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Buch der Woche vom 30.12.2018 Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven

Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger

Eine große Liebe trotz schwerer Depression: Merethe und Mats sind aufs Land gezogen, denn Mats ist manisch-depressiv. Merethe liebt ihn und hält an ihm fest.

In ihrem Roman "Aus den Winterarchiven" erkundet die norwegische Autorin Merethe Lindstrøm die Seelenlandschaften des Paares: alltagsrealistisch und dennoch hauchfein und sehr poetisch.

4:30 min

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Buch der Woche am 30.12.2018

Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven

Angela Gutzeit

In eindrücklichen Bildern und einer faszinierenden Sprache erzählt die norwegische Schriftstellerin Merethe Lindstrøm von den Verheerungen psychischer Erkrankungen und einer großen Liebe.| Übersetzung aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger, Verlag Matthes & Seitz, 294 Seiten, 22 Euro.| Rezension von Angela Gutzeit.

Buchcover: Aus den Winterarchiven

Merethe Lindstrøm

Aus den Winterarchiven. Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger

Verlag:
Verlag Matthes & Seitz
Länge:
294 Seiten
Preis:
22,00 Euro
Bestellnummer:
978-3-95757-650-7

In Norwegen ist Merethe Lindstrøm eine preisgekrönte Autorin

Autorin Merethe Lindstrøm

Autorin Merethe Lindstrøm

Obwohl bereits zwei Romane von der 1963 im norwegischen Bergen geborenen Schriftstellerin Merethe Lindstrøm ins Deutsche übersetzt wurden – bekannt ist diese in Norwegen preisgekrönte Autorin bei uns noch nicht.

Bald 20 Jahre ist es her, seit ihr Roman "Die Insel des Schweigens" bei Goldmann erschien. Eine Geschichte über reale Vorkommnisse in den 1920er Jahren in norwegischen Kinderheimen. Nicht weniger bedrückend und doch ganz anders der jetzt ihr Roman "Aus den Winterarchiven".

Ein Paar versucht einen Neuanfang in der Abgeschiedenheit

Es beginnt damit, dass Merethe mit ihrem Mann Mats, den Kindern und den Hunden von der Stadt aufs Land zieht. Es wird Winter. Das Haus liegt einsam zwischen Feldern und Wald. Die Äcker sind abgemäht. Oft weht ein kalter Wind, und das Tageslicht macht sich in Norwegen für lange Zeit rar.

Vielleicht nicht die beste Jahreszeit für den Versuch eines Neuanfangs. Denn das Ehepaar ist aufs Land gezogen, weil es in der Stadt gescheitert ist. Und so viel sei gesagt, es wird auch hier scheitern. Die beiden werden das Haus wieder verkaufen müssen.

Merethe Lindstrøm erzählt in "Aus den Winterarchiven" von den Abgründen seelischer Erkrankungen und der Möglichkeit von Literatur, für diese Abgründe eine Sprache zu finden. „Wir sind aufs Land gezogen“, heißt es zu Beginn:

„Ich sollte schreiben, die Hunde schreiben, die Landschaft und das, was ich sehe, mich aus der Schwere schreiben, aber ich gerate ständig ins Stocken, ich spüre, es stimmt so nicht, selbst wenn das, was ich schreibe, wahr ist…“  

Merethes Mann ist nicht allein mit seinen psychischen Problemen

Merethes Mann Mats leidet unter einer manisch-depressiven Erkrankung. Er versucht zu malen, einer geregelten Arbeit nachzugehen, aber es gelingt ihm nicht. Seine schlimme Kindheit, Drogen und Tabletten, die Schübe der Depression haben sein Welt- und Zukunftsvertrauen zerstört.

Die Erzählerin, seine Frau Merethe, nähert sich in immer neuen Anläufen und aus verschiedenen Perspektiven den verhängnisvollen Verkettungen einer psychischen Verheerung, die ihr selbst nicht fremd zu sein scheint. „Wie gleich wir sind, du und ich, wie wir es die ganze Zeit über spüren. Eine Beschädigung wie eine Verletzung…“, notiert sie.

In Rückblicken, mal in der dritten, mal in der ersten Person, dann wieder in direkter Ansprache an ihren Mann, kommen die Trennungen ihrer beider Eltern, die Einlieferung seiner Mutter, wie die ihres Vaters in psychiatrische Kliniken zur Sprache.

„Ich möchte einfach keiner von denen werden, die allein sind“

Alkoholismus, Verelendung, Krankheit und Einsamkeit bestimmten ihr Leben. Ein fortgesetzter Horror, der wie ein Krake in die nächsten Generationen übergreift, angedeutet in einer Begebenheit mit Merethes Sohn aus ihrer ersten Ehe. „Er packt mich, heißt es da, „hält mich, er ist stark, aufgrund seiner Panik noch stärker: „Ich möchte einfach keiner von denen werden, die allein sind“, schreit der kleine Sohn sie an.

Merethe Lindstrøms Roman ist ein rabenschwarzes Buch, strukturiert durch drei Zwischenüberschriften: „Nachtnotizen“, „Winteralphabet“, „Die grauen Hunde“.

Gleichzeitig ist es die Geschichte einer großen Liebe, an der die Erzählerin verzweifelt festhält. Dass die wie ihre Autorin Merethe heißt, legt nahe, dass es sich hier um einen Roman handelt, der eng mit Lindstrøms eigener Lebensgeschichte verbunden ist. Aber das ist nicht wirklich wichtig.

Wie steht es um den Wahrheitsgehalt und die Erkenntniskraft von Literatur?

Auch wenn wohl genau aus diesem Grund viele Leser von der Selbstentblößungsprosa eines Karl Ove Knausgård fasziniert sind. Lindstrøm steht da eher einem anderen Landsmann nahe: Tomas Espedal.

Bei aller Unterschiedlichkeit stellen sich in Espedals jüngstem Buch "Bergeners" wie in Lindstrøms "Winterarchiven" Wirklichkeit und Fiktion immer wieder gegenseitig in Frage. Bei beiden wird auch das Schreiben selbst ständig thematisiert, wobei es stets um den Wahrheitsgehalt wie um die Erkenntniskraft von Literatur geht.

Was Letztere angeht, ist dem Lindstrømschen Text ein tiefer Zweifel eingeschrieben.

„Früher habe ich geglaubt, mit der Zeit käme man zu einem größeren Verstehen, einer Einsicht, es könnte mir durch den Text gelingen, dort hinzukommen, aber es gibt kein einfaches Verstehen, … im Gegenteil, es … wird immer größer, unübersichtlicher…“

Dieser dunkle Roman fasziniert

Bei aller Dunkelheit in Lindstrøms Roman, bietet die Lektüre durch Sprache und Komposition doch ein faszinierendes, man möchte fast sagen beglückendes Erlebnis. Fein austariert korrespondieren hier innere Seelenlandschaften mit der äußeren Winterlandschaft.

Dazu diese rhythmische Sprache, in der es wie in einem Prosagedicht schwingt, wenn die Erzählerin zum Beispiel das Jagen der Hunde über die Felder beobachtet, „das Poltern des Windes“ über den Hügeln wahrnimmt oder die Wiese am Waldrand beschreibt, die sich in der Dämmerung, so lesen wir, allmählich „schließt“.

Und zwischen all den Grautönen scheint am Schluss eine zaghafte Helligkeit des Frühlings auf. Vielleicht doch eine Verheißung.

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