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SWR2 Buch der Woche vom 20.06.2016 Christian Maintz: Liebe in Lokalen

Gedichte

In dem Gedichtband "Liebe in Lokalen" geht Hegel mit Schopenhauer kegeln und treibt den pessimistischen Griesgram durch seine vom Weltgeist klug gelenkte Kugel zur Weißglut, Kant bejubelt Schweinskeule mit Kartoffelbrei, Goethe hat Auftritte als maulfauler Grummelbär, als locker vom Hocker dozierender Kleistmissversteher und als aufgedrehter Lustopa, der feurig von den guten alten italienischen Zeiten seiner befreiten Libido schwärmt. Das Hohe mit dem Flachen verbinden, Philosophen und Dichterfürsten in die Niederungen der Banalität schicken und aus der Fallhöhe Komik gewinnen - darin besteht die unterhaltsame Kunst dieser Lyrik, die in der Tradition der Neuen Frankfurter Schule steht.

Buchcover - Christian Maintz: Liebe in Lokalen

Buch

Christian Maintz

Liebe in Lokalen . Gedichte

Verlag:
Antje Kunstmann Verlag
Länge:
144 Seiten
Preis:
14,95 Euro
Bestellnummer:
978-3-95614-093-8

5:16 min

Mehr Info

Buch der Woche am 20.06.2016

Christian Maintz: Liebe in Lokalen

Ferdinand Quante

Gedichte <br />Antje Kunstmann Verlag <br />144 Seiten <br />14,95 Euro

Der Nonsens-Big-Bang und "Hau"-Nachfahre

Vor 50 Jahren erschien ein Buch, das sich damals nur schlecht verkaufte, erst Jahre später Bekanntheit erlangte und heute als eine Art Gründungsurkunde des neuen deutschen Humors beinahe Kultstatus genießt: "Die Wahrheit über Arnold Hau", ein ziemlich komisches Nonsens-Brevier des Dichter- und Zeichner-Trios Robert Gernhardt, F. W. Bernstein und F. K. Waechter. Seither sind zahllose Gedicht- und Cartoonbände, Romane, Erzählungen im Geiste "Arnold Haus" produziert worden, auch das Satiremagazin "Titanic" ist eine direkte Folge des Nonsens-Big-Bangs von 1966, und derzeit steht in der Bestsellerliste, Abteilung Humor, ein Buch ganz oben, das ebenfalls als "Hau"-Nachfahre betrachtet werden kann, nämlich der Gedichtband "Liebe in Lokalen" von Christian Maintz.

Verbindungen von Sinn und Unsinn zu purer Komik

Wie schafft man es, in zwei Zeilen zwei Tiere und ihre Eigenheiten so zu kombinieren, dass gleichermaßen Sinn und Unsinn entstehen, um sich zu purer Komik zu verbinden? Man schafft es so:

"Die Hausmaus frisst Tapetenkleister,
Der Weiße Hai den Bademeister."

Komisch ist das, weil hier zwei abstruse Feststellungen per zündendem Endreim einen Sinn behaupten, den es schlicht nicht gibt. Schillernder Nonsens dieser Güte erzeugt irgendwo in den Hirnwindungen ein leichtes Britzeln, das einen direkt animiert, so einen kleinen Reimriegel selbst zu fabrizieren. "Der Löwe ist ein Steppentier, das Brauereipferd pfeift aufs Bier?" Nein, das kann Christian Maintz besser.

"Der Pottwal wächst ins Uferlose,
Der Rollmops passt in jede Dose."

Die schrägen Kurzberichte aus der Welt der Tiere finden sich im zweiten Kapitel des Gedichtbandes, aber schon im ersten, wo es heißt …

"Nietzsche schrieb an Overbeck:
'Franz, mein Essbesteck ist weg!'"

