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SWR2 Buch der Woche am 21.7.2014 Madeleine Thien: Flüchtige Seelen

In ihrem neuen Roman erzählt die kanadische Autorin Madeleine Thien von der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha und den seelischen Leiden der Opfer bis heute, selbst wenn sie – wie Thiens Protagonistin Janie – nach Kanada entkommen konnten. Trotz der Schrecken, die Thien beschreibt, ist ihr ein sehr poetischer Roman gelungen, der die damals gerissenen Wunden umso fühlbarer macht.

Buchcover - Madeleine Thien: Flüchtige Seelen

Buch

Madeleine Thien

Flüchtige Seelen. Aus dem Englischen von Almuth Carstens

Verlag:
Luchterhand
Länge:
256 Seiten
Preis:
19,99 Euro

Katharina Borchardt: Die Roten Khmer übernahmen 1975 die Herrschaft in Kambodscha und siedelten innerhalb kurzer Zeit große Teile der Bevölkerung um, rissen Familien auseinander und töteten rund eine Millionen Menschen. Der gesamte innere Zusammenhalt des Landes – Familien, Freunde, Nachbarschaften – wurde durch Umsiedlungen und Verrat systematisch zerstört. Viele Überlebende bekamen auch neue Namen; Identitäten lösten sich auf. Auch die Identitäten derjenigen, denen die Flucht außer Landes gelang. "Flüchtige Seelen" heißt Madeleine Thiens Roman deshalb auch sehr passend.

Sie hat ihren Roman in Kanada angesiedelt. Im Jahr 2006. Ihre Erzählerin heißt Janie. Sie stammt aus Phnom Penh und war elf Jahre alt, als die Roten Khmer auch ihre Familie vertrieben. Frau Kramatschek, lassen Sie uns zunächst mal über Janie sprechen. Was hat sie als Kind erlebt?

Claudia Kramatschek: Als im April 1975 die Roten Khmer in Janies Heimatstadt Phnom Penh einfallen, ist sie elf Jahre alt, ein kleines Mädchen. Die Familie wird, wie alle Familien, enteignet und aufs Land geschickt. Alle Familienmitglieder müssen Arbeitsbrigaden durchlaufen. Janie kann dann letztlich zwar mit ihrem Bruder Sopham, der zwei Jahre jünger ist als sie, den Roten Khmer entkommen, aber auf der Flucht wird ihr Boot überfallen, kurz bevor sie die rettende Küste Malaysias erreichen. Sopham ertrinkt, Janie wird nach Kanada adoptiert. Deswegen spielt der Roman auch in Kanada. Aber Janie muss natürlich weiterleben mit dem Schuldgefühl, als Einzige überlebt zu haben.

Sie erlebt dadurch eine Art von Fragmentierung ihres eigenen Ichs. Das zeigt sich auch daran, dass sie zweimal einen neuen Namen annimmt. Einmal gezwungenermaßen unter den Roten Khmer: Mei nennt sie sich da. Und einmal freiwillig, als sie nach Kanada kommt: Janie. Sie ist keine ganz konsistente Persönlichkeit, oder?

Sie ist überhaupt keine konsistente Persönlichkeit mehr, sie hat ja ein Trauma erlitten, und sie ist eine Person, die unter der Verdrängung leidet, aber gleichzeitig auch unter dem Pflichtgefühl, die Erinnerung wach zu halten. Sie ist ja die Einzige, die die Erinnerung an ihre Familien, an die Abwesenden, an die Toten wachhalten kann. Und in diesem Dilemma bewegt sie sich.

Als Erwachsene wird sie nicht umsonst Hirnforscherin, denn da befasst sie sich auch beruflich mit der Frage: Was bedeuten die Erinnerungen, was bedeutet das Gedächtnis für das Ich? Wo sitzt das Ich? Und was wird aus dem Ich, wenn es zersplittert aufgrund traumatischer Erfahrungen, wenn es Verdrängung gibt oder wenn es wiederkehrende Erinnerungen gibt?

Das ist das große Thema in diesem Roman, der also nicht in erster Linie Fakten über das Terrorregime der Roten Khmer entfaltet, sondern der Frage nachgeht: Wie wirken sich traumatische Erlebnisse aus?

