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SWR2 Buch der Woche vom 13.1.2018 Linn Ullmann: Die Unruhigen

Aus dem Norwegischen von Paul Berf

Ein Buch wie eine Fuge, ganz im Sinne von Ingmar Bergman, der die Musik von Bach liebte. Linn Ullmann ist die Tochter von Ingmar Bergman und der Schauspielerin Liv Ullmann. Sie widmet ihrem Vater, ihren Eltern, ein zartes, tief berührendes Buch, einen halbfiktionalen Familienroman. Kindheitserinnerungen wechseln ab mit melancholischen Passagen über das Altern, über Abschied und Tod. Ein lakonisches Buch voller skandinavischer Schwermut, wie man sie aus den Filmen Ingmar Bergmans kennt.

7:12 min

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Buch der Woche

Linn Ullmann: Die Unruhigen

Jerome Jaminet

Ein Buch über Abschied und Tod: Linn Ullmanns unsentimentale Erinnerungen an den Vater Ingmar Bergman und die Mutter Liv Ullmann. | <br />aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Verlag, 416 Seiten, <br />22 Euro | <br />Rezension von Jérôme Jaminet

Buchcover: Die Unruhigen von Linn Ullmann

Linn Ullmann

Die Unruhigen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf

Verlag:
Luchterhand Verlag
Länge:
416 Seiten
Preis:
22,00 Euro
Bestellnummer:
978-3-630-87421-0

Erinnerung ist immer auch Erfindung

Autorin Linn Ullmann

Linn Ullmann

Wäre dieses Buch eine musikalische Komposition, wäre es wohl eine Fuge. Ganz im Sinne Ingmar Bergmans, der die Musik von Bach liebte. Sie war wohl die beständigste Liebe in seinem Leben, wenn man den semifiktionalen Familienroman „Die Unruhigen“ von Tochter Linn Ullmann für bare Münze nimmt.

Doch selbst die Autorin räumt ein: Jede Erinnerung ist immer auch Erfindung.

Anfangs wollte Bergman selbst ein Buch schreiben

Am Anfang stand ein gescheitertes Buchprojekt des betagten Regie-Genies. Über das Alter wollte er schreiben, die Beschwerlichkeiten, die es mit sich bringt, die Arbeit, die es macht. Schließlich stand Bergmans Alter selbst dem Vorhaben im Weg. Die Tochter und der Vater planten deshalb einen Gesprächsband.

Als sie endlich in medias res gehen, zwei Monate vor Bergmans Tod im Jahr 2007, ist seien Gesundheitszustand so schlecht, die Demenz so weit fortgeschritten, dass die Antworten unklar und dürftig ausfallen. Zudem ist die Tonqualität der sechs Interviews miserabel.

Es vergehen Jahre, bis Ullmann die Bänder, die sie zwischenzeitlich verlegt und für verloren geglaubt hat, wieder abspielt.

Sechs Tonbandaufnahmen aus dem letzten Frühjahr, in dem er noch lebte, waren mir von ihm geblieben. Seine Stimme. Und die Stille. Und meine Stimme. Und all die Geräusche, von denen ich nicht recht weiß, woher sie kommen, die aber vom Mikrofon aufgefangen wurden und die man nicht ganz zutreffend als Rauschen bezeichnen könnte. Die Aufnahmen wurden mit einem kleinen, grauen Tonbandgerät in der Größe eines dicken Fingers gemacht. Ich wusste, dass ich mich in irgendeiner Form mit ihnen auseinandersetzen musste – also mit diesen Aufnahmen. Ich musste sie mir anhören. Es war mein Vater.

Romanform lässt Ullmann gestalterischen Spielraum

Linn Ullmann hat auch ihr siebtes Buch als Roman apostrophiert. Tatsächlich lässt die formal flexible Gattung des Romans der Autorin den meisten Spielraum, um sich ihrer Familie in der Semifiktion der Erinnerung zu nähern.

Unser Leben, schrieb einst Max Frisch, ist die Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Was aber, wenn einem die Sprache allmählich abhandenkommt?

In „Die Unruhigen“ thematisiert Ullmann die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, die Familienähnlichkeit von Erinnerung und Schimäre. Was bleibt im Alter, wenn die Hälfte der Wörter verschwunden und die Frauengeschichten im Gedächtnis durcheinandergeraten sind, ja, wenn selbst die eigene Tochter im Dämmerzustand des Geistes nicht mehr wiederzuerkennen ist?

