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SWR2 Buch der Woche vom 18.11.2018 Lisa Halliday: Asymmetrie

Rezension von Christoph Schröder

Die 1977 geborene Schriftstellerin Lisa Halliday hat mit „Asymmetrie“ einen Debütroman vorgelegt, der weit über seine literarische Qualität hinaus für Aufsehen sorgt. Denn Halliday war eng befreundet mit dem im Mai dieses Jahres verstorbenen Schriftsteller Philip Roth, und der galt nun einmal als die bedeutendste literarische Instanz der USA – und als ewig ungekrönter Literatur-Nobelpreisträger.

Was also ist von Hallidays Buch zu erwarten? Ein Schlüsselroman? Oder gar eine Abrechnung?

7:08 min

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Buch der Woche vom 18.11.2018

Lisa Halliday: Asymmetrie

Christoph Schröder

In ihrem Debütroman erzählt die 1977 geborene Lisa Halliday zunächst von der Beziehung einer jungen Frau zu einem weit älteren Starautor – um mitten im Text das Thema radikal zu wechseln. Ein überraschendes Buch von großer sprachlicher Qualität. | <br />Hanser Verlag, 318 Seiten, 23 Euro | <br />Rezension von Christoph Schröder

Cover des Buches &quot;Asymmetrie&quot; von Lisa Halliday

Lisa Halliday

Asymmetrie. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

Länge:
320 Seiten
Preis:
€ 23,00
Bestellnummer:
ISBN : 978-3-446-26001-6

Star-Autor trifft junge Assistentin

In einem New Yorker Park spricht er sie an und kauft ihr – kein Witz – ein Softeis. Man mag es kaum glauben: Alter Mann spendiert junger Frau ein Eis. Und es funktioniert sogar. Alice Dodge ist 25 Jahre alt, arbeitet als Lektorats-Assistentin in einem Verlag und ist erfüllt von dem Gedanken, eines Tages selbst einen Roman zu schreiben.

Philip Roth, 2008

Philip Roth tritt im Roman als „Ezra Blazer“ auf.

Selbstverständlich erkennt Alice den Mann, der sie ins Gespräch zieht, sofort: Ezra Blazer, ein weltberühmter Schriftsteller und ein Mann von mehr als siebzig Jahren. „Sind Sie dabei?“, fragt er nur, und die beiden beginnen mit größter Selbstverständlichkeit eine Affäre, die sich in eine Beziehung ausweitet. Das Pikante daran: Lisa Halliday, die Autorin von „Asymmetrie“, hatte tatsächlich zu Beginn der Nullerjahre eine Liebschaft mit dem Schriftsteller Philip Roth. Ein Verhältnis, das sich zu einer engen Freundschaft entwickelte. Und Ezra Blazer wiederum trägt ganz deutlich Züge des im Mai 2018 verstorbenen Roth.

Es ist der erste raffinierte Schachzug von Lisa Halliday, gleich zu Beginn ihres Debütromans beim Leser voyeuristische Erwartungen zu wecken. Der zweite raffinierte Schachzug ist der, diese Erwartungen dann auch noch zu erfüllen: Sex und Depression, Rücken- und Herzprobleme, der körperliche Verfall des alten Mannes, das ewige und vergebliche Warten auf den Nobelpreis – all das wird detailreich, in einer Abfolge kurzer Szenen und in munterem Tonfall vor uns ausgebreitet:

Von seinem Bauch bis hoch zum Brustbein verlief eine reißverschlussähnliche rosa Narbe. Eine weitere Narbe zerteilte sein Bein von der Leiste bis zum Knöchel. Zwei weitere bildeten einen blassen Zirkumflex-Akzent über seiner Hüfte. Und das war nur die Vorderseite.

Lisa Halliday 2017

Lisa Halliday

Die Asymmetrie des Titels, so könnte man vermuten, bezieht sich auf die ungleichen Machtverhältnisse. Doch der Eindruck täuscht. Denn Alice ist weder Opfer noch Mätresse, so wenig wie Ezra Blazer als bloßer Lustgreis daherkommt.

Asymmetrie der Beziehung - Fehlanzeige!

Beiden Figuren lässt Halliday bei aller Direktheit der Schilderungen ihre Integrität. Zwar ist Blazer nicht frei von Eitelkeiten und Schrullen. Und selbstverständlich bezahlt er diverse größere Rechnungen für Alice, weil er es kann und sie es gebrauchen kann, doch wer hier wem überlegen ist und ob das überhaupt eine Rolle spielt, ist die Frage.

