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SWR2 Buch der Woche am 27.10.2014 Nadja Küchenmeister: Unter dem Wacholder

Nadja Küchenmeister überzeugte schon mit ihrem ersten Gedichtband "Alle Lichter". Mit den dreiundvierzig neuen Gedichten in ihrem zweiten Lyrikband, "Unter dem Wacholder" bestätigt sie alle Erwartungen.

Küchenmeisters Gedichtsprache hat eine individuelle Melodie, die nicht nur ihre schonungslos eindeutigen Bilder mit der entsprechenden Atmosphäre verbindet, sondern auch Leserin und Leser in ihren Bann zieht. Es geht einem so, wie sie im Gedicht "der tod im traum" schreibt: "Du siehst die dunkelheit in voller blüte stehen."

Buchcover: Nadja Küchenmeister: Unter dem Wacholder

Buch

Nadja Küchenmeister

Unter dem Wacholder

Verlag:
Schöffling Verlag
Länge:
112 Seiten
Preis:
18,95 Euro

krähen am abend

krähen am abend der apfelgeruch hing süß und schwer
über dem tisch oder war ich nur müde und wollte verreisen
und rückte nicht alles näher heran? Der kleine schirm

an der gaderobe, die hausschuhe auf der fensterbank
und wie das holz im ofen mählich krachte. die krähen aber
hielten nicht ruhe und riefen einander durchs dunkel an.

heillose träume, die langsam verblassten: der apfelgeruch
erstickte die nacht, und meine hände bedankten sich
leise bei allem, was einmal tröstung versprach.

Nadja Küchenmeister ist erwachsen geworden. Ihre Gedichte sind immer noch wunderschön. Momentaufnahmen einer anderen, längst vergangenen oder vielleicht gerade jetzt parallel verlaufenden Zeit. Sprachlich prägnant, ungeheuer präzise, überraschend. Doch etwas hat sich verändert: waren die Gegenstände ihrer Betrachtungen scheinbar nichtige Dinge des Alltags, denen Küchenmeister eine neue Wichtigkeit verleiht, so sind die Motive jetzt fast durchgehend: Tod, Erschöpfung, Traum. Aber auch Bedrohung, Beruhigung, Spuren von unwiederbringbar Vergangenem.

Die Beschreibungen wehmütiger, endgültiger, resignierter, nicht mehr wütend, wie in "Alle Lichter". "Unter dem Wacholder" - ihr neuer Gedichtband - ist ernster, trauriger. Erwachsener. Hoffnungsloser?

der tod im traum

frühling, sommer, herbst und schnee: du kannst nicht träumen, was
du träumen willst. die sonne schält sich aus der iris,  nach und nach
siehst du die dunkelheit in voller blüte stehen. die blüte dunkelheit,
der tod im traum. und du bist nochmal wach, leichtfuß april

Wir haben uns wieder am Märchenbrunnen getroffen, Nadja Küchenmeister und ich, mitten in Friedrichshain in Berlin, direkt an einer Ausfallstraße mit Durchgangsverkehr und Schwertransport. Ein Ort, an dem das Leben pulsiert und all die Gegensätze aufeinandertreffen, die Berlin so lebendig machen. Ein Lieblingsort der Dichterin. Ein Ort, der ihr zurvor "den Mund mit Rindenmulch und Kastanien füllte", doch jetzt mit Wehmut.

nichts

das feld ist nur mehr eis und schnee, ganz verlassen
liegt der gasthof da. Die reisen von den schienen
genommen, abgeräumt ist die chaussee…
eichenblätter sind zur hand verkrallt:halb zerfallen
doch das zeitigt nichts. der schatten wächst sich aus
zum abend und nimmt sich, wo er kann, vom licht.

Nadja Küchenmeister sinniert: was ist mit ihrem lyrischen Ich geschehen? Die Wehmut, die bereits in "Alle Lichter" anklang, hat sich weiterentwicklt und hat die Wut verdrängt. Vielleicht auch den "Blick auf den Sperling", ein Gedicht aus ihrem ersten Gedichtband "Alle Lichter"? Den Blick auf das Belanglose: den Staub und das Linoleum, die im entschleunigten Paralleluniversum der Dichterin die Bedeutung gewannen, die Nadja Küchenmeister ihnen zugestand. Spröde, wütend, zärtlich. Jetzt lauten die Titel "Der Tod im Traum", "Die Blumen des Bösen", "Reise zum Mond" und "Offene See". Dunkel, eisig und gefährlich. Traurig, aber unabdingbar.

