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SWR2 Buch der Woche am 8.9.2014 Lutz Seiler: Kruso

Hiddensee im Sommer 1989: Student Edgar hat als Abwäscher in einem Ausflugslokal angeheuert. Hier lernt er Kruso kennen, den geheimen König der Insel, der all jene die Freiheit lehrt, denen die Grenzen der DDR zu eng sind.

"Kruso" ist der erste Roman des Lyrikers Lutz Seiler. Ein phantastisch-sinnliches und hochspannendes Buch über die Zeit vor und nach der Wende.

Buchcover - Lutz Seiler: Kruso

Buch

Lutz Seiler

Kruso

Verlag:
Suhrkamp
Länge:
484 Seiten
Preis:
22,95 Euro

Katharina Borchardt: Es geht eine große, derbe Sinnlichkeit von "Kruso", dem ersten Roman von Lutz Seiler, aus. Frau Brockert, was sollte man über diesen Kruso wissen?

Anja Brockert: Dieser Kruso heißt eigentlich Alexander Krusowitsch, er ist auf Hiddensee aufgewachsen, und ist dort so eine Art geheimer Chef. Ein geheimer König dieser Insel, denn er kümmert sich um Menschen, die dorthin kommen mit mehr oder minder ausgereiften Fluchtplänen oder einfach mit einer großen Sehnsucht nach Freiheit.

Kruso nennt diese Menschen "Schiffbrüchige". Zum Teil sind es die Ausgesonderten des DDR-Systems, es sind Schwule, es sind Punks, es sind Leute, die Ausreiseanträge gestellt haben oder eben Menschen wie Ed, die irgendwie aus ihrem Leben gefallen sind.

An einer zentralen Stelle des Romans heißt es: "Wer hier ist, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten." Hiddensee ist eben wirklich ein abgelegener Ort.

Und dieser Kruso, der so ein bisschen aussieht wie ein Indianer, bringt diese Schiffbrüchigen, die natürlich nirgendwo auf der Insel angemeldet sind, mit ihren Freiheitssehnsüchten an geheimen Schlafplätzen unter, und gibt ihnen eine mit "heiligen Kräutern" angereicherte Suppe zu essen. Er versucht, ihnen sein Credo der Freiheit zu vermitteln.

Er ist ein freiheitsbewusster Mensch, aber es ist eine innere Freiheit, die mit geografischen Grenzen nichts zu tun hat, um die es Kruso geht.Und dann, nach ein paar Tagen, schickt dieser König der Insel die Menschen wieder zurück. Hoffentlich, vielleicht auch durch diese heiligen, also psychodelischen Kräuter, erleuchtet.

Aus seinem Garten!

Genau! Manche Leute können aber als Saisonkräfte auf der Insel bleiben. Und zu diesen gehört auch Ed.

Kruso ist also kein klassischer Fluchthelfer.

Nein, eben gerade nicht. Er möchte, dass sie auf der Insel bleiben.

Mit der Zeit entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen Edgar, dem jungen Mann, der neu auf die Insel gekommen ist, und Kruso. Eine ungleiche Freundschaft, die tatsächlich ein bisschen an Robinson Crusoe und an Freitag erinnert.

Genau.

Die saßen ja auch zusammen auf einer Insel. Wie entwickelt sich denn dieses Verhältnis zwischen "Robinson und Freitag" im Verlauf der Geschichte?

Das Witzige ist, dass Kruso tatsächlich geträumt hat, dass sein Freitag, also Ed, eines Tages auf die Insel kommt. Irgendwie sind die beiden füreinander bestimmt. Was Kruso dann macht, ist, er unterweist seinen Freitag, in seine Arbeit als Abwäscher im DDR-Betriebsferienheim "Zum Klausner". Zugleich ist das Betriebsferienheim auch die geheime Schaltstelle für die Betreuung der Schiffbrüchigen. Auch in diese Arbeit weist Kruso seinen Freitag ein.

So wie Ed verstehen auch wir erst ganz langsam, was da eigentlich im Verborgenen auf der Insel passiert. Wir wundern uns mit Ed über das Auftauchen und Verschwinden von diesen Menschen. Wir wissen bis zum Ende gar nichts Genaues über sie. Vieles bleibt in der Schwebe, im Nebelhaften, auch im Traumhaften. Und das macht die ganz spezielle Atmosphäre dieses Buches aus.

Edgar geht nach Hiddensee, um aus seinem Leben auszubrechen. Das hat keine politischen, sondern einfach private Gründe. Seine Freundin ist bei einem Straßenbahnunglück verstorben. Er ist innerlich wie erstarrt und will einfach raus, will was anderes sehen. Er sucht die Freiheit, deshalb muss es Hiddensee sein. Er hätte natürlich auch in den Harz oder ins Erzgebirge fahren können, aber das stand nicht zur Debatte. Nein, es musste Hiddensee sein, von wo aus man auch Dänemark sehen kann. Einen klaren Fluchtplan hatte er aber nicht, oder?

