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SWR2 Buch der Woche am 28.7.2014 Marlene Streeruwitz: Nachkommen

Die fiktive Jungautorin Nelia Fehn hat es auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis geschafft. Und schon lässt Marlene Streeruwitz eine furchtbare Maschinerie um ihre junge Hauptfigur anspringen. Eine Maschinerie, die gemeinhin der "Literaturbetrieb" genannt wird. Diesen nimmt Streeruwitz in ihrer Satire "Nachkommen" bissig unter die Lupe.

Marlene Streeruwitz: Nachkommen - Buchcover

Buch

Marlene Streeruwitz

Nachkommen

Verlag:
S. Fischer
Länge:
432 Seiten
Preis:
19,99 Euro

6:57 min

Mehr Info

Rezension von Andreas Puff-Trojan

Marlene Streeruwitz: "Nachkommen"

Puff-Trojan, Andreas

Verlag S. Fischer <br />19,99 Euro

Marlene Streeruwitz ist eine streitbare Schriftstellerin. Nicht nur in feministischen und politischen Angelegenheiten, sondern auch was die Situation am Buchmarkt betrifft. Letztere intellektuelle Angriffsfront ist Thema ihres neuen Buches.

"'Außenseiterchancen', hatte der Gruhns ins Telefon geschrien. 'Wir haben nur Außenseiterchancen, aber die werden wir nutzen. Das kann ich dir versprechen.'" Marlene Streeruwitz: Nachkommen, Seite 19

Wer hier schreit, schnauft, rauchend taktiert, trinkend Versprechungen gibt, die er dann nicht einhält, ist der mit allen Wassern des Literaturbetriebs gewaschene Verleger Thorsten Gruhns. Er hat schon alle Höhen und Tiefen miterlebt. In das beständige Lamento der Branche stimmt er gerne ein – und kassiert stillschweigend ab, wann immer ein Gewinn zu machen ist.

Auf der anderen Seite steht die junge Heldin von Streeruwitz: Mit ihrem ersten Roman hat sie es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Da mag man an Zoë Jenny und ihrem Überraschungserfolg "Das Blütenstaubzimmer" denken – und an ihre Beziehung zum Verleger Joachim Unseld. Wie er kann auch Gruhns breitbeinig dastehen in der tobenden Brandung des Büchermeers und seine zarten Autorinnen mit starken Armen schützen.

Doch bei Streeruwitz liegen die Verhältnisse etwas anders: Ihre Jungautorin mit Namen Nelia Fehn ist gerade mal 20 Jahre alt und schon vor dem Erscheinen ihres Erstlings gewissermaßen eine Bekannte in der Literaturszene. Denn ihre Mutter Dora Fehn war eine geachtete, allgemein geschätzte Schriftstellerin. Nur der große Wurf, der "Bestseller" – oder wie es heute im Buchhandel heißt: "Der Schnelldreher" – ist ihr nie gelungen. Wird es ihre Tochter besser machen?

Die Autorin Marlene Streeruwitz

Die Autorin Marlene Streeruwitz

Nelia Fehn wirbelt alles im Kopf herum. Auch weil gerade der Großvater gestorben ist. Nach dem Tod der Mutter vor fünf Jahren kam Nelia zu den Großeltern – und zum "Opa" gab es eine starke Verbindung. Jetzt, wo es diese zwei Bezugspersonen nicht mehr gibt, will Nelia mit ihrer Familie brechen. – Rasch ins Flugzeug und ab nach Frankfurt.

"Ja. Sie flog nach Frankfurt. Sie war für den wichtigsten Preis im deutschsprachigen Literaturbetrieb nominiert. Sie war die jüngste Person, die da je nominiert worden war. Ihre Mutter hatte das erst mit fünfundfünfzig geschafft gehabt. Jetzt ging es um ihre Zukunft, und alles andere war gleichgültig, und nebensächlich". Marlene Streeruwitz: Nachkommen, Seite 22

Interessant, ja sogar etwas pikant, ist die Tatsache, dass Marlene Streeruwitz 2011 für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde – den Preis aber nicht bekam. Da war sie zwar schon etwas älter als Nelia Fehns Schriftstellermutter, doch diese Romanfigur veröffentlicht ihre Werke im selben renommierten Verlagshaus wie Marlene Streeruwitz: S. Fischer. Und im Fischer Verlag wird im Herbst auch der fiktive Erstlingsroman von Nelia Fehn erscheinen: "Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland", verfasst von der realen Marlene Streeruwitz.

Die Nähe zwischen der Autorin und ihrer fiktionaler Hauptperson ist also bewusst konstruiert. Damit avanciert das Romangeschehen von "Nachkommen" zu einer ebenso bewussten Abrechnung mit der deutschen Buchbranche von heute. Und zum Teil gelingt Streeruwitz diese Attacke auf ironisch-sarkastische Weise. Besonders gilt das für die Szenen, in denen es um die Verleihung des Deutschen Buchpreises geht. Alle Shortlist-Autoren versammeln sich zum obligaten Fototermin – die meisten von ihnen sind bereits bekannte Gesichter.

