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SWR2 Buch der Woche vom 29.05.2017 Lizzie Doron: Sweet Occupation

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

Was für ein thematischer und auch persönlicher Bruch: Viele Bücher schrieb Lizzie Doron über den Holocaust und seine Folgen für die israelische Bevölkerung. Die bekannte israelische Autorin ist selbst Tochter von Holocaust-Überlebenden. In ihren neuesten Büchern aber wirbt sie für einen dauerhaften Frieden mit den Palästinensern und wird seither in Israel geächtet.

Davon zeugt auch ihr neues Buch "Sweet Occupation", das es schon auf Deutsch gibt, auf Hebräisch aber noch nicht. Darin erzählt sie auf zutiefst berührende Weise von ihrer Begegnung mit den "Combatants for Peace", israelisch-palästinensischen Friedensaktivisten.

Buchcover: Sweet Occupation

Lizzie Doron

Sweet Occupation. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

Verlag:
dtv premium
Länge:
208 Seiten
Preis:
16,90 Euro
Bestellnummer:
ISBN 978-3-423-26150-0

6:45 min

Mehr Info

Buch der Woche am 29.05.2017

Lizzie Doron: Sweet Occupation

Sigrid Brinkmann

dtv <br />208 Seiten <br />16,90 Euro

Die ersten fünf Bücher von Lizzie Doron – dazu gehören "Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?", "Der Anfang von etwas Schönem" und "Das Schweigen meiner Mutter" –  erzählen von den seelischen Abgründen, in denen die Überlebenden der Shoah und ihre Kinder in Israel immer wieder versinken. Manche sagten kein Wort über ihre Vergangenheit in Europa, andere sprachen ständig über die Gräuel der Lager und das schwer überwindbare Gefühl von Fremdheit im zionistischen Staat.

Israelische Verlage wollten das Buch nicht haben

Mit ihrem 2015 erschienenen Buch "Who the Fuck is Kafka" ging Lizzie Doron als Autorin neue Wege. Sie suchte die Zusammenarbeit mit einem palästinensischem Filmjournalisten aus Ostjerusalem. Das Experiment, sich mit den Lebensbedingungen des Anderen vertraut zu machen, scheiterte am Zwang zur Heimlichkeit. In Israel fand sich kein Verlag für Dorons Buch, und so erschien die Erstausgabe in deutscher Übersetzung. Und auch für ihr neues Buch fand sie keinen israelischen Verleger mehr – angeblich, weil es keine Leser für Geschichten von israelischen und palästinensischen Männern und Frauen gibt, die an den Frieden glauben.

Gewalt lehnen die Friedensaktivisten kategorisch ab

Lizzie Doron zögerte keinen Moment, den Vorschlag des palästinensischen Friedensaktivisten Mohammed Owedah anzunehmen. Er lud die bekannte israelische Autorin ein, Mitglieder der 2006 gegründeten Bewegung "Combatants for Peace" kennen zu lernen.

Lizzie Doron

Die Autorin Lizzie Doron

"Es ist ein Geschenk, wenn dein Feind dir verspricht, dass die Geschichten, die man dir erzählen wird, so gut sind, dass du daraus ein Buch machen kannst. Mohammed sagte: Du musst nur zuhören! Und ich war so clever, die Chance zu ergreifen, aber auch Schuldgefühle (wegen der jahrzehntelangen Besatzung Palästinas) haben die Entscheidung mit beeinflusst", sagt Lizzie Doron.

Der Friedensaktivist Mohammed Owedah hat bereits einiges hinter sich: Mit 16 Jahren kam er ins Gefängnis. Er hatte in einem Jeep fahrende israelische Soldaten attackiert. Andere Palästinenser, die heute als "Combatants for Peace" aktiv sind, verletzten oder töteten Armeangehörige mit Messern, Steinschleudern und Molotowcocktails.

Ghandi und Mandela sind die Vorbilder

Jüdische Mitglieder kamen zur Bewegung der "Combatants", weil sie während ihrer Armeezeit Befehle verweigerten. Sie ertrugen es nicht mehr, Zivilisten an Grenzübergängen zu demütigen oder Kinder bei nächtlichen Hausdurchsuchungen aus den Betten zu holen und abzuführen. Die israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten lehnen Gewalt ab. Weil sie dies kategorisch tun, begreifen sie sich als Kämpfer. Ihre Vorbilder sind Mahatma Ghandi und Nelson Mandela.

Dass man Arabern niemals vertrauen könne und jederzeit bereit sein müsse, sein Land mit dem eigenen Leben zu verteidigen, waren Grundüberzeugungen, die Lizzie Doron seit ihrer Schulzeit verinnerlicht hatte.

"Die Friedenkämpfer haben mich zweifellos verändert"

Schonungslos ehrlich und selbstkritisch reflektiert sie, wie sehr die Begegnung mit den Friedenskämpfern ihr Denken auf den Kopf stellte. Die "Combatants" haben aufgehört zu fragen, wer im Recht ist: Israelis oder Palästinenser. Die strikte Ablehnung, Waffen einzusetzen, provoziert in einer hochmilitarisierten Gesellschaft wie der israelischen wütende Reaktionen. Und die Führung in Ramallah diffamiert seit Jahrzehnten hartnäckig jeden Kontakt zwischen Israelis und Palästinensern als Verrat.

