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SWR2 Buch der Woche vom 24.2.2019 Matthias Nawrat: Der traurige Gast

Matthias Nawrat hat mit „Der traurige Gast“ einen Migrationsroman geschrieben, der viel mehr ist als das: nämlich ein literarisches Kunstwerk, das eine Form findet für existentielle Not und das Gefühl der Heimatlosigkeit.

Auf unterschiedlichen Erzählebenen und aus verschiedenen Perspektiven werden die verschlungenen Teilgeschichten des Romans vorgetragen und fügen sich doch zu einem Gesamtbild, das überzeugt und daher auch mit Recht auf der Nominierungsliste zum Preis der Leipziger Buchmesse steht.

6:20 min | So, 24.2.2019 | 17:05 Uhr | SWR2 Lesenswert Magazin | SWR2

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Matthias Nawrat: Der traurige Gast

Gerrit Bartels

Was macht die Migration mit den Menschen? Was bedeutet es, seine Heimat zu verlassen und wo-anders womöglich nie anzukommen? Und wieviel Historie trägt jeder einzelne Mensch mit durch sein Leben, wie durchdringen sich Vergangenheit und Gegenwart? Matthias Nawrat erzählt von all dem in seinem zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman "Der traurige Gast". |Rowohlt Verlag, 304 Seiten, 22 Euro.| Rezension von Gerrit Bartels.

Buchcover: Der traurige Gast

Matthias Nawrath

Der traurige Gast

Verlag:
Rowohlt Verlag
Länge:
304 Seiten
Preis:
22,00 Euro
Bestellnummer:
9783498047047

In Polen geboren, in Deutschland aufgewachsen

Der Schriftsteller Matthias Nawrat wurde 1979 im polnischen Opole geboren, kam im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie nach Bamberg und lebt heute in Berlin. Nach einem Biologiestudium schrieb er sich am Schweizer Literaturinstitut in Biel ein.

Autor Matthias Nawrat

Autor Matthias Nawrat

2012 erschien sein Debütroman "Wir zwei allein", zwei Jahre später der Nachfolger "Unternehmer", der für den Deutschen Buchpreis nominiert und beim Klagenfurter Bachmann-Preislesen mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet wurde.

Der Roman setzt sich zusammen wie ein Mosaik

Mit seinem dritten Roman "Die vielen Tode unseres Opas Jurek" erzählte er sechzig Jahre polnischer Geschichte als Schelmenroman, in Form einer Anekdotensammlung.

Auch sein neuer Roman "Der traurige Gast" erzählt keine durchgängige Geschichte, sondern besteht aus vielen kleinen Teilen, die sich zu einem Tableau der globalen Unruhe zusammenfügen.

Es ist ein bisschen irritierend und kann zu falschen Schlüssen führen, wenn der Rowohlt Verlag Matthias Nawrats Roman auf dem Buchrücken zu allererst mit dem Hinweis auf einen Terror-Akt in Verbindung bringt: „Es ist der Winter des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche.“, steht da, bevor die weitere Inhaltsangabe folgt.

Das suggeriert Aktualität, Zeitgenossenschaft, Gegenwart, das wirkt marktschreierisch. Doch spielt der Anschlag hier nur eine sehr kleine Rolle, er ist nur ein kleiner, zufälliger Ausschnitt im Leben von Nawrats Ich-Erzähler.

Der traurige Gast ist der Erzähler selbst

Der erfährt von den Ereignissen am Berliner Breitscheidplatz im Internet per Live-Ticker und wird am nächsten Tag, da ist der Attentäter noch auf der Flucht, von einem Unsicherheitsgefühl beschlichen:

Ich war nur einer von Hunderten, die in dieser Straße unterwegs waren. Ich war zwar für mich besonders, aber nicht für ihn. Ich hatte, so dachte ich, die Statistik auf meiner Seite.

Das Besondere an Nawrats Erzähler: Er nimmt sich gar nicht so wichtig und ist selbst jener titelgebende traurige Gast. Wie Nawrat im polnischen Opole geboren, ist er Schriftsteller von Beruf, hat schon drei Bücher veröffentlicht - und streift nun durch das Berlin der Gegenwart.

Die Begegnungen des Erzählers öffnen ihm philosophische Dimensionen

Dabei lernt er viele Menschen kennen, die ihm ihre Lebensgeschichten erzählen und der Gegenwart ganz neue Dimensionen geben. Sie erschließen ihm die Tiefe der Zeiten und Räume.

Jede Figur, insbesondere die drei wichtigsten, denen der Schriftsteller begegnet, die Architektin Dorota, der Theatermann und Schauspieler Eli sowie der gelernte Mediziner Dariusz, werden gewissermaßen durchströmt: von den gesellschaftlichen Verhältnissen, von historischen Umwälzungen, von der Zeit an sich.

So wie es Nawrats Ich einmal bemerkt:

Die Zeit, so dachte ich in diesem Augenblick, ist zirkulär, faltet sich, wenn ich will, über sich selbst, so dass mein jetziges Leben in Berührung kommt mit dem schon vergangenen und gleichzeitig die Unendlichkeit in Berührung kommt mit ihrer eigenen Unmöglichkeit, während wir auf diesem Planeten, in dieser Stadt, in diesem Weltjetzt durchs Weltall fliegen.

Ein Triptychon mit zentralem Wimmelbild

Nawrat hat seinen Roman wie ein Triptychon gestaltet. Während die Architektin und der (gescheiterte) Mediziner mit ihren Erzählungen das erste und dritte Kapitel dominieren, gestaltet sich das zweite, mit "Die Stadt" überschriebene nach Art eines Wimmelbilds.