Janie wird Hirnforscherin, und sie hat ein sehr intensives Verhältnis zu ihrem Chef und Mentor Hiroji. Der hat eine ähnliche Geschichte wie sie. Bei ihm ist es sein Bruder James, der in den 70er Jahren als Arzt nach Kambodscha ging und seither als verschollen gilt. Also seit die Roten Khmer die Macht in Kambodscha übernommen haben. Hiroji kommt nicht davon los und verschwindet eines Tages selbst. Wo geht er hin?

Dieser Roman besteht aus den Aufzeichnungen von Janie. Und wenige Monate vor Auftakt des Romans ist dieser Hiroji plötzlich spurlos verschwunden. Janie aber ahnt und weiß eigentlich tief in ihrem Herzen, wo er sich befindet. Denn er ist schon früher einmal nach Kambodscha gegangen, um nach seinem verschollenen Bruder zu suchen.

Dieses Kambodscha-Trauma ist es, was beide verbindet: das Wissen um das Gewicht der Abwesenden. Hiroji muss seinen Bruder immer wieder suchen. Dieses Mal ist es, ich glaube, die dritte Suche nach ihm.

Hiroji ist wirklich die Gegenfigur zu Janie, denn beide haben ja dieses Trauma erlitten, aber sie gehen unterschiedlich damit um. Janie hat ihre traumatische Erfahrung verdrängt, Hiroji hat der Verdrängung oder dem Trauma eigentlich immer ins Auge geblickt. Er hat sich deswegen von Anfang an auf die Suche nach James gemacht. Hiroji ist daher auch eine Art Motor für Janie, denn in dem Moment, als er ihr seine Geschichte erzählt, als sie sich das erste Mal begegnen, ruft diese Begegnung in Janie auch die eigenen, lange verdrängten Erinnerungen und Bilder wieder wach.

Was mich an diesem Roman irritiert hat ist, dass die Autorin selbst mit Kambodscha eigentlich gar nichts zu tun hat. Sie hat ein asiatisches Gesicht, und so denkt man zunächst mal: Ach, das ist bestimmt eine Autorin, die ursprünglich aus Kambodscha stammt. Aber das stimmt nicht. Sie wurde in Kanada geboren, ihre Eltern stammen aus China und aus Malaysia, aber eben nicht aus Kambodscha. Madeleine Thien schreibt also über etwas, zu dem sie persönlich überhaupt keinen Bezug hat. Wieso sollten wir ihr so eine Kambodscha-Geschichte abnehmen?

Die Autorin Madeleine Thien

Die Autorin Madeleine Thien

Erst mal kann ich wirklich sagen: Diesen Roman nimmt man ihr komplett ab. Man staunt eher, dass sie eigentlich keine persönlichen biografischen Bezüge zu Kambodscha hat. Was diesen Roman so authentisch macht ist einerseits, dass Madeleine Thien sehr lange Zeit immer wieder in Kambodscha recherchiert hat. Es ist ein Ort, an den sie sich, für sie selbst aus unerklärlichen Gründen, von Anfang an für sehr viele Jahre hingezogen gefühlt hat. Sie hat vor Ort mit Überlebenden des Roten-Khmer-Regimes gesprochen.

Also einerseits diese sehr große genaue Recherche, die sie betrieben hat. Andererseits ist sie eine Autorin, die aufgrund ihrer einen Biografie ein extremes Einfühlungsvermögen hat für Individuen, die einerseits zwischen den Kulturen, aber auch durch die prägenden Momente von Geschichte zerrieben werden. Das hat sie am eigenen Leib im Spiegel der Geschichte ihrer Eltern erlebt. Beide sind Emigranten: Der Vater stammt aus Malaysia und hat seinen Weggang nicht überlebt; er ist letztlich daran zugrunde gegangen. Die Mutter stammt aus Hongkong, doch für sie war es eine große Befreiung, nach Kanada zu kommen.

Sie geht der Frage nach: Wie wirkt sich die Geschichte auf einzelne Individuen und auf einzelne Lebenswege aus? Was wird dadurch in Gang gesetzt, vielleicht unwiderruflich in Gang gesetzt, unwiderruflich zerstört? Das ist eine Frage, der sie sich in all ihren bisherigen drei Romanen zugewendet hat. Und das macht auch die Stärke dieses Werks aus, kombiniert mit ihrer großen Empathie für Kambodscha.

