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SWR2 Buch der Woche am 28.1.2013 Dietmar Kamper: Traumbuch

Träumen als Einbildungskraft

Dietmar Kamper war ein Philosoph des Körpers und des Fühlens. Ausgerechnet er erkrankte und starb an Krebs. In der Zeit vor seinem Tod notierte er seine Gedanken und Träume - eine Auseinandersetzung mit dem Leben und Sterben. Die Publikation der Traumbeschreibungen, Gedichte und Aphorismen zwölf Jahre nach seinem Tod erweist sich als Glücksfall für den Leser, denn er kann nun Kontakt aufnehmen mit einer Art des Schreibens und Seins, die heute fast ausgestorben scheint.

Dietmar Kamper: Traumbuch

Buch

Dietmar Kamper

Traumbuch. Träumen als Einbildungskraft

Verlag:
Wilhelm Fink Verlag
Preis:
14.90 Euro

Besprechung von Roman Herzog


Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Dietmar Kamper, der Philosoph des Körpers und des Fühlens, mit 63 Jahren vom Krebs heimgesucht wurde und 2001 verstarb, sich aber zuvor der medizinischen Rationalität in Extremform unterziehen musste, der Chemotherapie. Nichts war seinem Denken entgegengesetzter, als eine derartige Behandlung. Aber Kamper lieferte sich der Medizin nicht aus, er blieb hellsichtig und scharfsinnig bis zum Schluss. Während der 16 Monate seiner Krankheit schrieb der Philosoph an einem Buch und notierte, wie bereits in den Jahren zuvor, aufmerksam seine Träume. Dabei lotete er das Körperliche an sich selbst aus, das er immer zu beschreiben suchte, immer unzulänglich, weil Worte nie hinreichen, um das zu beschreiben, was sich den Worten gerade entzieht. Nach langem Überlegen haben seine engsten Mitarbeiter und Freunde nun die während dieser Zeit entstandenen Texte veröffentlicht, nachdem ein erster Anlauf 2005 aufgegeben worden war. Und die Publikation der Traumbeschreibungen, Gedichte und Aphorismen erweist sich als Glücksfall für das heutige Publikum, denn es kann nun Kontakt aufnehmen mit einer Art des Schreibens und Seins, die heute fast ausgestorben scheint.

Dietmar Kamper ging mit seinem Denken immer ein hohes Risiko ein, denn er suchte nach Zugängen zum Leben jenseits der einfachen, rationalen Antworten. Der Berliner Philosoph betrachtete die Moderne als Prozess fortlaufender Rückschritte, die durch die Dominanz des Visuellen - der Abbildung und des Eingebildeten - einen Stillstand des Denkens produziere, eine Selbsteinmauerung. Der Körper werde dabei nur noch als Abfall betrachtet und eliminiert. Dagegen entwickelte Kamper eine Ästhetik der Anwesenheit, die der Kulturvernichtenden Moderne zu Leibe rückt. Diese Ästhetik vermochte sicher nicht das Verschwinden des Körpers in der Bilderwelt aufzuhalten, wohl aber die Reste des Körperlichen einzusammeln. Aus diesen Resten der verschwundenen Körper versuchte der Denker dann ein Körper-Denken und Physisch-Sein neu zusammenzusetzen. Er suchte also nicht nach einem verlorenen Ursprung, sondern nach einer Wiederaneignung des Körpers, um unser Sein und die Welt neu zu bezeichnen. Aus einer Resignation wurde damit eine Re-Signation, eine Wiederbezeichnung, ein Leben in Ruinen, wie der Philosoph es nannte, ein Denken mit zerbrochenem Kopf.

Quel corps - Welcher Körper? – Das ist die Nachfrage nach einer wesentlichen Differenzierung der Betrachtung. Es geht darum, eine andere Richtung zu all den leichtfertigen Theoretisierungen des Körpers einzuschlagen, wie sie gegenwärtig üblich sind. Während einer Zeit der übertriebenen Sichtbarkeit, der maßlosen Bildproduktion, erscheint auch der Körper nur noch als Bild, als Idol, als Ikone, als Image und Zeichencode. Wenn er in diesem globalen Jederzeit und Überall-Spiel nicht mitmacht, wird er liquidiert. Damit wird zwar nichts begriffen, wohl aber einer gesellschaftlichen Tendenz Ausdruck verliehen, in der die Liquidation des menschlichen Körpers eine abgemachte Sache ist: Bildermachen als Körpertöten. Worauf es aber ankäme, das wäre die Unsichtbarkeit, die Bildlosigkeit und Nicht-Abbildbarkeit des menschlichen Körpers. Was mir in Zeiten des entfernten Körpers immer unwahrscheinlicher und immer notwendiger vorkommt, ist die Berührung. Leben des Körpers heißt nichts anderes als Berührtwerden, als Berühren.