Nicht umsonst stammt das erste Zitat, das das Buch thematisch und atmosphärisch einleitet, aus dem Requiem von Rilke.

sieh wir gleiten so,
nicht wissend wann, zurück aus unserm Fortschritt
in irgendwas, was wir nicht meinen; drin
wir uns verfangen wie in einem Traum
und drin wir sterben, ohne zu erwachen

Das wichtigste Gedicht ihres Bandes ist für Nadja Kücheneister "der tod im traum"

der tod im traum

und du stürzt  auch: von schlaf zu nichtschlaf, von raum
zu raum. Etwas zerrt an deinen gliedern, etwas treibt dein
herz ins laub. kühl sind die fliesen, kühl ist die nacht…
und von erbrochenem auf deinem schlafanzug nicht mehr

zu reden, außer: ich habe hin und wieder einen gast, der von
der zimmerdecke grüßt und dann herabsteigt bis in meine
träume. wadenwickel, kalte lappen, die väterliche hand
auf deinem haar. meine gedanken sind nicht sehr gesund

"der tod im traum", ein vierteiliges Sonett über die Jahreszeiten des Lebens, ein Schnelldurchlauf durch Küchenmeisters Leben. In vier Jahreszeiten geteilt, wirbeln Motive ihrer Kindheit, Erinnerungsfetzen, beunruhigende Ahnungen. Hier hat Nadja Küchenmeister die Sprache gefunden, die sie sich in einem Gedicht eigentlich wünscht, in dem sie meint geschrieben zu haben, was bisher nicht geschrieben wurde. Ein schweres Gedicht, das auch schwer wiegt. Vor der existentiellen Hintergrundsstrahlung.

und später kannst du dich an nichts erinnern. es ist ein
abschiednehmen von den dingen, das im gewebe
heimlich vor sich geht. Nochmal die winterluft. Nochmal
das kissen. Du siehst die dunkelheit in voller blüte stehen.

Nadja Küchenmeister sagt, dass die Melancholie sich als Bestandteil ihres Lebens verfestigt hat. Sie hat sich nicht gewehrt. Sie hat sie angenommen.
Sie empfindet ihren zweiten Gedichtband als homogener. Die Gedichte sind länger und ausgreifender.
Nur in "offene See" spürt man sie noch, die Wut und Sprödigkeit der "jungen" Küchenmeister.

offene see

der morgen war übel, richtig übel, und alles übel färbte den himmel und brach das licht, das in den fenstern langsam lebhaft wurde,
aber so etwas spürt man auch hinter dem brustbein: ein haufen unrat

schlummert da, was kann man tun, schön war das nicht, ich saß mit einer tasse tee in einer ziemlich hässlichen wohnung. ich will
nicht unfair sein, aber es war im wedding und die prächtigen bäume
im humboldthain ließen wind durch ihre kronen gleiten, ganz sanft

Dreiundvierzig weitere Gedichte hat Nadja Küchenmeister innerhalb von vier Jahren geschrieben. Dass es "Unter dem Wacholder" nicht leicht haben würde nach ihrem vielbeachteten ersten Gedichtband "Alle Lichter", für den sie 2010 mit allen erdenklichen Preisen ausgezeichnet wurde, war klar. Das Entscheidende für die Dichterin ist, das Buch "fertiggebracht" zu haben. Nadja Küchenmeister beschreibt den kreativen Vorgang des Dichtens als eine existentielle Form, an einer Klippe zu schreiben, gepeinigt von der ständigen Angst, nicht fertigzuwerden, bevor man stirbt. Das Schreiben als Ausdruck der Spannung zwischen dem Ewiggültigen und der Gegenwärtigen Zeit nicht auszuhalten.

Dem Gedicht "das amerikanische licht" hat sie einen Song der Beach Boys vorangestellt: "tell the teacher we are surfing" - "Sag dem Lehrer, wir machen jetzt unser eigenes Ding". Ein Gedicht, das viel mit ihrer Kindheit in der DDR zu tun hat. Doch auf dieses Gedicht, das Hoffnung verspricht, folgt sofort "müde wie ich". Angst, dass man schon geschrieben hat, was man schreiben wollte, und dass es nicht weitergeht. Dass es insgesamt nicht weitergeht, nicht mit dem Schreiben und nicht mit dem Leben. Die Angst keine Sprache zu haben.

müde wie ich

die tür stand offen: füße badeten im licht, das bei den
knien langsam auslief, die oberschenkel kaum mehr
streifte und müde war, müde wie ich. Der himmel klar

die luft so frisch: satt vom sommer, noch nicht herbst
was wundernahm, besah man die finger, die rau und
ineinander verflochten müde waren, müde wie ich.

jeder schritt ein schritt zurück: tiere brachen aus
dem lauf, während auch diese stunde verstrich, nun, da
man blumen niederlegte, die müde waren, müde wie ich.

In ihrem ersten Gedichtband "Alle Lichter" spiegelt sich die wütende Nadja Küchenmeister. Die Unverfrorene, die sich das Recht herausnimmt, neue Bedeutungsinhalte zu schaffen. Ihr eigenes Wertesystem. In "Unter dem Wacholder" ist die melancholische, todessehnsüchtige Nadja Küchenmeister jedoch ebenso unbedingt, hart und präzise. Schonungslos und eindeutig. Ihre Fähigkeit, den Prozess des Erinnerns in seiner ganzen Rätselhaftigkeit und Magie darzustellen, ist ungebrochen.

So klar und unausweichlich hat schon lange niemand mehr die Wahrheit gesagt.

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