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SWR2 Buch der Woche am 29.4.2013 Niklas Frank: Bruder Norman!

"Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn."

Niklas Frank komplettiert seine Auseinandersetzung mit der Familie. Der Vater, Hans Frank, war Hitlers Generalgouverneur im besetzen Polen, und wurde nach dem Krieg verurteilt und hingerichtet.

Das erste Buch seines Sohnes war eine harte Abrechnung mit ihm. Im zweiten war seine Mutter dran und im dritten setzt er sich mit seinem Bruder auseinander. Im Dialog versuchen sie mit der Bürde fertig zu werden, einen Kriegsverbrecher zum Vater zu haben.

Entstanden ist ein tabuloses, ein tragisches und sehr schmerzhaftes Buch, selbst zerfleischend, klar, einfach und packend geschrieben. Die Wucht der Worte ist überwältigend. Hier kommt keiner ungeschoren davon, auch der Leser nicht.

Collage Autorenfoto und Cover - Niklas Frank: Brunder Norman! "Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn."

Buch

Niklas Frank

Bruder Norman! "Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn."

Verlag:
J. H. W. Dietz
Länge:
316 Seiten
Preis:
22,00 Euro

Besprechung von Stefan Berkholz


"Ich wollt ja nie die Trilogie schreiben. Aber überraschend habe ich sie jetzt beendet. Und ich habe damit eine deutsche Familie, vor der Öffentlichkeit nackt ausgezogen. Und das mit gutem Grund. Wir haben so viele Millionen jüdische, polnische und andere Familien sich nackt ausziehen lassen, bevor wir sie ermordet haben."

So kann man doch nicht über die deutsche Vergangenheit schreiben! So kann man doch nicht seine eigene Familie bloß stellen! So darf man doch nicht wüten und zürnen und geißeln, in aller Öffentlichkeit auch noch! Doch, man darf und Niklas Frank hat es getan.

"'Der Vater' war eine absolute Anklage mit Anrede: 'Du'. Die 'Mutter' war der epische, alles wissende Erzähler. Und beim Norman waren es die Dialoge. Die hatten ein typisch bayerisches Geschäftshaus mitten in Schliersee, und ich wohnte oben drüber. Da bin ich immer raufgegangen, hab sofort die Erinnerungen mit unsern Dialogen aufgeschrieben. Weil er hasste es, aufgenommen zu werden. (...) Und dann, wo ich den Laptop aufgeklappt hab und gesagt hab, so, jetzt mog i net mehr, dann hat er ja auch in gewisser Weise mitgemacht."

1987 veröffentlichte Niklas Frank die Abrechnung mit seinem Vater, der kühle, schmucklose Titel: 'Der Vater'. Es war ein Paukenschlag. Anklage und später Prozess gegen den Generalgouverneur im besetzten Polen, den als 'Schlächter von Polen' und 'Judenschlächter von Krakau' in die Geschichte eingegangenen Vater. Anklage und später Prozess gegen den toten, vom Militärgericht 1946 in Nürnberg gehenkten Vater. Das Buch trug dem Sohn und STERN-Reporter Niklas Frank anonyme Morddrohungen ein, Verrisse, Häme, blanke Ablehnung.

"Als ich Bertelsmann den 'Vater' abgab, kam ein Manuskript zurück, in dem alles Persönliche rausgestrichen war. Und es war plötzlich eine ungefähr fünfzig Seiten kurze, ganz dämliche Biographie über meinen Vater. Wo nichts drin war. Dann hab ich gesagt, entweder so oder gar nicht. Sie haben es mühevoll geschluckt. (...) Der bürgerliche Geschmack mag so was nicht. Die wollen ordentliche, sachliche Berichte über sechs Millionen Juden, über die Verbrechen der Deutschen, in einem Stil, der sie nicht stört."

Doch Frank ließ sich nicht irre machen und wurde zum Störenfried wohlfeiler Geschichtsschreibung. "Der Vater" war ein einziger Wutschrei, ohnmächtig, abgründig, aufwühlend. Auch der Bericht über die Mutter, 2005 unter dem Titel 'Meine deutsche Mutter' herausgekommen, war der Kritik nicht geheuer und auch nicht geschmackvoll genug, und man fragte sich pikiert, ob eine solche Abrechnung mit der eigenen Mutter und dann auch noch in aller Öffentlichkeit nötig sei. Nun also der dritte Band zur Familiengeschichte, der Titel: 'Bruder Norman!' und das Zitat von ihm: 'Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn'. Auch dieser Band enthält Passagen, die erneut größten Widerstand und hellste Empörung hervorrufen können.

"Norman konnte sehr witzig sein. Er war immer hinter einer wirklich originalen Pointe her. Er war kein Witzerzähler, obwohl er sich über Witze manchmal freute. Aber er wollte immer alles in ein Wort legen. Und ich muss sagen, er war der größte Verdränger, dem ich je begegnet bin. Er kam aus dieser Falle nicht raus. 'Ich weiß, Vati war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn'."

