Bitte warten...

SWR2 Buch der Woche vom 16.12.2018 Stewart O'Nan: Stadt der Geheimnisse

Aus dem Englischen von Thomas Gunkel

Jerusalem kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Zionisten kämpfen für die Errichtung des Staates Israel. Jossi Brand hat nichts mehr zu verlieren: Seine gesamte Familie wurde in Riga von den Deutschen ermordet. Er wird Mitglied der zionistischen Untergrundorganisation Hagana, reist nach Palästina und heuert in Jerusalem als Taxifahrer an.

Seine Auftraggeber kennt er nicht, aber ihm ist klar, dass er nicht nur Touristen durch die Goldene Stadt fährt, sondern auch Männer, die Bomben im Handgepäck haben. Seine Kontaktperson ist die Prostituierte Eva, in die er sich wider besseres Wissen verliebt.

6:29 min

Mehr Info

Buch der Woche am 16.12.2018

Stewart O' Nan: Stadt der Geheimnisse

Ulrich Rüdenauer

Jerusalem kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Zionisten kämpfen für die Errichtung des Staates Israel. Mittendrin ein Mann, der alles verloren hat und Mitglied bei der Untergrundorganisation Hagana wird. O’Nan erzählt eine dunkel-fesselnde Geschichte mit Elementen des Spionagethrillers à la John Le Carré. | aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 20 Euro.| Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Buchcover: Stadt der Geheimnisse

Stewart O'Nan

Stadt der Geheimnisse

Verlag:
Rowohlt Verlag
Länge:
224 Seiten
Preis:
20,00 Euro
Bestellnummer:
9783498050443

Ein Autor, der Genregrenzen hinter sich lässt

Stewart O'Nan, 1961 in Pittsburgh geboren, hat sich in den vergangenen Jahren in die vorderste Riege der amerikanischen Gegenwartsliteratur geschrieben.

Autor Stewart O' Nan

Autor Stewart O' Nan

Sein umfangreiches Werk ist dabei so vielseitig wie düster: „Speed Queen“, „Der Zirkusbrand“, „Ganz alltägliche Leute“, „Halloween“, „Letzte Nacht“ oder „Die Chance“ heißen einige seiner bislang 20 Bücher; seine Themen, Formen und Stoffe holt er aus der Trivialliteratur ebenso wie aus der Geschichte oder dem amerikanischen Alltag.

Mit seinem Förderer Stephen King hat er eine Vorliebe für die Überwindung von Genregrenzen gemein. Zusammen mit King schrieb er 2004 das Buch „Faithful“. Sein neuer Roman ist, diese Werkgeschichte voraussetzend, nicht ungewöhnlich – mit „Stadt der Geheimnisse“ wendet er sich wieder etwas ganz Neuem zu.

Aufbruch und Flucht sind die zentralen Motive

In einem prägnanten, realistischen Stil, der hier an John Le Carré erinnert, führt er uns zurück in die Jahre kurz vor Gründung des Staates Israel. O'Nan spielt mit Motiven des Spionagethrillers und erzählt anhand eines Überlebenden der Shoa die Geschichte eines Aufbruchs, der zugleich eine Flucht ist.

Wer mit dem Tod auf engstem Raum zusammengelebt hat, geht fortan selbst wie ein Geist durch die Welt. Brand, die Hauptfigur in Stewart O'Nans neuem Roman, ist so ein Gezeichneter, der in einem Zwischenreich zu Hause zu sein scheint.

Als Lette und Jude wurde er zuerst von den Russen, dann von den Deutschen, dann wieder von den Russen interniert. Durch Zufall blieb er am Leben.

Brand kann kurz nach Ende des Kriegs nach Palästina entkommen; aber sein Bewusstsein hinkt weit hinterher. Mit seinen Gedanken ist er in den Lagern, bei jenen, die umgekommen sind, bei Katja, seiner großen Liebe, die ebenfalls ermordet worden ist. Sein neuer Alltag besteht für ihn darin, eine „Schuld“ abzutragen – die Schuld, überlebt zu haben.

Ein Kurier im Auftrag zionistischer Terroristen

Er engagiert sich im zionistischen Kampf für Israel, wird immer wieder als Fahrer bei gefährlichen, terroristischen Operationen eingesetzt und belauscht die Gespräche seiner Fahrgäste:

Wie so viele Flüchtlinge fuhr er ein Taxi, das, wie auch seine Papiere, vom Untergrund bereitgestellt wurde. Sein neuer Name war Jossi. Er hatte die Aufgabe zuzuhören – auch das ein Glück, denn als ehemaliger Kriegsgefangener hatte er damit jahrelange Erfahrung.

Die Situation kurz nach dem Krieg: Zionistische Untergrundorganisationen, vor allem die Irgun, verüben Anschläge gegen die Briten, denen vom Völkerbund das Mandat zur Verwaltung Palästinas übertragen worden war. Die Aufnahme von Flüchtlingen wird von der britischen Regierung äußerst restriktiv gehandhabt, was den jüdischen Widerstand gegen die Verwaltungsmacht weiter anheizt.

Die Hagana, ursprünglich die jüdische Brigade der britischen Armee, organisiert die illegale Einwanderung von Shoa-Überlebenden. Die Lage spitzt sich immer weiter zu; zionistische Terroranschläge sollen die Lösung des Konflikts beschleunigen.