"Sie hatte alle anderen schon auf Fotos gesehen. Auf Büchern. In Zeitungen. In Talkshows. In Literatursendungen." Marlene Streeruwitz: Nachkommen, Seite 71

Alle Beteiligten empfinden den medialen Rummel als Zumutung – machen aber brav mit.

"'Mein Verlag verspricht sich die Rettung mit diesem Preis.', sagte ein schlanker alter Mann mit norddeutschem Akzent.
'Das gilt doch für alle Verlage.', sagte die andere Schriftstellerin.'" Marlene Streeruwitz: Nachkommen, Seite 74

Und dann die Preisverleihung: Blitzlichter. Lächelnde Gesichter. Reden voller Phrasen und Banalogien, jedes Wort vorhersagbar. Keine Reibungen, konsensfreudiges Parlando. Und dann die Preisträgerin – es ist natürlich nicht Nelia Fehn! –, die nicht sagen kann, warum sie ihr, nun preisgekröntes Buch geschrieben hat.

"Es stellte sich ganz offen dar. Die Literatur war am Ende. Alles andere war wichtiger geworden. Und es ging um den Abstieg. (…) Das Marketing war dann das Instrument des Obsoleten. Das Marketing stellte das Obsolete offen aus. Das hier. Das war alles schon lange vorbei. Das war eine Erinnerungsveranstaltung. Das war ein Literaturkränzchen. Gut inszeniert. Sehr gut inszeniert und im Fernsehen übertragen. Im Fernsehen übertragen, wie die Reste verteilt wurden." Marlene Streeruwitz: Nachkommen, Seite 85

Sicher, die Kritik an den Strategien und an der Selbstwahrnehmung des heutigen Literaturbetriebs will seit einigen Jahren nicht abreißen: Mit immer weniger Büchern werden die notwendigen Umsätze gemacht. Der Bestseller, der "Schnelldreher" ist das Ziel eines jeden Verlegers, wobei die Ressource "Aufmerksamkeit" ein rares Gut ist. Bücher müssen somit inszeniert werden. Und die Autoren avancieren zu Medienprofis, die sich smart und publikumsnah auf Lesungen und Festivals, in Literatursendungen und Talk-Shows präsentieren.

Das Marketing, die Vermarktung belletristischer Bücher scheint oft wichtiger zu sein als deren inhaltliche Qualität. Diese sicher nicht positive Entwicklung zum Thema eines Romans zu machen, ist ein mutiges und auch notwendiges Unternehmen. Marlene Streeruwitz ist die kritische Darstellung des Buchmarkts mit den Mitteln der Belletristik zu einem guten Teil gelungen. Doch das fiktionale Geschehen in "Nachkommen" leidet auch unter gewissen Klischees.

Man kann das auch anders sagen: Streeruwitz setzt bewusst auf bestimmte Klischee-Vorstellungen und entwickelt so in ihrem Roman eine "Poetik des Banalen". Das offensichtlich Triviale im Roman soll die realen Verhältnisse in einem noch grelleren Licht aufblitzen lassen. So verabscheut die junge Heldin Nelia Fehn Alkohol und ernährt sich vegan. Die etablierten Mitspieler im Literaturbetrieb hingegen saufen und rauchen als ob's kein Morgen gäbe. Sie alle sind selbstverliebt, egomanisch.

Inhaltliche Qualitäten eines Textes, die seelische Verfasstheit eines Autors interessieren sie keinen Deut. Erfolg zählt, auch am Buchmarkt ist das Geld geil. Die Alten, die den Gang des Literaturbetriebs bestimmen oder auch nur Kopf nickend mitmachen, sind Schuld an dessen Niedergang. Nelia Fehn schreit ihre Botschaft bei einem Interview förmlich ins Mikrophon.

"Mein Beispiel hat nur beschrieben, we are fucked. Totally fucked. Und auch das meine ich eher wörtlich." Marlene Streeruwitz: Nachkommen, Seite 379

Marlene Streeruwitz schildert in ihrem Roman "Nachkommen" den Niedergang des deutschen Literaturbetriebs. Sie tut dies oft mittels Klischees, mittels simpler Schwarz-Weiß-Zeichnung. Das mag man kritisieren, denn es gibt auch die "good guys" im Betrieb, die bestimmte negative Entwicklungen nicht einfach hinnehmen. Doch als Kassandra des Buchmarkts sollte Marlene Streeruwitz nicht ungehört bleiben. Und hinter ihrer "Poetik des Banalen", hinter den sprachlichen Klischees wird oftmals Ironie sichtbar. So gesehen ist "Nachkommen" durchaus ein Lesevergnügen – wenn auch ein grelles.

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