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SWR2 Buch der Woche am 07.02.2016 Hans Platzgumer: Am Rand

Hans Platzgumer ist Musiker, Komponist und Produzent – und schreiben kann er auch noch. Sein neues Buch "Am Rand" nimmt den Leser genau dorthin mit, auf den Gipfel, an den Rand – eines Berges nämlich.

Hans Platzgumer

Hans Platzgumer

Am Rand

Verlag:
Zsolnay
Länge:
208 Seiten
Preis:
19,90 Euro
Bestellnummer:
978-3-552-05769-2

6:43 min

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Buch der Woche am 08.02.2016

Hans Platzgumer: Am Rand

Von Theresa Hübner

Auf dem Gipfel eines Berges, also "am Rand" des Abgrunds, blickt der Ich-Erzähler auf sein Leben zurück – kühl und pragmatisch, auch auf die Todesfälle, mit denen er tun hatte.

Auf dem Gipfel – am Abgrund

Alles um mich herum war, eine Stunde vor Sonnenaufgang, dunkel und still, die Zivilisation lag bereits weit hinter mir, alles schien richtig. Ich spürte keine Anstrengung. Mühelos trugen mich die Beine über Steine, Wurzeln, Wiesen und Bäche hinweg, immer weiter hinauf, dem Ziel entgegen. Ich hatte keine Zweifel, es war an der Zeit, den Plan, den ich seit Wochen gefasst hatte, in die Tat umzusetzen. (S. 11)

Hans Platzgumer

Hans Platzgumer (Foto: Chris Nils Laine)

Dieser Ich-Erzähler hat etwas vor, dort oben auf dem Bocksberg. Er will die Einsamkeit des Gipfels nutzen, um zu schreiben. Ungestört, hoch über den Dingen. Sein ganzes Leben lang hat er sich am Schreiben versucht, nie hat es gereicht für eine richtige, vollständige Geschichte. Doch als er sich an diesem Morgen auf den Weg macht hat er keine Zweifel: es wird ihm gelingen. Jetzt liegen die Dinge anders, denn die Geschichte, die er aufschreiben wird, ist seine eigene. Sie handelt von den Ereignissen, die ihn letztendlich auf den Gipfel geführt haben.

Ich nehme den Schreibblock aus der gelben Plastiktüte mit der Aufschrift eines Supermarkts, in dem ich vor Jahren war. Hundert weiße Seiten stehen mir zur Verfügung. Mit schwarzem Kugelschreiber schreibe ich Datum und Namen, Gerold Ebner, auf die erste Seite.

Gerold Ebner wächst in einer Siedlung im Vinschgau in Westösterreich auf. "Südtirolersiedlung" wird sie genannt; eher rau ist die Umgebung, die Nachbarn stammen vom Balkan oder aus Anatolien, nicht gerade die typische Vorstadtidylle. Mit seinem besten Freund Guido trainiert er Karate. Zusammen ertragen sie die Schikanen der jugoslawischen Banden, die das Viertel terrorisieren.

Gerold Ebner tötet zwei Menschen

Schon früh im Leben wird Gerold mit dem Tod konfrontiert. Als Kind ist er stiller Beobachter, als Erwachsener wird er am Tod zweier Menschen aktiv beteiligt sein. Jedes Mal sind die Umstände völlig anders. Beim ersten Mal tötet er seinen Großvater, weil er nicht mehr mit ansehen kann, wie der seine Mutter tyrannisiert.

Beim zweiten Mal geht es um das, was wir Sterbehilfe nennen. Er erlöst seinen Freund Guido von seinen Leiden, als der ihn nach einem schrecklichen Unfall um Hilfe bittet.

Ich schaue in seine Augen und erkenne die gespenstische Vorfreude in seinem Blick. Er drückt auf seine Sprechkanüle, besorgt wegen meines Wankelmuts, und spricht ein einziges Wort: Bitte. (...) Er hat sich entschieden, er will nicht mehr. Von mir verlangt er, dass ich ihm eine verlorene Zukunft erspare. Wie könnte ich sein Verlangen ignorieren?
- Okay, sage ich und fixiere Guido mit meinem Blick. Tun wir es. Bringen wir es hinter uns, das alles. (S. 127)

Präzise beschreibt Hans Platzgumer was einen Menschen dazu bewegen kann, einem anderen in den Tod zu helfen. In diesem Fall sind es Zuneigung und echte Kameradschaft. Die Überzeugung, dass der andere nie wieder derselbe sein wird – dass es keine lebenswerte Zukunft für ihn gibt. Die Szene in der Gerold Ebner seinem Freund Guido hilft zu sterben geht unter die Haut, geht nahe, ohne Kitsch, ohne Drama sogar.