"Die fünf Friedenskämpfer haben mich zweifellos verändert, aber der wirklich große Sprung passierte, weil meine israelischen Freunde nicht nachvollziehen wollten, dass ich über die neuen Freunde mit Liebe und Empathie spreche. Ich werde nicht mehr zu Partys und offiziellen Anlässen eingeladen, weil man davon ausgeht, dass ich die Selbstzufriedenheit  der Anderen in Frage stelle. Ich störe. Der Dauerdruck, der in Israel herrscht, verstärkt das Bedürfnis nach einem kleinen privaten Paradies. Mich von meinem alten Freundeskreis zu entfernen, das habe ich mir nicht ausgesucht. Es war ein Prozess. Meine engsten Freunde  sind jetzt Mohammed, Suleiman, Chen und ein Mann, den ich seit meiner Kindheit kenne. Mit 12, 13 Jahren war er bereits ein linker Friedenskämpfer, und die meisten dachten, er sei halt ein wenig verrückt." (Lizzie Doron)

Lizzie Dorons Stärke ist es, Mikro-Episoden zu schildern, die wie Nadelstiche wirken können.  So, wenn sie beschreibt, wie sehr eine auf Verteidigung eingeschworene Gesellschaft die weniger oder keineswegs Kampfbereiten ausschließt.

Sie nicht als Terroristen zu bezeichnen, fiel anfangs schwer

Die wegen Gewalttaten verurteilten Palästinenser machten zur Bedingung, dass die Autorin sie nicht als Terroristen bezeichnen würde. Darauf zu verzichten, sagt sie, kostete Überwindung. Es fiel jedoch leichter, je länger sie den zu Pazifisten gewordenen Messerstechern und Steinewerfern zugehört hatte.

"Die Besatzung hat jeden von uns kaputt gemacht", sagte Mohamed und schaute mich mit einem fremden Blick an. "Und trotzdem, wenn du erlaubst, könnte man sagen, dass wir das schlechtere Los gezogen haben. Letztlich seid ihr die Professoren und wir sind die Klempner. Selbst bei den Friedenskämpfern, dieser Organisation, die so gleichberechtigt ist wie nur irgend möglich, ist es so."
Wieder schweigt er.
Er verlangt noch einen Kaffee, ich ein Glas Wasser.
Ich denke, dass man vielleicht wirklich nicht über alles sprechen muss, wenn man gemeinsam etwas erreichen will. Ich werde Chen nie im Leben fragen, wie und wen er umgebracht hat.

Attentatsmeldungen und persönliche Schlüsselmomente wechseln einander ab

Lizzie Doron durchsetzt die Schilderungen ihrer Begegnungen mit den "Combatants for Peace" mit Attentatsmeldungen vergangener Jahre. Knappe, zwischen Sarkasmus und Verzweiflung schwankende Notizen folgen den Erinnerungen an Schlüsselmomente im Leben der Autorin.

Auch nach mehr als vierzig Gedenktagen hat die Nachricht vom Tod mehrerer Jugendfreunde, die 1973 im Jom Kipur-Krieg fielen, nichts von ihrer Albtraumhaftigkeit verloren. Zu den überlebenden Schulfreunden gehörte Emil. Er arbeitet heute als Psychiater in einer Privatklinik und behandelt seit vielen Jahren unentgeltlich inhaftierte Palästinenser und Israelis.

Die Wiederbegegnung mit Emil zwingt die Autorin zu erkennen, in welchem Maß sie die Lebensnöte der Palästinenser ausgeblendet hatte. Die Priorität, die Lizzie Doron in ihren Büchern den individuellen Geschichten einräumt, unterscheidet ihre Texte von den Arbeiten so verdienter Journalisten wie Amira Hass und Gideon Levy. Beide berichten seit über 20 Jahren für die israelische Tageszeitung Haaretz aus den besetzten Gebieten.

"Als Journalist kannst du das ganze Spannungsgeflecht zwischen Feinden beschreiben, aber deine eigenen Erinnerungen wirst du aussparen. Auch der persönliche Preis, den du für dein Engagement bezahlst, ist kein Thema. Schließlich werden Journalisten für ihre Arbeit bezahlt", sagt Lizzie Doron.

Eine politische, friedliche Botschaft

Das Buch "Sweet occupation" ist das beeindruckende Zeugnis einer inneren Wandlung. Es hat einen fragmentarischen Charakter und führt klar vor Augen, wie viel Freiheit Menschen gewinnen, wenn sie aufhören, den Anderen zu dämonisieren und ihr Leben nicht länger von Hass und Misstrauen aufbrauchen lassen. In Israel möchte man Lizzie Doron weiterhin in der Rolle der literarischen Chronistin der Zweiten Generation sehen. Als solche war und ist sie bekannt.

Sie ist der Rolle aber längst entwachsen, und es schmerzt sie, dass diese Entwicklung ausgeblendet bzw. ihr nicht zugestanden wird. Als Tochter einer Auschwitz-Überlebenden hat sie ihr neues Buch einer palästinensischen Mutter gewidmet, die ihren Söhnen stets abverlangte, auf Gewalt zu verzichten. Die Widmung ist eine politische wie zutiefst menschliche Geste. Und sie enthält eine friedliche Botschaft, die an jedem Ort der Welt verstanden werden kann.

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