So eine persönliche Geschichte zu erzählen, so eine Familiengeschichte, das kann man eigentlich in dieser Intensität nur in der Literatur. Die literarische Aufarbeitung des Roten Khmer Regimes ist wichtig. Doch leider gibt es so gut wie keine kambodschanische Prosa darüber auf Deutsch. Aus dem Kambodschanischen wird ins Deutsche so gut wie nicht übersetzt, nur sehr vereinzelt gibt es mal eine Übertragung aus dem Englischen, also kürzlich zum Beispiel das Buch "Im Schatten des Banyanbaums" von Vaddey Ratner. Da ist Madeleine Thiens Roman jetzt tatsächlich ein umso wertvollerer, weil auch seltener literarischer Beitrag, oder?

Ja, ich halte dieses Buch für ein extrem wichtiges und ganz wunderbares Buch, trotz seines schrecklichen Inhaltes. Denn Thien gelingt eines: Sie fokussiert sich wirklich auf Einzelschicksale und macht dadurch den Schrecken und die schrecklichen Auswirkungen dieses Regimes doch noch mal viel deutlicher. Trotzdem gelingt es ihr, auch die komplexen Fakten dieser Zeit auszubreiten. Es gelingt ihr, sehr genau an das Trauma heranzukommen, ohne dass sie auf irgendwelche grellen Szenen und grellen Momente zurückgreifen muss.

Und ich finde in diesem Roman sehr wichtig, dass die Roten Khmer ja vor allen Dingen eins im Sinne hatten: die absolute Auslöschung, die Auslöschung der Identität, die Auslöschung der eigenen Geschichte. Alle mussten ja vergessen, wer sie sind. Alle mussten vergessen, wer ihre Familienmitglieder waren. Das galt ja sogar für die Angehörigen von Pol Pot selbst.

Und vor diesem Hintergrund finde ich so einen Roman, der dann die Einzelschicksale in den Mittelpunkt stellt und der dann diesen Menschen, die verstummen mussten, die vergessen mussten, wer sie sind, ihre Geschichte wieder zurückgeben, ein ganz wichtiges Moment. Und das ist Madeleine Thien brillant gelungen, in diesem Roman.

Und obwohl sie so ein schweres Thema verarbeitet, ist ihr Roman meiner Meinung nach weder eine Suada geworden, noch klingt er irgendwie verheult. Ich fand den Klang des Romans sehr wohltuend und sehr angenehm. Wie fanden Sie ihn?

Ja, das ist ein kleines Wunder, finde ich, was Madeleine Thien dort gelungen ist. Ich denke, es ist ihr bis dato bester Roman. Denn trotz des wirklich schrecklichen Themas ist das eine durch und durch poetische Sprache geworden, eine sehr schlichte Sprache, eine sehr präzise Sprache, die eben in keiner Weise ins Kitschige oder ins Pathos abrutscht. Das bleibt ein sehr durchgehender Ton. Es bleibt auch ein Ton, der sehr behutsam an die Menschen herangeht, der die Geschichten, die er entfaltet, bewusst brüchig lässt, damit eben auch ein gewisser Schutzraum bleibt.

Es geht Thien nicht darum, eine Wahrheit in den Raum zu stellen und zu sagen: Das ist die wahre Geschichte über die Roten Khmer. Sondern sie hat einmal selbst gesagt, dass es ihr in diesem Buch auch darum ging, die Qualität des Unvollkommenen zum ästhetischen Prinzip zu erheben. Und das ist mit eben diesem Roman wirklich bestens gelungen.

Und gibt dies auch die Übersetzung wieder?

Das gibt diese Übersetzung eindeutig wieder. Ich habe diesen Roman zwei- oder dreimal im Englischen gelesen und zwei- oder dreimal im Deutschen, und ich finde, Almuth Carstens hat mit ihrer Übersetzung wunderbare Arbeit geleistet. Es ist auch im Deutschen ein sehr behutsamer, ein sehr poetischer Roman geworden.

Thien stand ja kürzlich auf der Shortlist des diesjährigen Internationalen Literaturpreises. Und für mich war sie eigentlich die Favoritin. Ich hätte beiden – Autorin und Übersetzerin – den Preis gewünscht, weil ich wirklich finde: Die beiden haben hier etwas ganz Grandioses geleistet.

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