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SWR2 Buch der Woche am 31.3.2014 Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

Drei junge Frauen in der israelischen Armee: ein Alltag voller Langeweile, Depressionen und kleiner Gemeinheiten. Darüber hat die israelische Autorin Shani Boianjiu, die ihren Wehrdienst schon hinter sich hat, einen Roman geschrieben. Er heißt: "Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst". Ein intensives Buch darüber, wie der Dauerkonflikt mit den arabischen Nachbarn junge Israelis zerrüttet.

Buchcover - Buchcover - Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

Buch

Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

Shani Boianjiu

Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Länge:
336 Seiten
Preis:
19,99 Euro

Es gibt vielleicht ein Motiv, das alle Geschichten verbindet, die die israelische Autorin Shani Boianjiu in ihrem Roman "Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst" erzählt: Es ist die Langeweile. – Drei junge Frauen, die ihren Militärdienst in der israelischen Armee absolvieren müssen, sind die Hauptfiguren in dem Roman, und jede von ihnen entwickelt ihre eigene Strategie, während des als abstumpfend empfundenen Dienstes die Zeit totzuschlagen.

Da ist Yael, die als Waffenausbilderin mit einem jungen Rekruten schläft, dem sie das Schießen beibringen soll, und sich mit ihren Kameradinnen Infusionen mit eiskaltem Wasser setzt, um sich abzukühlen und in ihre Träume zu entfliehen. Da ist Lea, die als Angehörige der Militärpolizei an einem Checkpoint nach Hebron palästinensische Bauarbeiter kontrollieren muss und sich bis ins Detail die Lebensgeschichte eines Mannes ausmalt, den sie täglich sieht, ohne mit ihm zu sprechen. Und da ist Avishag, die, während sie an einem Bildschirm die Grenze zu Ägypten überwacht, sich in die Situation einer sudanesischen Flüchtlingsfrau versetzt, die beim Versuch, den Grenzzaun zu überwinden, angeschossen wird.

Die Langeweile gebiert Gespenster und offenbart die Sinnlosigkeit des militärischen Alltages, mit der die jungen Rekrutinnen in einem Land zu kämpfen haben, das sich im permanenten Kriegszustand befindet. Entsprechend sarkastisch, zornig und desillusioniert ist der Ton, den Boianjuis Erzählerinnen anschlagen, wenn sie im Wechsel ihre jeweilige Geschichte aus der Militärzeit erzählen.

Hagar sagte immer, es gäbe drei Dinge im Leben, die sie glücklich machten: Tankstellengeruch, Marlboro lights und Sex, und sie würde nur bedauern, dass sie nie alle drei auf einmal genießen könne, weil Benzin so leicht Feuer fing.
Sie war jetzt fertig mit meinen Haaren, die sie schnell und straff geflochten hatte. Dann zog sie an Danas Pferdeschwanz, und als sich Dana umdrehte, fragte Hagar so laut, dass Ari und Gil auf den Beifahrersitzen hören konnten, "Ey Dana, wie gut sind eigentlich deine Blowjobs?" Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

Die Stärke von Boianjius Roman ist ein ungeschminkter Realismus, mit dem sie den ermüdenden, quälenden, grausamen Alltag in der israelischen Armee schildert. Detailliert erzählt sie nicht nur von der Schießausbildung, den verschiedenen Waffentypen, dem Gasmaskentraining oder den Schikanen von Vorgesetzen, auch das Innenleben der drei Protagonistinnen leuchtet sie bis in die Verästelungen von Tagträumen, erotischen Sehnsüchten, Ängsten und Depressionen aus. Die Erfahrung von Gewalt und Tod und Vergeblichkeit bestimmt das Leben der drei jungen befreundeten Soldatinnen in einem Moment, da sie ihr Heimatdorf an der Grenze zum Libanon verlassen haben und sich an der Schwelle von der Kindheit zum Erwachsenwerden befinden. Sie alle suchen sich selbst, aber sie finden sich gefangen in einer absurden Welt, die ihre Bestrebungen dementiert. Über allem, was sie unternehmen, liegt eine existentialistische Stimmung von Vergeblichkeit und Leere.

Avishag reagiert auf diese Erfahrung mit der Flucht in die Depression, und nachdem sie vorzeitig aus der Armee entlassen wird, versucht ihr Vater verzweifelt, sie daraus zu befreien, indem er mit ihr im Auto durchs Land fährt. Der Aufkleber auf einem vor ihnen fahrenden Wagen - "Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst", gleichzeitig der Titel des Romans – erweist sich dabei als hohle Ideologie des israelischen Staates. Boianjiu schildert drastisch die menschlichen, seelischen Kosten des Lebens in einem Land, in dem der Krieg, die Angst vor Selbstmordattentätern und Hisbollah-Raketen und die Gewalt gegen die Palästinenser alltäglich ist.

Das Erlebte beeinflusst noch die Liebesziehung der jungen Lea zu dem Sandwichladenbesitzer Ron, nachdem sie aus der Armee entlassen wurde und versucht in Tel Aviv ein neues Leben anzufangen.

"Du sollst dich von mir fernhalten", sagte sie und lächelte. "Ich hab dir ja gesagt, dass ich kein guter Mensch bin. Ich hab abartige Sachen getan."
Selbst verkatert und übermüdet war er noch ein pfiffiges Kerlchen und konnte sich denken, was sie meinte.
"Du meinst mit den Leuten am Checkpoint?", fragte er.
Sie nickte.
"Das gilt für alle, die da stationiert waren. Das liegt nicht an dir. Das liegt an dieser Scheißarmee, die versaut jeden", sagte er.
"Du hast keine Ahnung, was ich getan habe", sagte sie.
"Das ist mir auch völlig egal", sagte er. "Es ändert nichts. Selbst wenn du einem Opa in die Eier getreten hast, ist mir das egal." Ron war sauer und angewidert – von der Stadt, von diesem Land, von allem, was Lea so zum Weinen gebracht hatte. Das war falsch. Es war immer falsch gewesen, dieser ganze siebzig Jahre währende Krieg. Noch nie war ihm das so klar gewesen. Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

Shani Boianjius Roman ist eine bitterböse Klage über Israel, das im Automatismus eines kriegerischen Konflikts mit seinen Nachbarn gefangen ist und dabei die seelische Zerrüttung seiner jungen Menschen im Kauf nimmt. Boianjiu hat deren Alltag in der Armee akribisch beschrieben, einige der Kapitel kann man wie gute, in sich abgeschlossene Erzählungen lesen, in der Summe des Romans verdichten sie sich zum Psychogramm einer verlorenen Generation. Angesichts all dieser Qualitäten verzeiht man dem Buch dann auch, dass es etwas zu langatmig geraten ist.

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