch gesinnter Mann ist dieser Großvater, Antonio, 1939 nach Frankreich geflohen. Von dort geriet er unter dramatischen Umständen in einen Deportationszug in Richtung Mauthausen, während Frau und Sohn im französischen Flüchtlingslager zurückblieben. Bei einem Zughalt in München gelang ihm die Flucht, doch die endlose Fahrt ins Ungewisse prägte ihn für den Rest seines Lebens. Wie Antonio sich nach und nach an seine traumatische Erinnerung herantastet, ist gleichermaßen bewegend und beklemmend.

Würdest du erzählen, dass du einen Tag und eine Nacht, Tag und Nacht und noch einen Tag in einem Güterwaggon verbracht haben sollst, das würde dir keiner glauben. Du könntest keinem erklären, wie sich Hunger und Durst anfühlen, wie Kopfschmerzen und Kälte […] und auch nicht, wie dich das Grauen von innen aushöhlt. Grube. Himmel. Berge. Lager. Und jetzt dieser Zug. Jetzt ist alles vorbei. Jetzt bist du doch tot. Diese Situation ist zu groß. Sie umflattert dich knatternd wie ein Laken im Sturm. Du musst atmen, weiteratmen gegen die Angst. Du breitest die Arme und fängst das Laken deiner Angst ein, greifst es an seinen widerspenstigen Rändern, den losen Ecken, und knüllst es zusammen mit all deiner Kraft, bändigst es, dass es verstumme, dass es dem Wind keine Fläche biete, immer kleiner werde, ein kompaktes Bündel, eine Handvoll, noch weniger. Niemand könnte deine Angst verstehen, und deshalb wirst du sie beschweigen, du verbirgst und vergräbst sie, unaussprechlich, klein und hart wie eine Murmel, ganz in der Tiefe.

Während Antonio Leid und Angst in sich verschließt, behält Maites Vater Francisco seine Taten für sich und verspürt keinerlei: Wie der noch nicht einmal 18jährige Francisco mit Feuereifer für die Deutschen in den Krieg zog, wie der eisige Winter vor Leningrad auch aus ihm einen Anderen, einen Versehrten machte, der wieder zurück in der Familie seinen Platz nicht mehr findet, wie all das ihn in seinen Überzeugungen eher noch bestärkt hat, so dass er dann später im Dienst Francos an der Verfolgung und Ermordung Andersdenkender mitgewirkt hat – auch das schildert Verena Boos so eindringlich, dass einem ganz folgerichtig erscheint, wie sich eins aus dem anderen ergeben musste und aus Francisco ein kontrollsüchtiger, despotischer Vater wurde, der der Aufsässigkeit seiner jüngsten Tochter außer Verboten und Strafen nichts entgegenzusetzen hat.  


Die Autorin Verena Boos

Die Autorin Verena Boos

Rund um Antonio und Francisco gruppiert Verena Boos eine vielfältige Verwandtschaft über drei Generationen, die mit dem Schweigen der beiden so gegensätzlichen alten Männer unterschiedlich umgeht. Viele Nebenfiguren sind sehr schemenhaft skizziert, über ihre Motivation und ihr weiteres Schicksal würde man gern mehr erfahren. Das Innenleben der Protagonisten dagegen wird ausführlich ausgeleuchtet, sie sind schnell eingeordnet und haben wenig Raum, sich zu entwickeln.

Nur Maites Mutter sorgt am Ende des Romans für eine Überraschung, alle anderen scheinen schon von vornherein auf ihre Rollen festgelegt zu sein: Das schweigende Opfer, der in seinen Gefühlen erstarrte Täter, die mit dem Kopf gegen die Wand rennende Aufbegehrende, der unbekümmerte bayerische Naturbursche. Darin zeigt sich zwar die Unfähigkeit der Menschen, sich von Leid und Schuld vergangener Zeiten zu befreien, eine vielschichtigere Personenzeichnung hätte dies aber vielleicht noch überzeugender zum Ausdruck gebracht.

Wie Verena Boos aber jeden einzelnen ihrer zahlreichen Schauplätze mit atmosphärischen Details zum Leben erweckt – seien es die von der Köchin gebackenen Churros con chocolate, die für Maite mehr als alles andere Heimat bedeuten, oder das nebenbei skizzierte Flair der deutschen Wiedervereinigung im Herbst 1990 – und wie sie dies mit den präzise recherchierten Gegebenheiten im spanischen Bürgerkrieg, in der Franco-Ära oder auch der deutschen Nachkriegszeit verbindet, das zeugt von einer souveränen Schriftstellerin, die sich unterschiedlichster Sprach- und Denkmuster bedient und stoffliche Vielfalt in einen großen erzählerischen Bogen zu spannen weiß.         

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