Doch es ist nicht das einzige Mal, das Georg aktiv in Leben und Tod eingreift. Nicht aus Lust am Töten, nicht aus Bosheit. Einfach, weil es getan werden muss – damit etwas getan wird.

Alles im Leben sollte sofort umgesetzt werden. Auch das Sterben, es duldet schließlich keinen Kompromiss. Ich verstehe Guidos Hast. Was soll sein Leiden in die Länge gezogen werden? (S. 128)

Herr über das eigene Leben sein

Wie pragmatisch, unprätentiös, ruhig. Nicht kalt oder herzlos begegnet dieser Ich-Erzähler dem Tod, sondern nüchtern und klar. Hans Platzgumer beschreibt seinen Helden als Einen, der bis zum Schluss versucht Herr über sein kleines, normales Dasein zu bleiben. Nie ist dieses Leben einfach. Nie ist es schick, glamourös, oder auch nur laut.

Gerold Ebner hat immer dort gelebt, wo er sich auch jetzt befindet – am Rand. Aber dieses schwierige Leben, in das er hineingeboren wurde, hat er nie als Ausrede benutzt. Immer hat er sich geweigert, sich als Spielball des Schicksals zu begreifen. Er ist nie Marionette einer höheren Macht, sondern sein eigener Gestalter. Eigentlich ist es nur konsequent, das er diese Lebenseinstellung auch auf den Tod anwendet.

Als er schließlich aber das kleine bisschen privates Glück, das er sich erkämpft hat, verliert, muss auch er einsehen, dass er nicht alles planen und lenken kann.

Hier am Gipfel des Bocksbergs ist heute ein solcher Punkt erreicht, an dem ich die Kontrolle abgebe. Bis hierher habe ich es geschafft. Den Gipfel habe ich zum Schreibpult erkoren. Alles habe ich festgehalten, was ich festhalten kann. Ich spüre, wie gut, wie richtig das ist. (…) Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, ein Buch zu Ende geschrieben zu haben. (..) Ich bin raus aus der Geschichte. Ich packe das Manuskript in die Plastiktüte. Ich stecke die Tüte unter den Felsen. Mehr kann ich nicht, mehr muss ich nicht tun. (S. 205)

Wie würde ich handeln, wenn ich alle, die ich liebe, verliere?

"Am Rand" ist ein starkes Buch. Denn es wirft Fragen auf, ohne diese Fragen plump in den Raum zu stellen. Sie kommen beim Lesen von selbst, denn so, wie die Hauptfigur Gerold Ebner auf sein Leben zurückblickt, so schaut man auch als Leser in sich hinein: wie hätte ich gehandelt? Wie tut man "das Richtige" im Leben – und heißt richtig immer auch legal, gesetzeskonform? Wie würde ich handeln, wenn ich alle, die ich liebe, verliere? Könnte ich jetzt dort auf diesem Berg sitzen, am Rand?

Beugen Sie sich ein wenig darüber und blicken Sie hinunter. Spüren Sie den Drang, der Sie hinabzieht? Es ist nicht nur die Gravitation, auch die Schönheit dieses Raums ist es, seine Tiefe, der Sie einlädt. Die direkte Todesnähe überwältigt Sie, die Grenze, an die Sie gekommen sind, die paar Zentimeter, die ihr Leben von ihrem Tod trennen. Wenn Sie aufstehen und sich direkt an den Abgrund stellen, mit ihren Zehen bereits darüber hinaus, fühlen Sie, wie Sie zwischen Leben und Tod schwanken. (S. 26)

"Am Rand" ist spannend bis zur letzten Seite, eine Art literarischer Cliffhanger auf rund 200 Seiten. Natürlich ahnt man auf jeder Seite was am Ende kommen muss. Von Anfang an ist klar: am Ende muss man Gerold Ebner allein zurück lassen auf seinem Berggipfel. Denn ihm bleibt nur noch ein letzter, konsequenter Schritt.

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