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SWR2 Buch der Woche am 01.7.2013 Kettly Mars: Vor dem Verdursten

Ein schmaler, aber intensiver Roman über das Erdbeben in Haiti: Die haitianische Autorin Kettly Mars erzählt von einem Mann, der sich in einem Lager für Erdbebenopfer an jungen Mädchen vergeht. Nicht nur im Leben, auch in der haitianischen Literatur wirkt das verheerende Erdbeben von 2010 bis heute nach.

Collage: Buchcover "Vor dem Verdursten" und Autorenfoto Ketty Mars

Buch

Aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte

Kettly Mars. Vor dem Verdursten

Verlag:
Litradukt Verlag
Länge:
124 Seiten
Preis:
12,90 Euro

Litradukt ist ein kleiner Verlag, der sich seit einigen Jahren große Verdienste erworben hat, weil er regelmäßig auf das Literaturland Haiti verweist, dessen Autoren sonst bei uns kaum eine Chance hätten, wahrgenommen zu werden. Soeben hat er ein neues Werk herausgebracht: "Vor dem Verdursten" von Kettly Mars. Es ist einer der ersten haitianischen Romane, der von dem furchtbaren Erdbeben handelt, von dem die Insel 2010 heimgesucht wurde. Peter B. Schumann hat ihn gelesen.

Besprechung von Peter B. Schumann


Canaan heißt der Schauplatz von Kettly Mars neuem Roman: Kanaan – in biblischen Zeiten ein Ort der Verheißung, Gelobtes Land. In der arabischen Sprache bedeutet das Wort aber auch so viel wie 'die Verstoßenen'. Beides trifft auf das haitianische Canaan zu. Hunderttausende von Haitianern waren durch das Erdbeben obdachlos geworden. Als sie sich von ihrer Regierung allein gelassen fühlten, besetzten sie jedes Stück freies Land und eben auch diesen "trockenen, gottverlassenen Ort", den sie rasch in ein chaotisches "Geflecht aus vertriebenen Leben" verwandelten – wie Kettly Mars schreibt. Sie sagt:

"Ich war in Haiti, als das Erdbeben geschah. Ich habe die Katastrophe erlebt, die unsere Geschichte verändert hat, denn es gibt ein Haiti vor und nach dem Beben. Für mich war es wichtig, diesen Roman zu schreiben, um mit diesem Trauma fertig zu werden. Abgesehen von allen Informationen und aller Politik, die er enthält, wollte ich vor allem von den Haitianern sprechen, die in dieser Situation leben, die sie zu überleben versuchen: von ihren Gefühlen angesichts des Elends und eines Wiederaufbaus, der nur schlecht vorankommt."

Menschen im Zwiespalt beschreibt sie in all ihren Romanen. Doch bisher waren es Frauen, die ein Doppelleben führen wie die Protagonistin in Fado, die nachts ihrer bürgerlichen Existenz entflieht, um sich als Prostituierte zu betätigen, oder wie Nirva in Wilde Zeiten, die sich auf ein gefährliches Verhältnis mit dem Sicherheitschef von Diktator Duvalier einlässt in der verzweifelten Hoffnung, so ihren Mann aus der Folterkammer zu befreien. In ihrem jüngsten Werk "Vor dem Verdursten" ist erstmals ein Mann der Handlungsträger. Kettly Mars stellt diesen Fito mitten hinein in das Elend der Erdbebenkatastrophe und in die chaotischen Verhältnisse des Wiederaufbaus. Die Autorin:

"Die Hauptperson ist ein Produkt der Mittelschicht: ein Architekt und Schriftsteller mit einer Schreibblockade, der seine sexuelle Befriedigung nur noch mit jungen Mädchen im Zeltlager von Canaan findet. Dieses Bild der Verkommenheit ist eine Metapher für jemanden, der am Boden liegt so wie wir, wie dieses Haiti."

Der 55-jährige Fito ist von Beruf Bauingenieur, hat sich nebenher als Schriftsteller versucht und auf Anhieb einen Bestseller gelandet. Doch dann scheitert er bereits an der Idee für einen zweiten Roman und lebt von nun an "gewissermaßen in einem Loch, in dem er sich versteckt, um sich selbst zu entkommen" – so Kettly Mars. Die Katastrophe bietet ihm die Möglichkeit, sich als Architekt zu bewähren.

"Man brauchte, um die Korruption zu bekämpfen, die die Institutionen zersetzte und die Hoffnung im Keim erstickte, eine Tatkraft und einen Glauben, die Berge versetzen. Fito ging begeistert daran, arbeitete, machte Vorschläge, kämpfte verbissen, dann ernüchtert, zuletzt verzweifelt mit den Windmühlenflügeln des Systems. Die Last des Status quo erstickte ihn. Canaan verschlang ihn." (Kettly Mars: Vor dem Verdursten)

Sein Eifer wird zu einer weiteren frustrierenden Erfahrung. Er versucht, sie im Alkohol zu ertränken und im Schoß von 12- oder 14-jährigen Mädchen zu vergessen: Kindern, die von ihren Müttern feilgeboten werden, weil diese nicht wissen, wie sie ihre Familie ernähren sollen, und weil ihnen keine internationale Hilfsorganisation beisteht.

