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SWR2 Buch der Woche am 11.3.2013 Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstraße

Fünf Novellen über fünf verschiedene Männer im Südwesten Berlins. Es passiert nicht viel. Ein Anruf, eine Begegnung, Stunden nervösen Wartens. Am Ende die Frage: Wie ist das Unheimliche in die kristallklaren Sätze Hartmut Langes eingesickert?

Collage Hartmut Lange Autorenfoto und Buchcover "Das Haus in der Dorotheenstrasse"

Buch

Hartmut Lange

Das Haus in der Dorotheenstraße

Verlag:
Diogenes
Länge:
124 Seiten
Preis:
19,90 Euro

Rezension von Waltraut Worthmann von Rode



Hartmut Langes Novellen in "Das Haus in der Dorotheenstraße" schweben. Zwischen Traum und Traurigkeit, Sehnsucht und Furcht, Wirklichkeit und Irrationalem. Dabei sind diese Geschichten über fünf Männer sehr genau verortet. Sie sind präzise verankert im Südwesten von Berlin. Mit dem Finger auf einem Stadtplan könnten wir die Protagonisten über bekannte Straßen, entlang von Wasserläufen begleiten. Über die Knesebeckbrücke, dem Teltowkanal folgend, der gute 37 Kilometer weit von der Havel bis zur Spree führt. Da ist fester Boden unter den Füßen und gesicherte Heimat. Daran könnte man sich halten wie an einem roten Faden, der durchs Leben führt. Doch die Sicherheit ist trügerisch. Denn dann fliegt über diese Wirklichkeit etwas hinweg und macht sie zunichte. Ein Ascheregen, ein Schatten oder ein Schwarm Vögel:

"Jetzt, Mitte August, tauchte der Schwarm Krähen über den Pappeln der Lichtung immer zur gleichen Zeit, immer Punkt acht Uhr abends, bevor es zu dämmern begann, auf, und es gab durchaus jemanden, nämlich den Taxichauffeur Michael Denninghoff, der mit einem Blick auf die Armbanduhr hätte bezeugen können, dass sich hier ein paar Vögel unter freiem Himmel, was schwer zu erklären war, an eine vorgegebene Zeit hielten."

Von diesen Krähen geht etwas Beunruhigendes aus. Sie wecken die Erinnerung an Denninghoffs Frau. Sie ist gestorben. Ein Tod, der alles zunichte machte und ihn zwang, die gemeinsame Wohnung und seinen Beruf als Architekt aufzugeben. Sich in die beruhigende Begrenztheit eines Taxis zurückzuziehen. Vier Sitze, ein Gaspedal und dieses ewig vorantreibende Hierhin und Dorthin, das nach Freiheit riecht aber nur seine Unruhe symbolisiert. Jedes Erinnerungsstück an seine Frau hat Denninghoff weg gegeben. Nun will er etwas Konkretes wieder haben und verliert sich in einer beängstigenden Suche nach der Vergangenheit:

"Stunden später begann es zu regnen, und der alte Volvo stand, so wie Denninghoff ihn abgestellt hatte, nämlich im Halteverbot vor der Knesebeckbrücke, immer noch da. Die Scheinwerfer waren erloschen, die Fahrertür war angelehnt, über dem Sitz im Fond hing eine Jacke, und nachdem man die Polizei gerufen hatte, suchten die Beamten das Ufer des Teltowkanals ab. Man fand nichts, übersah auch die niedergetretenen Grasbüschel auf der Höhe der Lichtung und das Stück Papier, das Notizen enthielt, und dass da zerstreut ein paar Krähenfedern lagen."

