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SWR2 Buch der Woche vom 11.07.2016 Meena Kandasamy: Reis & Asche

Aus dem Englischen und mit einem Glossar versehen von Claudia Wenner

Mit ihrem so witzigen wie bissigen Gedichtband "Fräulein Militanz" erstürmte die indische Lyrikerin Meena Kandasamy 2014 die deutschen Leserherzen. Nun liegt im Wunderhorn Verlag der erste Roman der 1984 geborenen Autorin vor, die nicht zuletzt auch politisch äußerst aktiv ist. Sein Titel: "Reis & Asche". Sein Thema: ein historisches Massaker an den unterdrückten Dalits, der untersten Gruppe im indischen Kastensystem.

Buchcover - Meena Kandasamy: Reis & Asche

Buch

Meena Kandasamy

Reis & Asche. Aus dem Englischen und mit einem Glossar versehen von Claudia Wenner

Verlag:
Das Wunderhorn Verlag
Länge:
216 Seiten
Preis:
24,80 Euro
Bestellnummer:
978-3-88423-520-1

4:23 min

Mehr Info

Buch der Woche am 11.07.2016

Meena Kandasamy: Reis & Asche

Claudia Kramatschek

Roman <br />Aus dem Englischen und mit einem Glossar versehen von Claudia Wenner <br />Verlag Das Wunderhorn 2016 <br />216 Seiten <br />24,80 Euro

Der historische Hintergrund

1968 ist nicht allein in West- und Osteuropa das Jahr der Revolte. Auch in Indien liegt 1968 Aufruhr in der Luft: Die Kommunisten gewinnen Oberwasser in Westbengalen, wo die maoistisch gesinnten Naxaliten 1969 zum bewaffneten Widerstand gegen Großgrundbesitzer aufrufen. Zur gleichen Zeit breitet sich auch in Südindien die Revolte der Bauern und Landarbeiter unaufhaltsam aus. Die meisten von ihnen waren und sind Dalits: sogenannte Unberührbare, die für ihre Herren, die Großgrundbesitzer, zwar den Boden bestellen, selbst aber keinerlei Rechte besitzen.

Massaker in Südindien

Ihre Arbeit verrichten sie für einen Hungerlohn, um zu überleben, müssen sie sich zu hohen Zinsen Geld leihen. Am Ende bleibt ihnen nur der Schuldenkreislauf, aus dem es kein Entkommen gibt. Doch 1968 geschah das bis dahin Undenkbare: Die Dalits begehrten auf – auch in einem kleinen südindischen Dorf namens Kilvenmani.

Dieses Dorf ist der Schauplatz in Meena Kandasamys Roman "Reis & Asche", der fulminant und furios von einem historischen Massaker erzählt: 44 Dalits – Männer, Frauen, Kinder, Junge und Alte – wurden dort am 25. Dezember 1968 auf grausame Weise getötet. Sie hatten sich den Kommunisten angeschlossen, die rote Fahne gehisst und den wiederholten Drohungen und Einschüchterungsversuchen der Großgrundbesitzer hartnäckig widerstanden. Die örtliche Polizei unternahm seinerzeit nach dem Massaker nichts, Anzeigen der wenigen Hinterbliebenen blieben folgenlos. Im Gegenteil, Jahre später sprach man die verantwortlichen Politiker im Namen des Gesetzes frei.

Vergebliches Warten auf Gerechtigkeit

Meena Kandasamys Roman liefert allerdings keine Chronik des Geschehens. Die Autorin schreibt sich vielmehr, in den Zeiten hin und her springend, tastend an das Massaker heran und schlüpft dafür nicht zuletzt in unterschiedliche Stimmen und Perspektiven: Sie versetzt uns in die Köpfe der Aufständischen wie auch in die der Großgrundbesitzer, die sich als Opfer der Kommunisten und als Beschützer ihrer Arbeiter sehen – obwohl sie deren Rechte mit Füßen treten. Sie beleuchtet mit nüchterner Stimme die feudale Struktur des repressiven indischen Staatsapparats, der stets auf Geheiß und im Namen der wohlhabenden Klassen agiert.

Vor allem aber bringt sie uns, aus der Perspektive der schwer traumatisierten Hinterbliebenen, mit unerbittlicher Akkuratesse das damalige Schlachtfeld nahe, auf dem die Opfer wie Tiere erst gejagt und dann in ihren eigenen Hütten bei lebendigem Leibe verbrannt worden sind. Auf Gerechtigkeit hoffen die Hinterbliebenen so lange wie vergeblich. Und doch wird, mehr sei nicht verraten, der Tag der Rache kommen, auf den die Menschen in Kilvenmani immer gewartet haben.

Ein hoffnungsvolles Ende?

Die Autorin Meena Kandasamy

Die Autorin Meena Kandasamy

Meena Kandasamy, deren Herz unverkennbar für die Rechte der Dalits schlägt, schenkt ihrem Roman somit ein hoffnungsvolles Ende, was er auch gebrauchen kann. Denn viele Passagen in diesem so rebellischen wie eindringlichen Buch sind aufgrund der dargestellten Grausamkeiten nur schwer zu ertragen. Andere Passagen wieder sind voller zynischer Ironie und nicht zuletzt gespickt mit Anspielungen, Fußnoten und Exkursen rund um das Massaker und anderen Aspekten der indischen Kultur: so etwa zur Frage der Kasten, die schon 1968 eigentlich qua Gesetz abgeschafft worden waren, de facto aber bis heute maßgeblich die hierarchisch strukturierte indische Gesellschaft prägen.

Keine leichte Kost

Tatsächlich ist "Reis & Asche" kein leicht zu lesendes Buch, denn Meena Kandasamy erzählt nicht nur, was sie zu erzählen hat. In eingeschobenen Passagen, in denen sie sich direkt an die Leserschaft wendet, denkt sie mit spitzer Zunge und manchem Seitenhieb zugleich darüber nach, für wen und wie sie erzählen soll: als indische Autorin mit tamilischer Zunge, aber englischer Sprache. "Reis & Asche" ist also nicht allein ein durch und durch politischer, sondern auch ein herausfordernd experimenteller Roman. Dennoch lohnt es sich, die Herausforderung anzunehmen. Denn der literarischen und sprachlichen Wucht von "Reis & Asche", von Claudia Wenner in ein kraftvolles Deutsch übertragen, kann man sich letztlich nur schwer entziehen.

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