"Ketia war zwölf Jahre alt, wirkte aber jünger. Seit dem Erdbeben ging sie nicht mehr zur Schule. Ihren Vater kannte sie nicht. Ihre Mutter, die vorher eine Garküche betrieben hatte, hatte ihr rechtes Bein und vier Finger der rechten Hand verloren, als ein Teil der Hauswand auf sie und ihre Kessel stürzte. Ketia und Nadège, ihr ein Jahr ältere Schwester, schafften das Brot für die Münder ihrer vier jüngeren Geschwister heran. Ketia ging erst seit ungefähr zwei Monaten ins Zelt, begriff aber eine Menge Dinge immer noch nicht. Nadège hatte ihr gesagt, sie solle so tun, als habe sie keine Angst." (Kettly Mars: Vor dem Verdursten)

Auf dieses extreme pädophile Verhalten spitzt Kettly Mars ihre Kritik zu und entwirft dabei das Bild einer abstoßenden Machogesellschaft: von Männern, die ihre Familie einfach im Stich lassen, die sich an der Prostitution mit Kindern gesund stoßen oder – wie Fito – sie benützen, um ihren Frust zu überwinden. Doch so negativ, wie er anfangs erscheint, bleibt dieser verstummte Bestsellerautor nicht. Kettly Mars zeigt ihn als einen Zerrissenen, der sich ständig "im Kampf mit seinen Dämonen" befindet, sich gegen seine Obsession wehrt. Selbst für das Geschäft von Golème, der das "Netz der Abartigkeit mitten in der Stadt" betreibt, findet sie ein Motiv.

"Als sein Vater starb, schickte ihn seine Mutter, die mit acht Mündern überfordert war, zu einem Vetter nach Port-au-Prince in ein Elendsviertel. Der Vetter missbrauchte ihn. Er floh sehr bald und lebte auf der Straße, wo man ihn über zehn Jahre lang missbrauchte." (Kettly Mars: Vor dem Verdursten)

Der Schatten hat Schattierungen bei Kettly Mars. Sie versucht, ihren Figuren gerecht zu werden und stellt Fito eine Lichtgestalt an die Seite: Tatsumi, eine Japanerin. Kettly Mars:

"Ich möchte etwas Hoffnung durch diese Frau in den Roman hineinbringen. Sie bietet einen anderen Blick auf die Dinge, ist wie ein frischer Luftzug und soll die Geschichte weniger pessimistisch erscheinen lassen. Sie kommt an voller Energie, mit neuem Leben, und allmählich vermag selbst Fito die Situation anders zu sehen."

In ihrem letzten Roman Wilde Zeiten verweigerte sie am Schluss jeden Hoffnungsschimmer. Aber dort ging es auch um eine der schlimmsten Diktaturen, die das Land je heimgesucht haben. In ihrem neuen Werk wird Haiti dagegen von einer Naturkatastrophe verheert und mit immensen Schwierigkeiten und Fehlleistungen wieder aufgebaut. Es ist also Optimismus angesagt. Ihn verkörpert eine Fremde: Tatsumi. Sie ist von knabenhaft schlanker Gestalt und hält als Professorin für frankophone Literatur Fito für einen genialen Schriftsteller. Der wehrt sich jedoch gegen ihre Bewunderung und ihren Liebreiz, und sie kann ihn nur ertragen, weil sie sich durch ihre Recherchen über den Wiederaufbau für eine japanische Zeitung oft von ihm fern hält. Dennoch vermag sie ihn schließlich "vor dem Verdursten" zu bewahren: Er wird als Wiedergutmachung einen Roman über das Elend in Canaan schreiben. Denn für die Autorin gilt, was sie als Grundhaltung der Reporterin Tatsumi so formuliert:

"Sie musste eine unbequeme Wahrheit sagen, von einer Nation sprechen, die immer noch festgefahren im Schlamm ihrer eigenen Geschichte darauf wartete, geboren zu werden. Sie musste aber auch unerwartete Schönheiten auffinden, wo immer sie sich verbargen." (Kettly Mars: Vor dem Verdursten)

Kettly Mars' ungewöhnliches Talent vermag die Trostlosigkeit der Verhältnisse drastisch zu beschreiben und sie zugleich immer wieder in poetischen Metaphern zu verdichten. Diese Geschichte ist ein adäquates Spiegelbild von Haiti: eines Landes, geschlagen von vielerlei Katastrophen, aus denen immer wieder Poesie entsteht.

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