Der Autor Lutz Seiler

Der Autor Lutz Seiler

Nein, gar nicht. Er ist einfach planlos, hat Nebel und Verwirrung im Kopf! Kruso hat übrigens auch jemanden verloren, nämlich seine Schwester. Vermutlich wurde sie auf Hiddensee von Grenzposten erschossen. So genau weiß man das nicht. Die Erfahrung des Verlusts, die beide Männer gemacht haben, bindet sie natürlich aneinander.

Dann kommen in dem Roman Passagen, in denen es um Eds Arbeit im Klausner geht. Und es ist wirklich grandios, wie Lutz Seiler diesen Abwasch beschreibt: Das Abspülen in der heißen Küche um die Mittagszeit, Teller Stapel um Stapel und Fett und Reste und angebissenes Fleisch und Rotztücher, und alles ist nass und glibberig, und die Hände weichen auf.

So geht es bis zur Erschöpfung, so geht es Tag um Tag.

Ja, die erzählerische Sinnlichkeit des Romans fand ich auch umwerfend, sowas habe ich seit Jahren nicht mehr gelesen. Was ist das eigentlich für ein Roman, ist das ein Freundschaftsroman, ist das ein Freiheitsroman, ein politischer Roman vielleicht?

Alles zusammen. Politisch ist er vielleicht sogar am wenigsten, würde ich sagen. Das Freiheitsmotiv ist hingegen ganz zentral. Nicht im Sinne einer Botschaft, sondern als eine Form der Erkundung vielleicht.

Kruso formuliert am Ende recht klar, dass die Freiheit im Westen ja auch eine Illusion ist. Dort ist man der Gefangene des Konsums, sagt Kruso. Und dann kommt diese vermeintliche Freiheit plötzlich durch die Wende.

Die Wende hat auch zur Folge, dass das Zusammensein im Klausner, also das Zusammensein dieser ganzen schrulligen, aber durchaus klugen und innerlich auch freien Saisonarbeiter, auseinanderbricht.

Ich habe das ein bisschen als Utopie gelesen.

Aber weil es durch die Wende zerbricht bekommt der Roman etwas Wehmütiges, etwas Trauriges. Die Wende wird hier nicht als freudiges Ereignis gefeiert, oder?

Im Gegenteil. Wobei das Verrückte ist, dass man das auf Hiddensee, zumindest im Klausner, gar nicht so richtig mitkriegt. Die Ereignisse in Ungarn dringen nur wie ein leises Rauschen an die Ohren der Leute, die dort arbeiten. Und zwar über den Deutschlandfunk. In der Küche steht nämlich ein Radio das Tag und Nacht läuft, weil die Taste zum Ausmachen kaputt gegangen ist.

Und dann verschwindet ein Besatzungsmitglied des Klausners nach dem anderen. Erst der von der Theke und dann der Koch und so weiter. Dann kommen natürlich auch keine Schiffbrüchigen mehr auf die Insel. Am Ende halten nur noch Kruso und Ed die Stellung im Betriebsferienheim, wie Robinson und Freitag auf der einsamen Insel. Die ganze Besatzung ist zerbröselt, wie das Land, wie die DDR.

Ich finde es wirklich toll, wie Lutz Seiler es schafft, den Auflösungsprozess, das Verschwinden der DDR in eine traumartige, ganz eigene Bildwelt zu bringen.

"Kruso" steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Am 10. September wird die Shortlist veröffentlicht und kurz vor der Frankfurter Buchmesse wird der Preis vergeben. Was meinen Sie, Frau Brockert, hat der Roman Chancen auf den Hauptgewinn?

Das ist immer schwierig zu sagen. Ich denke, er hat sehr gute Chancen. Wir müssen einfach sehen, was für eine Sprache Seiler verwendet und warum dieses Buch so bemerkenswert ist. Er bringt wirklich alle Sinne zum Klingen. Da sind Gerüche, Dunkelheit, Hitze, Stille, wunderbare Naturbeschreibungen…

Seiler ist auch ein guter Kenner zum Beispiel der Lyrik Peter Huchels. Er betreut die Peter-Huchel-Gedenkstätte in Berlin Wilhelmshorst.

Seiler beschreibt auch eklige Sachen, zum Beispiel wie man Haare aus dem Abfluss holt oder die Fäkalien der Schiffbrüchigen, die sie in ihren Geheimverstecken hinterlassen und so etwas. Das beschreibt er wirklich alles meisterhaft. Geräusche zum Beispiel sind bei Lutz Seiler auch immer ganz wichtig. Ich möchte nur noch mal zum Schluss ganz kurz ein Zitat bringen. Es ist abends beim Abwasch im Klausner:

"Still, so still als lausche nun allein das Haus ins Rauschen, von Kiefern angestimmt und von der Brandung aufgenommen, leise, verhalten, thematisch fortgeführt und variiert von den Becken aus Stein und verstärkt von denen aus Stahl, die unter dem fallenden Wasser wie Trommeln tönten in ihrem dunklen Gedröhn."

Was soll ich noch sagen? Das ist im Grunde Lyrik! Und diese ganz eigene Sprachkraft von Lutz Seiler ist faszinierend in diesem Roman. Zugleich packt einen die Geschichte, im doppelten Sinn.