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SWR2 Buch der Woche vom 24.06.2019 Simon Strauß: Römische Tage

Von Julia Schröder

Simon Strauß, Jahrgang 1988 und Theaterredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat mit seinem schmalen Roman "Sieben Nächte" vor zwei Jahren ein Aufsehen erregendes Debüt hingelegt. Es wurde einerseits gefeiert als authentischer Ausdruck dessen, was seine Generation bewegt, andererseits löste es eine Debatte aus, um die Frage, ob der junge Autor im Roman wie in seinen Beiträgen in der FAZ den Lesern womöglich neurechte Inhalte unterjuble.

Umso größer war die Neugier auf Simon Strauß' neues Buch "Römische Tage", der Bericht eines immer noch jungen Mannes, der in der Ewigen Stadt nicht nur sich selbst, sondern auch die Spuren all dessen sucht, was vor ihm war.

Buchcover Simon Strauss: Römische Tage

Simon Strauss

Römische Tage

Verlag:
Tropen Verlag
Länge:
142 Seiten
Preis:
18,00 Euro
Bestellnummer:
978-3-608-50436-1

Simon Strauß polarisiert – auch bei SWR2

Über "Römische Tage" hat Alexander Wasner mit der Kritikerin Meike Feßmann gesprochen. Sie meint: "Die Dinge sind eben schon relativ abgelutscht, die er beschreibt. Was nicht heißt, dass man dieses Buch nicht mit einem gewissen Vergnügen liest. Ich würde es aber nicht zu hoch hängen weder gedanklich noch literarisch."

Im Gegensatz zu dieser noch zurückhaltenden Kritik kommt Julia Schröder zu einem weitaus schärferen Urteil.

Zum Nachhören: Die Kritiken von Meike Feßmann und Julia Schröder

Simon Strauß – beziehungsweise der Ich-Erzähler in seinem Prosaband „Römische Tage“ – ist in Rom, schreibt darüber und weiß, was er tut:

„Ich sitze in einem Restaurant über der Piazza Navona und mache das nach, was schon so viele vor mir gemacht haben: In Rom sein und hoffen, dass jemand es merkt. Sich vorstellen, dass der Aufenthalt wichtig wird.“

Zahlreiche Literaten und Künstler dienen als Vorbild

Autor Simon Strauss

Autor Simon Strauss

Für zwei Monate quartiert sich der Sommerfrischler Strauß in der Via del Corso ein, schräg gegenüber der Casa di Goethe. Der aus Weimar entwichene Geheime Rat zählte dort oft "des Hexameters Maß" der Liebsten nächtens auf den Rücken und entdeckte neu die Lust am Leben wie am Schreiben.

Mit der Hoffnung auf vergleichbare Beflügelung hat es ja schon sehr, sehr viele Literaten und Künstler nach Rom getrieben, und Simon Strauß lässt kaum einen unerwähnt. Wie Goethe bandelt sein Erzähler mit einer jungen Römerin an, aber er hat auch Sorgen:

„Seit ein paar Wochen schmerzt mich das Herz.“

Strauss liefert Formulierungen, über die man leicht stolpern kann

Leser mit einer Ahnung von Stilhöhen und Grammatik wird hier ebenfalls etwas schmerzen, nämlich die zweifelhafte Gesuchtheit der Formulierung. Irgendwas mit Puls und Blutdruck (Strauß unterscheidet da nicht so genau) soll geadelt, Krankheit soll Metapher werden, die typische Befindlichkeitsstörung der Gestressten den Anstrich einer neoromantischen Neurasthenie bekommen.

Damit wäre auch die leise Hoffnung auf ein kleines bisschen Selbstironie erstickt, die Sätze wie diese wecken könnten:

„Romfahrer denken an Romfahrer. Sonst würden sie sich gar nicht erst aufmachen. Und dann? Dann setzen sie darauf, dass sich auch ihr Geist durch den Aufenthalt reinigt und neu bestimmt, dass er von Schönheit gestreift, wiederbelebt, zumindest durchgelüftet wird. Rom als Heilanstalt – der Traum hält sich.“

Die Konturen des Protagonisten verschwimmen immer mehr

Aber nein, das alles ist furchtbar ernst gemeint. Es geht schließlich um ganz viel, um nicht zu sagen, um die letzten Dinge. Rom, die Ewige Stadt, die Stadt der Schönheit, ist auch die Stadt des Todes, wie das Buch originellerweise aufdeckt – was die Erzählstimme umgehend motiviert, den eigenen Erinnerungen nachzuschmecken und Betrachtsamkeiten anzustellen.