Liebe zur Musik schlägt sich im Aufbau nieder

Im Falle Bergmans ist es die Liebe zur klassischen Musik mit ihrer eigenen Sprache, die ihn rührt und revitalisiert:

Er legt Schuberts Winterreise auf. Wir hören das letzte der vierundzwanzig Lieder. Dann streckt er sich wieder aus dem Stuhl heraus, hebt die Nadel, und es wird still. ER: Die Stimme ist ganz klar - das ist es, wovon ich spreche. Von den ersten Akkorden an… Er schweigt, sieht den Plattenspieler an.
SIE (vorsichtig): Kannst du ein bisschen mehr darüber sagen?
ER: Es ist lebendig. Du bekommst einen zusätzlichen Schub dazu, lebendig zu sein, wenn du diese Musik hörst. In manchen Situationen, wenn ich hier in meinem Arbeitszimmer allein bin, fange ich an zu weinen. Und ich bin bestimmt keine Heulsuse. Das weißt du. Das bin ich nicht. Es ist nur einfach so, wenn ich hier alleine sitze und meine Platten höre, laufen mir die Tränen herunter. Ich bekomme ein gesteigertes Lebensgefühl. Verstehst du, was ich meine?

Ingmar Bergman, 2000

Ingmar Bergman

Am liebsten hört der Vater Bach. Und tatsächlich ist „Die Unruhigen“ wie eine Fuge Bachs komponiert: Der erste von sechs Teilen enthält fast alle Motive, die später wiederholt und variiert werden, die Pünktlichkeit des Vaters etwa, die Melancholie der Mutter oder die Verlustangst der Tochter.

Die in den Erzähltext kunstvoll hineinmontierten, authentischen Transkripte dokumentieren die bruchstückhaften Dialoge mit dem Vater. Es sind die lakonischen Antworten eines um Worte ringenden, greisen Mannes auf die vorsichtigen Fragen seiner nachsichtigen Tochter.

Unglückliches Los der Tochter in zersplitterter Künstlerfamilie

In Jugendtagen ist diese Tochter weniger rücksichtsvoll. Sie lebt allein bei ihrer Mutter, die mit der Erziehung des klettenhaften Kindes völlig überfordert ist und sich, wohl nicht nur wegen ihrer Schauspielkarriere, ständig auf Reisen begibt.

Weil die wechselnden Tagesmütter die dauerabwesende leibliche Mutter nicht adäquat ersetzen können, werden diese vom Mädchen immer gleich weggeekelt:

Wenn man ein Kindermädchen peinigen will, muss man seine Schwächen ausfindig machen. Frau Bergs Schwäche ist Horst Tappert. (…) Drei Freitage hintereinander schleiche ich mich ins Wohnzimmer und ziehe den Stecker heraus. Ich warte bis Oberinspektor Derrick sich auf dem Bildschirm zeigt. Ich warte noch ein wenig länger. Ich warte, bis Oberinspektor Derrick sich zu Frau Berg umdreht und sie mit seinen großen, traurigen Augen ansieht. Die Betrübnis der ganzen Welt findet Platz in diesen Augen. Und exakt wenn Frau Berg das Sherryglas zum Mund führt, exakt wenn sich das gute Gefühl in ihrem Körper ausbreitet, wird der Fernseher schwarz, und Frau Berg sitzt allein in der Dunkelheit.

Skandinavische Schwermut bleibt in der Übersetzung erhalten

Über weite Strecken ist der Text durchwirkt von skandinavischer Schwermut, die man aus den Filmen Bergmans kennt. Die kommentierenden Passagen mit ihrem tastenden, mäandrierenden, die Suchbewegung der sechs Interviews nachbildenden Erzählstil klingen dabei aber auch in Paul Berfs kongenialer Übersetzung derart melodisch, dass der Leser gerne bereit wäre, sich diese Partitur mit ihren flotten Wechseln zwischen Parataxe und Hypotaxe in einer langen Nacht von der Autorin vortragen zu lassen.

Zumal die Stellen, an denen die Tochter vom Sterben ihres geliebten Vaters erzählt, nicht rührselig, wohl aber berührend sind.

Es dauerte zu sterben, es spielte sich ab, und wenn mich in jenem Sommer jemand gefragt hätte: Was tut er gerade?, hätte meine Antwort gelautet, er liegt da und stirbt, obwohl das nicht ganz zutreffend gewesen wäre, denn obgleich er sehr viel lag, kam es auch vor, dass er saß oder sich krümmte, manchmal wurde er von emsigen oder wohlmeinenden Frauenhänden angehoben und in den Rollstuhl verfrachtet und in die Küche gerollt, wo ihm ein Omelett vorgesetzt wurde. Ich befürchtete, dass der Kopf zu schwer für seinen Körper werden würde, dass er wie eine Stoffpuppe aufreißen, aufplatzen, ausfransen könnte. Er wog kaum mehr als ein Beutel Äpfel.

Alles endet, aber nie die Musik

„Die Unruhigen“ ist das feinfühlig gezeichnete Porträt einer zersplitterten Künstlerfamilie und eine kluge Meditation über menschliche Zerbrechlichkeit, Arbeit und Alter, Tod und Trauer. Und es ist ein vierhundertseitiges Chef d'Œuvre.

Was also bleibt am Ende des Lebens und am Ende dieses Buches? Die Musik. Auch wenn sie selbst so flüchtig ist wie eine Fuge.

 

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