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SWR2 Buch der Woche William Faulkner: Schall und Wahn

Übersetzung von Frank Heibert

"Schall und Wahn" erschien 1929 – eine Familiengeschichte ganz eigener Art. Zu den neuen literarischen Mitteln, die Faulkner verwendet, gehört beispielsweise mündliche Sprache zu verschriftlichen und "das Black American English der schwarzen Underdogs zur Literatursprache" zu erheben, wie Frank Heibert schreibt.

Er hat William Faulkners Roman nun in beeindruckender Weise neu übersetzt. "Schall und Wahn" ist keine leichte Lektüre und Faulkner riet zu Recht "Read it four times", als er darauf angesprochen wurde, dass so mancher Leser auch nach dem dritten Mal Verständnisprobleme habe. Ein guter Ratschlag, denn wer wünscht sich nicht den bestmöglichen Erkenntnisgewinn von einem Buch!

Buchcover - William Faulkner: Schall und Wahn

Buch

William Faulkner

Schall und Wahn | Übersetzung von Frank Heibert

Verlag:
Rowohlt
Länge:
381 Seiten
Preis:
24,95 Euro

Die Kultur und der Mythos der amerikanischen Südstaaten gingen, so lässt sich sagen, mindestens zweimal unter: Einmal 1865 mit der Niederlage im Bürgerkrieg und der Abschaffung der Sklaverei, welche die Basis für Reichtum und Lebensstil der Plantagenaristokratie darstellte. Und ein zweites Mal in der Literatur. Bevor sich nämlich William Faulkner 1928 in seiner Heimatstadt Oxford im Bundesstaat Mississippi daran machte, seinen vierten Roman zu schreiben, hatte er zahllose Geschichten über den alten Süden aufgesogen, in dem auch seine Vorfahren eine bedeutende Rolle spielten.

Nicht minder intensiv war sein Gespür für den Verfall einst wohlhabender Familien, der beschleunigt wurde von den rasanten Veränderungen der modernen Zeiten. Sein Kopf dürfte voll gewesen sein von wild vermischten Eindrücken, Erinnerungen, Empfindungen, von rauen Alltagsbildern, Seelenkonflikten und verstörenden Reminiszenzen an all die Kämpfe im Strudel der Zeit.

Merkwürdig genug war es jedenfalls, dass Faulkner an den Anfang seines Romans "The Sound and the Fury" zunächst die Perspektive eines Idioten stellte, eines jungen Mannes, der kaum etwas von dem begreift, was um ihn herum geschieht. Und so geht es weiter. Der zweite Protagonist, der die Erzählbühne betritt, ist zwar ein intelligenter Bursche mit einem Studienplatz in Harvard, doch er wird von den unauflösbaren Widersprüchen seines Seelenlebens in Verzweiflung und Tod getrieben. Und der Dritte, dessen Inneres hier erzählerisch nach außen gekehrt wird, ist ein bösartiger Krämergeist, dessen menschliche Beziehungen fast ausschließlich von Dollar und Cent bestimmt werden.

Höchst seltsame Figuren also, diese Mitglieder der Familie Compson aus der fiktiven Kleinstadt Jefferson, mit äußerst sperrigen Geschichten - dessen war sich der 31-jährige Autor völlig bewusst. Auf die Verlage setzte er keinerlei Hoffnungen, doch daran, dass ihm etwas ganz Besonderes gelungen war, zweifelte er nicht im Geringsten. "Es ist ein Buch", so erklärte er in einem Brief, "wie ich es noch nie gelesen habe."

Dennoch erschien Faulkners Schlüsselwerk nach seiner Fertigstellung unverzüglich: im Oktober 1929 kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise - kein unpassendes Zusammentreffen für einen Roman, in dem der Niedergang eine so zentrale Rolle spielt. Trotzdem ist "Schall und Wahn" nicht der "Buddenbrooks" der Südstaaten, obwohl Faulkner Thomas Mann und besonders dessen Roman über den "Verfall einer Familie" außerordentlich schätzte.

Bei Faulkner hat sich die Entwicklung historisch und romantechnisch ein paar entscheidende Windungen weitergedreht. Seine Nachkommen einer Südstaatendynastie bewegen sich von vornherein auf einem recht ärmlichen Niveau. Und sie werden direkt versprengt in die Welt der Moderne, wo sie entweder untergehen oder sich anpassen.

Der Autor William Faulkner

Der Autor und Nobelpreisträger William Faulkner

Die größte Errungenschaft des Romans aber bestand in den formalen Neuerungen, die Faulkner aus der Verfallsgeschichte der Familie Compson gewonnen hat. Vermittels von innerem Monolog und Bewusstseinsstrom zeichnete er die Perspektive seiner Figuren, wie schon James Joyce, aus der Innensicht. So konnte er nicht nur deren Gedanken mitteilen, sondern unmittelbar ihre Erlebnisweise erzählerisch wiedergeben. Dadurch wurde "Schall und Wahn" zu einem der Marksteine der Moderne, einer der Pionierleistungen auf dem Gebiet literarischer Techniken, die großen Einfluss ausübte, bis hin zur Cut-up-Technik des Beat-Poeten William Burroughs.

Die Neuübersetzung des Romans von Frank Heibert bietet genau das, was eine solche frische Version leisten sollte. Heibert stellt nicht den Anspruch "Schall und Wahn" im Deutschen neu zu erfinden. Dafür war - auch in seinen Augen - die mehrmals revidierte Fassung von Helmut M. Braem und Elisabeth Kaiser bereits zu gut. Dennoch war das ein Text aus anderen Zeiten und diese Distanz muss man nun nicht mehr mitlesen. Heibert hat den Roman vom heutigen Erkenntnisstand aus neu durchdrungen und damit seine eigenen schlüssig und klangvoll anmutenden Lösungen gefunden.

Ganz abgesehen davon, dass eine Neuübersetzung auch immer als Anlass gut ist, ein Werk aus dem Mausoleum seines Ruhms wieder einmal hervorzuholen. Was sich dabei in aller Deutlichkeit neu oder wieder entdecken lässt, ist Faulkners beklemmende Schärfe in der Beurteilung des menschlichen Geschicks im Zwanzigsten Jahrhundert. Geistesschwäche, zerstörerische Seelennot und beinharte geldgierige Herzlosigkeit, das sind existentielle Abwege, die an bedrohlicher Aktualität nichts eingebüßt haben. Darin liegt die ebenso hellsichtige wie finstere Brisanz von "Schall und Wahn", jenes Romans, von dem Faulkner sagte, dass er ihn von seinen Büchern am meisten liebe.

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