Bezug zu Robert Gernhardt

Spätestens da wird klar, nach wessen Rezepten hier einer seine Reime backt. Von Robert Gernhardt stammt der Reim: "Steiner sprach zu Hermann Hesse: Nenn mir sieben Alpenpässe". Das Goldstück nonsensfroher Spaßlyrik könnte auch in "Liebe in Lokalen" stehen, und zwar ohne auffallend hell zu funkeln, denn Maintz schleift seine Verse nicht weniger versiert als sein Vorbild und Meister Gernhardt. Und auch thematisch ist er ihm eng verbunden.
Da geht Hegel mit Schopenhauer kegeln und treibt den pessimistischen Griesgram durch seine vom Weltgeist klug gelenkte Kugel zur Weißglut, Kant bejubelt Schweinskeule mit Kartoffelbrei, Goethe hat Auftritte als maulfauler Grummelbär, als locker vom Hocker dozierender Kleistmissversteher und als aufgedrehter Lustopa, der feurig von den guten alten italienischen Zeiten seiner befreiten Libido schwärmt.

Gedichte im Kontext der Geisteswissenschaften

Das Hohe mit dem Flachen verbinden, Philosophen und Dichterfürsten in die Niederungen der Banalität schicken und aus der Fallhöhe Komik gewinnen – ein Muster, das auch Gernhardt und die Seinen aus der Neuen Frankfurter Schule für ihre Gedichte gerne nutzten.
Christian Maintz ist Geisteswissenschaftler, er kennt seinen Goethe, seinen Kleist und Kant und setzt damit freilich auf Leser, die ihrerseits halbwegs mit deren Lebensumständen und Schriften vertraut sind. Wenn Kant eine Erdbeercreme mit den Worten preist:

"Schier erhaben, ja vollkommen,
Anfangs war ich ganz benommen,
Dann jedoch durchfuhr es mich: So schmeckt nur das Ding an sich."

Dann bekommt den Witz der Geschichte nur richtig mit, wer von Kants Lehre vom Ding an sich zumindest schon mal entfernt gehört hat. Von elitärem Anspruch würde ich nicht sprechen, aber gut bildungsbürgerlich ist diese Humorlyrik schon, auch in ihrem Ton. Wenn es in einigen der Gedichte um Wut, Liebe, Trunksucht oder Rassismus geht, bleibt Maintz gleichsam auf Beobachtungsposten und in ironischer Distanz zu seinen Themen. Alles Krasse, Ordinäre, Ausfällige ist ihm, der doch nur die Tücken des Daseins in lustigen Verzerrungen zur Sprache bringen will, gleichsam von Natur aus fremd.

Zwei hochwirksame Mittel

Der Autor Christian Maintz

Der Autor Christian Maintz

Um den Leser zu packen, setzt Maintz gerne auf zwei hochwirksame Mittel: Endreim und Überraschung. In dem Gedicht "Die Rebhuhnjagd" wird ein Jäger, der die Flinte schon angelegt hat, vom tödlich bedrohten Rebhuhn belabert, die Waffe sinken zu lassen. Die reichlich bescheuerte Szene bekommt einen überraschenden Dreh, als das Rebhuhn einen Revolver zieht und den Waidmann erlegt. Überraschung Nummer zwei: Der Tote erinnert sich der Mahnung seines Oheims, die mit den Worten endet: "Rühr nie ein Gewehr an/Sonst wirst du nicht alt/Studier Informatik/Und meide den Wald." Das schon im Mittelteil überraschungsfreudige Gedicht mit einer altväterlichen Lebensweisheit und der verrückten Kombination von Jagdgefahr und Informatikstudium zu beschließen, ist so gewitzt wie effektiv. Man muss einfach lachen. Über diese Verse wie über fast alle anderen auch.

Ein Gedichtband voller Überraschungen

"Liebe in Lokalen" reizt dazu, das ganze Buch in einem Zug zu lesen. Noch 'n Gedicht, und noch eins, einfach weil's so schön ist. Und immer wieder überraschend.
Die Überraschung kann übrigens auch einmal ganz sanft und geradezu vernünftig daherkommen. Wie in dem Gedicht "Im Mai".

"Die Amsel singt, die Veilchen blühen,
Die Bienen schwärmen mit Gesumm,
Am Himmel rosa Wolken ziehen,
Der Maulwurf pflügt den Rasen um.

Die Schwalben nisten allenthalben,
Im Acker keimt die junge Saat,
Die Birke grünt, die Kühe kalben,
Die Schnecke wildert im Spinat.

Die Unken paaren sich im Weiher,
Der Rettich reift, ein Lüftchen weht;
Im Sexshop ordert Willi Meier
Ein großes, buntes Maipaket."

Womit Mensch und Tier im Einklang wären mit sich und dem Universum. Zur Freude des Lesers.

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