In diesem Zwiespalt bewegt sich der Dialog zwischen den Brüdern. Niklas Frank konfrontiert seinen Bruder mit den Dokumenten und entlarvt die lebenslangen Widersprüche einer standhaften Verdrängung. Die Brüder ringen mit einander, werfen sich gegenseitig Grobheiten an den Kopf, Lügen, Wahrheiten, Beschimpfungen. Sie belauern sich, giften sich an, sind eifersüchtig aufeinander, lieben sich, streiten sich, verletzen sich. Für beide ist diese Auseinandersetzung sehr schmerzlich. Beide sind intelligent, schlagfertig, belesen. Der eine, Niklas, ist gewappnet mit all seinen Vorkenntnissen und den Dokumenten aus grauer Vorzeit, den Briefen der Familie, den Reden des Vaters, den Äußerungen von Zeitgenossen. Der andere hört sich die Unerhörtheiten an, schluckt, glaubt es nicht, nimmt eigene Irrtümer zur Kenntnis, eigene Verdrängungen, Lügen, die Abgründe deutscher Geschichte. Das Drama nimmt seinen Lauf.

"Ich würde sagen: Eine Hinrichtung verbindet. Wir haben beide denselben Background. Man hat uns den Vater mitten aus dem Leben heraus, kerngesund, intellektuell sehr hoch stehend, moralisch sehr tief, einfach zum Galgen führt. Der ist nicht an Krebs gestorben. Der hat sich nicht scheiden lassen. Der ist nicht beim Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Es wird ganz bewusst der Familie mitgeteilt: Dieser Mann darf nicht weiter leben, weil er zu viel Schuld auf sich geladen hat."

Bruder Norman erinnert sich nicht an die SS-Kaserne neben seiner Schule in Krakau, nicht an halb nackte Juden, die in bitterer Kälte Kohlensäcke abladen mussten, nicht an die Peitschenhiebe, nicht an Quälereien aus purer Lust und auf offener Straße. Der Bruder will sich nicht erinnern, er kann sich nicht erinnern. Doch ein Schulfreund von Norman erinnert sich sehr wohl und schreibt es sogar auf. Der Schulfreund hat ein Büchlein für seine Enkel gemacht, damit nichts vergessen wird. Frühjahr 1944: Auf einem LKW sieht der Schulfreund von Norman jämmerliche, abgemagerte, heruntergekommene Gestalten, hinten am LKW steht der Zielort in großen Buchstaben: Auschwitz. Das Vernichtungslager ist förmlich plakatiert. In langer Reihe hängen an Telefonmasten die Toten an Galgen. Zur Abschreckung, vor aller Augen. Darüber konnte keiner hinweg sehen. Wie konnte später gesagt werden, man habe nichts gewusst? Und die Spottlieder und antisemitischen Witze? In aller Munde, herzhaft und gehässig gebrüllt und selbstgefällig weitergetragen und hier, bei Niklas Frank, nachzulesen. Der Autor macht all das plastisch, er kennt keine Tabus, reiht eine Ungeheuerlichkeit an die andere. Und macht damit, stellvertretend für die Deutschen, auch seinem geliebten Bruder den Prozess.

"Es hat nichts mit Tapferkeit zu tun! Wir sind in einer wunderbaren Demokratie, die trotz aller Fehler immer noch sensationell gut funktioniert. Da bedarf es keinerlei Mutes, solche Bücher zu schreiben."

Niklas Frank blickt in die Abgründe einer deutschen Familie. Er enthüllt die Tragik gespaltener Seelen. Drei Geschwister bleiben auch nach dem Tod des Vaters national und faschistisch. Auch die Mutter rückt nicht ab vom alten Herrenmenschendenken. Bruder Norman flüchtet sich in den Alkohol, erinnert sich lieber an das Glück der Kindheit und die Abenteuer der Pubertät und will alles andere vergessen. Ein paar Anekdoten aus großer Zeit sind ihm im Gedächtnis geblieben: mit Roland Freisler, dem brüllenden 'Blutrichter' Hitlers, beim Frühstück: witzig war der, erinnert sich Norman. Als Fünfjähriger saß er auch auf Hitlers Schoß: beißend ironisch denkt Norman daran zurück, mehr nicht. Schön gefärbte Bilder eben. Damit kommen die Brüder der Wahrheit nicht näher. Und doch erkennt Bruder Norman ab und an etwas - aber im nächsten Moment widerruft er das schreckliche Erwachen. Niklas Frank, der Autor, kommt sein Leben lang nicht los von seiner mörderischen Familie und der Scham über die deutschen Verbrechen. Seit Jahrzehnten wühlt er im Urschlamm und möchte verstehen, begreifen, wissen, warum. Eine Frage der Selbstachtung? Eine Frage des Überlebens? Ein Ringen mit dem Trauma, ein Kampf gegen die Verpanzerung. Niklas Frank wirkt heute alles andere als verbittert oder zynisch. Im Gegenteil: Er ist dem Leben zugewandt und freut sich über die Kapriolen und Widersprüche und Rätsel menschlichen Seins.

"Das ist immer die Groteske des Lebens und wofür ich auch die Menschen liebe. Das ist einfach toll: Wir könnens halt nicht! Wir können nicht der Wirklichkeit konform leben. Da müsste ich auch sagen: Bin ein alter Mann und hab Arthrose und jetzt leg dich doch hin und sterbe, es hat ja alles keinen Sinn. Aber ich träume. Und freue mich über dies und jenes. Und denk, die Enkel werden mich schon in drei Jahren für stinklangweilig erachten, weil sie ganz andere Interessen haben. Und so geht das Leben dahin. Aber es ist schön."

Niklas Frank hat ein tabuloses, ein tragisches und sehr schmerzhaftes Buch geschrieben. Die Wucht der Worte ist überwältigend. Hier kommt keiner ungeschoren davon, auch der Leser nicht. Ein umwerfendes Buch, bitter, trostlos, verzehrend. Eine Entblößung, herausfordernd, selbst zerfleischend, klar und einfach und packend geschrieben. Ein Lehrstück.

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