Die Hauptfigur des ersten Teils ist Dorota. Sie lebt in einer Wohnung in Berlin-Schöneberg, geht selten aus dem Haus und schon gar nicht zu ihren Auftraggebern:

Ich besichtige keine Wohnungen, sagte sie. Ein guter Architekt muss eine Wohnung nicht besichtigen.

Auch Dorota stammt aus Opole, wohin es ihre Eltern und Großeltern mütterlicherseits nach dem Krieg aus der Westukraine verschlagen hat. Sie selbst kam nach Berlin der Liebe halber.

Dorota erzählt dann nicht nur von dem in Polen geborenen und in den sechziger Jahren nach Berlin emigrierten und hier gestorbenen Lyriker Arnold Slucki, sondern auch von dem Dichter Ignacy Krasicki, der vor 250 Jahren in Berlin gelebt habe.

Und sinniert, dass dieser dieselben Wege, "an den Mauern derselben Gebäude entlanggegangen" sei, "an denen ich heute ja vermutlich auch einfach entlangginge, meinen eigenen Gedanken nachhängend".

Figuren, verloren in Raum und Zeit

Von "Irritation" spricht sie, von "einem Schwindelgefühl", von dem Gedanken, "dass es in einem selbst eine Art Wand gebe, hinter die man niemals schauen könne, weil dort nur leerer Raum sei."

Man würde gern noch vielmehr solcher schwebenden, flirrenden Sätze von Nawrats Figuren zitieren, Sätze aus diesem zurecht gerade für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman.

Sie bezeugen die Verlorenheit derer, die sie aussprechen, markieren trefflich ihr Gefühl, sich ihr gesamtes Leben in Transiträumen zu befinden, in einem "leeren Zwischenbereich", wie es einmal heißt.

Die Migrationserfahrung ist zentrales Motiv

Sie alle wurden aus ihren ursprünglichen familiären und geografischen Zusammenhängen gerissen, haben Migrationserfahrungen gemacht. Nicht nur Dorota, die Architektin, sondern auch der aus Rumänien stammende Eli, der im zweiten Teil die meiste Sprechzeit bekommt sowie die Hauptfigur des dritten Romanteils, der ebenfalls aus Polen kommende Dariusz.

Dem vorbestimmten Leben mit Frau und Kind versuchte Dariusz durch seine Auswanderung nach Deutschland zu entkommen. Nun arbeitet er in einem Tankstellen-Shop, ist lange geschieden, hasst seine Ex-Frau - und trauert um seinen in Bolivien in einem Bergsee ertrunkenen, erwachsenen Sohn.

Die Figuren wurden aus der Lebensbahn geworfen

Aus ihrer Lebensbahn geworfen und von Fremdheitsgefühlen geplagt sind alle Figuren dieses Romans, auch die Nebenfiguren: die mutmaßlich aus Osteuropa stammenden Menschen, die immer wieder im Hausflur des Erzählers nächtigen.

Der Junge, den er in einem Hinterhof kennenlernt und der ihn fragt, ob hier, wie er es im Stadtteilmuseum gelesen habe, früher wirklich nur Wald gewesen sei und wie schwer er sich das vorstellen könne; oder der dicke Syrer, den er bei seinem gleichfalls nicht aus Deutschland stammenden Friseur beobachtet, in deren beider Heimatländern Krieg ist.

Das bereitet ihm Angst, aber auch ein ganz anderes Unwohlsein:

Ich schämte mich, während ich durch unsere Straße am Salon Bella vorbeiging, die beiden nichts gefragt zu haben.

Die Übergänge der erzählten Zeitebenen sind fließend

Nawrats Roman erzählt keine durchgängige Geschichte, sondern viele kleine, stets neu verschlungene. Er besteht aus vielen Teilen, die sich ineinander fügen zu einem Tableau der globalen Unruhe, zu einem Sinnbild des Entwurzelt-, des Unbehaustseins.

Das ist nicht immer leicht zu lesen, hat mitunter etwas Widerständiges. Zumal Nawrat, ganz dem Stoff seines Romans gemäß, der Durchdringung von Zeit und Raum, der fließenden Übergänge von Vergangenheit und Gegenwart, die Erzählperspektiven häufig ineinander übergehen lässt.

Eine mitunter verwirrende Vielzahl an Erzählern

Von einem Ich wechselt er zum anderen, von einem Er zum nächsten. Das ist in einer Passage so verwirrend, dass man am Ende nicht mehr weiß, ob es Eli war, der in einen fensterlosen Kellerraum einer Fabrikhalle gesperrt worden war oder der alte Freund, von dem Eli eigentlich erzählen wollte.

Doch fragen sich hier sowieso alle: Wer bin ich? Was ist die Wirklichkeit? Was befindet sich dahinter? Die Geschichte? Oder das Nichts? 

Als Dariusz sich auf die Todesspur seines Sohnes setzt und nach Lateinamerika reist, trifft er eine alte Frau, in deren Blick er "die ewige Gleichgültigkeit der Natur gegenüber allem Menschlichen" zu erkennen meint, "die absolute Abwesenheit von Form". 

Abseits der literarischen Moden ist Nawrat ein großer Roman gelungen

Nawrats Roman steckt voller existentieller Not, voller Erkenntnisse, gerade auch niederschmetternder angesichts dieser ewigen Gleichgültigkeit der Natur und der Zeit.

Die universelle Verlorenheit des Menschen, und das macht nicht zuletzt die Größe dieses Romans aus, die hat Nawrat in einer tragfähigen und schönen Form festgehalten, jenseits aller literarischen Moden.

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