Alice erscheint als eine selbstbewusste, selbstbestimmte und intelligente Frau und als intensive Leserin, die Ezra in ihren Gesprächen über Literatur auf Augenhöhe begegnet. Aus diesen unterhaltsam geschrieben Dialogen heraus entwickelt Halliday den zweiten Teil von „Asymmetrie“:

Alice für ihren Teil begann ziemlich ernsthaft darüber nachzudenken, ob ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts wohl in der Lage wäre, sich in die Gedankenwelt eines männlichen Muslims hineinzuversetzen, als sich Ezra wieder an sie wandte und sagte: „Mach dir um wichtig oder unwichtig keine Gedanken. Wenn etwas gut gemacht ist, gewinnt es ganz von allein Bedeutung.“

Die Ezra Blazer-Geschichte bricht nach knapp 150 Seiten ab. Der darauf folgende zweite, etwa gleich lange Part des elegant komponierten Romans baut auf genau dieser Überlegung auf: Dieser Teil ist genau jenes Buch, das Alice schreiben wollte und nun offenbar geschrieben hat.

Der zweite Teil des Romans: Ein Buch im Buch

Auf dem Londoner Flughafen Heathrow wird Amar Ala Jaafari festgesetzt. Ein männlicher Muslim Anfang 30. Genau jene Figur, in die hineinzuversetzen sich Alice als Herausforderung vorgestellt hat. Was Lisa Halliday nun erzählt, ist eine zerrissene Biografie, die zwischen zwei Kulturen hin- und herpendelt und die von den politischen Radikalisierungen der Zeit mitgerissen wird.

Amar, geboren als Sohn irakischer Eltern in einem amerikanischen Flugzeug über kanadischem Luftraum, wird von den Behörden in Heathrow festgehalten und wie ein Terrorist verhört. Er ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler, in den USA aufgewachsen, hat dort studiert, in England ein Praktikum absolviert – und wird nun plötzlich wie ein Feind behandelt.

Und das, obwohl er das Land seiner Eltern mit fremden Augen betrachtet und beispielsweise die militärische Intervention im Irak 1998 nur medial vermittelt und in urbritischem Ambiente verfolgt hat:

Ich sah mir die Operation Desert Fox zusammen mit Alastair an, auf unseren angestammten Plätzen in The Lamb, wo weihnachtliche Dekoration von der Decke hing und auf dem Tresen ein lauwarmes Buffet aufgebaut war, mit Mince Pies und einem kleinen Kessel voll Glühwein mit Brandy.

Im zweiten Teil von „Asymmetrie“ wechselt Lisa Halliday den Tonfall und die Perspektive von der dritten in die erste Person. Den Wechsel der Stimmlagen beherrscht sie glänzend. Keine Spur mehr von Gossip; stattdessen gelingen ihr beklemmende Szenen.

Zwischen den absurden, demütigenden Verhören am Flughafen erinnert sich Amar an sein Leben und an mehrere Reisen in den zerstörten Irak nach den Anschlägen des 11. September. Amars Bruder, der sich in den USA nie heimisch gefühlt hat, ist bereits Ende der 1980er-Jahre in den Irak zurückgekehrt und arbeitet dort als Arzt. Er ist auch der Grund für Amars aktuelle Reise.

Die Figur Amar verkörpert die poetologischen Gedanken der Figur Alice

In Amars Erinnerungen und Reflexionen schimmert genau jene Dringlichkeit durch, die Alice im ersten Teil des Romans als notwendige Bedingung von Kunst formuliert hatte. Das ist eine der Verbindungslinien, die den Roman in seiner Gesamtkonzeption zusammenhalten.

Sollte ich meinen vorherrschenden Eindruck während der insgesamt sieben Wochen beschreiben, die ich zwischen Dezember 2003 und Januar 2005 im Irak verbrachte, so würde ich zu behaupten wagen, dass die Zukunft dort etwas ganz Anderes bedeutete als in Amerika. Im Irak betrachtete man die Zukunft als eine sehr viel nebelhaftere Eventualität, falls man überhaupt davon ausging, sie noch zu erleben.

Die Asymmetrien in Hallidays Roman sind grundsätzlich und vielgestaltig, ohne aufdringlich präsentiert zu werden: Männer und Frauen, der Clash of Cultures, tödlicher Ernst gegen intellektuell brillierende Gesellschaftsspiele. Mit der Alice-Ezra-Geschichte hat Lisa Halliday einen Köder ausgelegt, um eben diese Erzählung dann auf brillante Weise zu konterkarieren.

Wer befremdet sein sollte von der Sperrigkeit, von der bewussten Schroffheit, mit der zwei vermeintlich disparate Geschichten gegeneinander gestellt werden, wird von der literarischen Intelligenz, mit der Halliday die beiden Teile in einen sinnhaften Kontext stellt, wieder eingefangen.

Auch Philip Roth lobte das Manuskript

Philip Roth selbst hat das Manuskript von „Asymmetrie“ noch gelesen und für gut befunden. Kein Wunder, löst es doch den Anspruch ein, den Ezra an Kunst gestellt hat: Wenn sie gut gemacht ist, gewinnt sie automatisch an Bedeutung.

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