Vor allem Irgun unter Führung des späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin tut sich dabei hervor. Höhepunkt ist das Attentat auf das britische Hauptquartier im King David Hotel in Jerusalem, bei dem mehr als hundert Menschen ums Leben kommen. Das ist das historische Setting von Stewart O’Nans neuem Roman, der mit eben diesem Anschlag auf das King David Hotel endet.

Gebrochene und gefälschte Identitäten

Vordergründig lesen wir die aufregende Geschichte eines im Untergrund geführten Kampfes; es herrscht ein Klima des Verdachts und des allgegenwärtigen Verrats; konspirative Treffen werden in entlegenen Winkeln der Stadt abgehalten. Die Protagonisten tragen allesamt Masken – falsche Namen, gefälschte Identitäten. Man weiß nie, wem zu trauen ist und welche Aktionen als nächstes ausgeführt werden.

Jerusalem ist der geheimnisvolle Ort, an dem sich diese Schlacht um Unabhängigkeit abspielt. Das alles erinnert an Szenen wie aus einem Film Noir:

Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers. Die prachtvollen griechischen und russischen Prozessionen, die Türken und die Charedim, alle schienen kostümiert zu sein und eine wundersame Vergangenheit nachzustellen. Sogar die Steine waren gebraucht, man hatte sie gereinigt und willkürlich eingefügt, ihre römischen Inschriften auf den Kopf gestellt. Es war Regenzeit, und die Mauern waren grau statt golden, in den Souks wimmelte es von Ratten.

Stewart O'Nan ist meisterlich darin, mit kleinen Andeutungen und Requisiten eine Atmosphäre zu schaffen, die den Leser sofort in den Bann zieht: Jedes Detail ist an seinem Platz und hat Bedeutung; wie ein Szenenbildner achtet er auf winzige Motive, und wie ein Beleuchter auf das richtige Verhältnis von Schatten und Licht.

Jerusalem ist ein komplexes Puzzle aus Personen und Orten

Der Titel des Romans, „Stadt der Geheimnisse“, ist mehr als angebracht: Jerusalem erscheint wie ein verwunschener Ort, der aus verschiedenen Schichten besteht – jener Tagesseite, die den Touristen präsentiert wird; und der Nachtseite, auf der sich die verschiedenen Untergrundbewegungen tummeln.

Alles ist in ein mattes, verschwommenes Licht getaucht, und O'Nan gelingt es eindrucksvoll, die Stimmung einer Zeit des Umbruchs festzuhalten. Auch wenn Anschläge auf Brücken oder Eisenbahnwaggons genau geschildert werden – das Drama, das er inszeniert, spielt sich vornehmlich im Inneren seiner Hauptfigur ab.

Jossi Brand ist verstrickt in ein Netz aus geheimen und geheimnisvollen Vorgängen. Er selbst aber ist eher ein Spielball. Brand umgibt die Aura eines Verlorenen, der für eine Zukunft kämpft, die nicht mehr viel mit ihm zu tun hat. Er möchte etwas gut machen. Und weiß nicht, wohin ihn das führen wird.

Die Lager hatten einen egoistischen, argwöhnischen Menschen aus ihm gemacht. Dass jetzt jemand Gutes über ihn dachte, war ihm unangenehm, weil er die Wahrheit kannte. Er war nach Jerusalem gekommen, um sich zu ändern, sich zu bessern.

Ein anderer zu werden, würde bedeuten, zu vergessen. Jossi ist das nicht gegeben, er bleibt Brand, auch wenn er nun idealistisch handelt. Geborgenheit sucht er bei seiner Mitkämpferin Eva, die sich als Prostituierte verdingt und für Irgun den Feind ausspäht.

Erinnerungen verblassen, Neues entsteht

Er sehnt sich danach, wieder lieben zu können. Und weiß doch, dass die Witwe Eva ebenso wie er selbst einer getöteten Liebe nachtrauert, selbst wenn die Erinnerungen mit der Zeit blasser werden.

Er blieb über Nacht, lauschte [Evas] Schlaf, und als er den Arm um sie legte, wurde er von ihrer gemeinsamen Wärme schweißnass. Er hatte sich daran gewöhnt, dass Katja ihn hier, im Bett ihrer Rivalin, besuchte, und freute sich darauf wie auf einen schönen Traum. Und wenn sie nicht kam, musste er sie aus der Erinnerung heraufbeschwören, ein Trick, der ihm immer schwerer fiel, weil er so stark von seinen Bildern aus dem Krähenwald belastet war, den nackten Toten, die wie Schweinekadaver aufeinandergeschichtet waren. Er betrachtete es als persönliches Versagen, dass er ihre Stimme kaum noch hören konnte, als würde er sie absichtlich vergessen.

Stewart O'Nan erzählt von einem Abenteuer, aus dem schließlich im Jahr 1948 der Staat Israel entsteht. Mehr noch aber ist „Stadt der Geheimnisse“ das Buch eines Mannes, dessen Wunden nicht verheilen werden, weil sie sich an einer Frage immer wieder neu entzünden: Warum bin ich noch am Leben?

O'Nan, einem der vielseitigsten Autoren der Gegenwartsliteratur, ist ein beunruhigender, äußere und innere Spannung gleichermaßen aufbauender, höchst lesenswerter Roman gelungen.

 

Weitere Themen in SWR2