Dabei verschwimmt, wer dieser kulturaffine Romfahrer eigentlich ist. Simon Strauß, 31 Jahre alt, promovierter Althistoriker und Theaterredakteur bei der FAZ, arbeitet wie schon in seinem Debüt "Sieben Nächte" auch in seinem zweiten Buch mit dem kalkulierten Mangel an Trennschärfe zwischen Autor und Erzähler.

Man könnte Strauß literarisches Clickbaiting vorwerfen

Mag sein, er hat das seinem Vater, dem Schriftsteller Botho Strauß abgeschaut. Beim Sohn, von manchen als Stimme seiner Generation gefeiert, wirkt es jedenfalls wie ein simpler Trick, um eben diese Lesergeneration jungakademischer Diskursjogger mit dem beliebten Spiel der Spekulationen bei der Stange zu halten.

Literarisches Clickbaiting sozusagen:

„Stille herrscht (…). Nur ich bin noch da und übe das Zurückbleiben. Versuche, mich vorzubereiten auf den Tod. Nicht meinen eigenen, sondern den meiner Eltern. Immer wieder stelle ich mir vor, wie es sein wird, davon zu erfahren. (…) Was passiert mit den Räumen, in denen die Eltern früher lebten? Die noch ihre Spuren tragen, kostbare Zeichen vergangener Zeit?“

Zwischen den Zeilen findet sich wenig Selbstgedachtes

"Kostbare Zeichen" hin oder her, letztlich ist es bei literarischer Prosa gar nicht so erheblich, was nun selbst erlebt und was selbst erfunden ist. Von Gewicht sind das Selbstgedachte und das Selbstgeschriebene.

Und da hebt sich die Waagschale auf Seiten des Verfassers bedenklich – obwohl er sich doch so sehr anstrengt, Tiefsinn und Trauer wie schweren Honig aus seinen Zeilen rinnen zu lassen und zu servieren, angerichtet mit Sinnlichkeit, Bildungszitat und Stilblüte:

„Mein Blick geht nach oben, will die Fassade fassen, sehen, wer womöglich gerade auf die Terrasse tritt, die Hände auf die Balustrade legt, den Kopf zur Sonne streckt und die Fidelio-Arie summt: ,Oh welche Lust, den Atem frei zu heben‘. Die Augen streben nach oben, die Ohren zieht es herab. Hin zum Brunnenbecken. (…) Es gibt für unseren kurzen Aufenthalt auf der Erde eigentlich kein besseres Hintergrundgeräusch als dieses Plätschern, diese Ahnung von Meeresstille und glücklicher Fahrt. Ich setze mich an den Brunnenrand und schaufle mir Wasser in die schwitzenden Achseln.“

Schlecht redigierter Reisejournalismus und Möchtegern-Essayistik

Der Mann mit den nassen Achseln und den herabgezogenen Ohren, der seine Erlebnisse rund um Bernini-Brunnen, Tiber-Ufer und Spanische Treppe sammelt, aus Begegnungen mit grauen Eminenzen und menschlichem Elend windschiefe Kabinettstückchen drechselt und nimmermüd sein Rom-Wissen ausstellt, versteht sich als Romfahrer auf den Spuren von John Keats und Ingeborg Bachmann.

Neben den Goethe-Zitaten häufen sich die Anspielungen auf Rolf Dieter Brinkmann und dessen Gedichtband "Rom – Blicke". Wuchtige Referenzen angesichts dieser Mischung aus wenigen gelungeneren Passagen, viel schlecht redigiertem Reisejournalismus und einer Möchtegern-Essayistik, die an überambitionierte Facebook-Notizen gemahnt.

Sprachliche Peinlichkeiten sind keine Seltenheit

Der neue Tropen-Verleger Tom Müller hat Simon Strauß' "Sieben Nächte" als Programmleiter bei Blumenbar betreut und den Autor von dort mitgenommen. Mit entsprechendem Bohei wird "Römische Tage" jetzt präsentiert.

Ein Büchlein mit wieder nur 144 Seiten in luftigstem Satz, das auf praktisch jeder dieser Seiten mit präpotentem Herumgepose und – schlimmer - sprachlichen Peinlichkeiten nervt.

Selten kommt es vor, dass ein Buch in der Kritikerin den Wunsch nach Abbitte bei allen je von ihr verrissenen Büchern weckt. Simon Strauß' "Römische Tage" ist so ein Buch.

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