Kampers nun vorliegendes Traumbuch ist eine Art Selbstversuch dieser von ihm bezeichneten Berührung, eine Anwendung seines Denkens auf seinen eigenen Körper. Es ist ein Experiment, in dem der Autor beobachtet und notiert und dadurch sich selbst und die Leser berührt. Dabei liefert er, jenseits jeglichen Voyeurismus, durch Einblicke in sein Innenleben allgemeine Erkenntnisse und Vermutungen.

Sponte sua – aus sich heraus. Ob es das gibt? Man findet die Quelle nicht, es sei denn man sprudelt. Das trägt hinaus. Und wenn es aufhört, ist es, wie wenn nichts gewesen wäre. Schlafphasen. Derer sind es zwei: die erste führt weit weg; die zweite ist wie eine Rückkehr, die das verstreute der ersten Nacht bündelt und zusammenfasst. Aber nie keine Harmonie. Immerzu, seit Wochen schon, die sprachliche Paradoxie und die körperliche Exzentrik. Sie im Verein geben mir Fassung, den Tag über, stundenweise, aber fraglos. Zumeist gibt es ein Sprechenkönnen, ganz vorne, in der Schnauze, frei von der Leber weg. Die alte Melancholie dämmert, wenn das Schreiben mit nachtwandlerischer Sicherheit aufkommt. Dann steht die Reihe: Horizont der Träume – verrückte Wahrnehmung – planendes Bewusstsein. Ja, es sind drei, und in dieser Reihenfolge. Von der anderen Seite her fährt man sich fest, sofort. Man kommt nicht einmal aus dem Plan heraus. Unordnung entsteht, sobald das Bewusstsein Raum schaffen will. Man kann es nur träumend, sponte sua, aus sich heraus.

Dietmar Kamper nutzt das Aufschreiben und Kommentieren seiner Träume, um uns Bericht zu erstatten über uns und die Welt. Die tendenzielle Verschlossenheit seiner Texte kann dabei vom Leser und von der Leserin nur dann durchbrochen werden, wenn sie aufgeben, nach einem logischen Schlüssel zu suchen, die Träume also nicht wie Freud als deutungswillig begreifen und enträtseln wollen. Ein derartiges Ansinnen wird keinen Zugang eröffnen, sondern nur immer weiter wegführen von dem, was uns diese Texte in ihrer ganzen Poesie geben können. Denn Kampers Träumen liegen keine Gedanken zugrunde, seinen Gedanken liegen Träume zugrunde, im Versuch, träumend zu denken und davon Zeugnis abzulegen. Die Leser sind also aufgefordert, sich fallen und treiben zu lassen in diesen Texten voller Assoziationen und Exzentrik, und so teilzunehmen an der Wanderung einer Seele auf dem Weg des Sterbens, ohne jegliche Theatralik, Eitelkeit oder Verklärung.

Dass Kampers Traumbeschreibungen und Gedanken sich dabei gleichzeitig der maschinengemachten Virtualität entgegensetzen, sie quasi leer laufen lassen, das merken Leser und Leserin vielleicht erst hinterher. Denn nichts hatte der Autor derart früh und scharf kritisiert, als dass die aufkommende Virtualität alle Lebensbereiche des Menschen erfassen und jegliche Wirklichkeit in ihnen auslöschen werde. In den elf Jahren seit Kampers Tod ist dieser von ihm bezeichnete Irrweg, diese Erstarrung der Welt rasend vorangeschritten. Deshalb bleibt zu hoffen, dass neugierige Menschen sich diesem Büchlein widmen und versuchen, Tuchfühlung aufzunehmen mit einer Welt vor der virtuellen Transformation. Das ganze Potential dieses Denkens liegt vor uns, um uns mitzureißen und eine Ahnung zu bekommen, vielleicht sogar einen Zugang, zu einem Körper-Denken, das womöglich genau den Leerlauf transzendieren kann, der heute maßgeblich ist.

In der Nacht die stürzende Fülle des Augenblicks: Ich werde, ich wachse, ich bin ohne alle Symptome; kein Druck, weder auf dem Darm, weder auf der Leber, weder auf der Lunge, noch auf dem Herzen, leicht, leicht, aber fallend. Das mit der Atmung ist völlig vergessen. Die verlorenen Zusammenhänge öffnen sich wieder. Das Leben schmeckt. Die Genesung kommt zurück seit langer Zeit. Die Krankheit ist plötzlich weggeflogen. Nach den Epochenworten des Novalis: … dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.