Es passiert nicht viel in diesen Novellen. Ein Anruf auf dem Handy, eine kurze Begegnung, Stunden nervösen Wartens. Die Beunruhigung, die Illusion, die Selbsttäuschung – all sie kommen sacht daher. Am Ende der Lektüre fragt man sich, wie der Autor es gemacht hat, dass sich in diese kristallklaren Sätze das Unheimliche einnistet. Man blättert zurück und fühlt sich erneut in diesen leisen Sog hineingezogen. Ist dies nicht das beste Kriterium für Literatur? Wenn sich Inhalt, Sprache und Stil nicht mehr auseinander dröseln lassen? Wenn sie eine Einheit bilden? Dann liegt perfektes Schreiben vor. So schlittert der rationale Wirtschaftskorrespondent Gottfried Klausen von einer vertrauten in eine fremde Welt, wenn er merkt, dass seine Frau den Umzug nach London nicht mitmachen möchte und sein Leben zum Alptraum wird:

"Da sind die Möbel, die, nachdem die Nattischlampe nicht mehr brennt, ihre Schatten werfen, da ist das unverhangene Fenster, durch das genügend Licht fällt, um auch den kahlen Wänden ringsherum Konturen zu geben, und hinter dem Fenster beginnt das grenzenlose Draußen, das, da niemand es wahrnimmt, wie unerlöst, wie beziehungslos, wie eine Welt ohne Gegenüber wirkt, und selbst der Mond, der über den Dächern der Stadt aufsteigt, kann seine Schönheit nicht zur Geltung bringen. Und wenn dann der eben noch Schlafende aus irgendeinem Grund, vielleicht weil er unbequem lag oder schlecht geträumt hatte, sich plötzlich mit einem Seufzer aufrichtet und, mit beiden Händen Halt suchend, auf der Bettkante zu sitzen kommt, dann wäre es möglich, dass sich zwei Welten, die zusammengehören, für Augenblicke nicht mehr berühren."

Was ist Wirklichkeit? Das, was jedermann sieht oder das, was der subjektive Blick auf die Welt ergibt? Diese Frage dekliniert Hartmut Lange durch. Und alles mit einem perfiden Stilmittel: Jene unterdrückte Seite unserer Existenz bricht meist am helllichten Tag aus. Zu einer genauen Zeit, in versteckten Villen, in Waldstücken, an einem Uferrand, der uns bildhaft bis auf die dort wachsenden Pflanzen realistisch vor Augen geführt wird:

"Das Gewässer ist keine dreißig Meter breit, dichtes Laubwerk drängt über die Ufer. Es sind Erlen und junge Weiden, aber vor allem ist es der Japanische Staudenknöterich, der alles überwuchert und der den Spaziergänger daran hindert, mit dem Wasser, auf dem Blätter treiben, in Berührung zu kommen… Die Wege am Ufer sind holprig. Man muss darauf achten, nicht über Wurzelwerk zu stolpern, und wenn man sich von der Brücke in Richtung Nordosten hundert Meter entfernt hat, öffnet sich gegenüber, auf der anderen Seite des Kanals, eine Art Lichtung mit einem Schild, auf dem man die Zahl vierzehn erkennt."

Hartmut Lange ist von Beruf auch Theaterdramaturg. Er verhält sich wie ein surrealistischer Maler, der längst erkannt hat, dass das bloße Abmalen der Wirklichkeit nichts bedeutet, wenn man die Wahrnehmung des Betrachters außer acht lässt. Je nachdem, was uns gerade passiert, schießt verrückte Phantasie ins Kraut. Ein Mann folgt im Wald einem geheimnisvollen Cello-Ton und überrascht eine berühmte Cellistin, die schon seit 25 Jahren tot ist. Und glaubt so ans Überleben der Musik. Ein Bürgermeister erlebt, dass sich eine Krähe auf dem Rücksitz seines Wagens einnistet und nicht mehr zu verscheuchen ist. Ein anderer Mann ist Hotelberater, verheiratet und stets unterwegs. Und wird von seiner Frau nur noch als Schatten an der Haustür konserviert. Verrückt, dies alles. Hätten wir es nicht schon erlebt. Das Hervorbrechen mörderischer Wut. Rache- oder Schuldgefühle, die nur mühsam wieder ins Korsett geknöpft werden können. Angst, die sich in den Nacken krallt. Gefühle, die das Gehirn außer Kraft setzen. Erinnerungen, die wie ein Ascheregen plötzlich auf uns niedergehen. Der Mensch ist ein Gefährdeter. Das zeigt Hartmut Lange. Meisterhaft.

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