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SWR2 Buch der Woche am 18.8.2014 Stephanie Bart: Deutscher Meister

Ein originell geschriebener Roman, der eine Hommage an die deutsche Boxsport-Vergangenheit ist und eine scharfsichtige Analyse der Mechanismen bietet, die die Gleichschaltung im Dritten Reich möglich machten.

Buchcover - Stephanie Bart: Deutscher Meister

Buch

Stephanie Bart

Deutscher Meister

Verlag:
Hoffmann und Campe
Länge:
384 Seiten
Preis:
22 Euro
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7:11 min

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Rezension von Stefanie Laaser

Stephanie Bart: Deutscher Meister

Laaser, Stefanie

Roman <br />Hoffmann und Campe Verlag <br />384 Seiten <br />22,-- Euro

In den 1920er und 30er Jahren erlebte der Boxsport in Deutschland eine Blütezeit. Max Schmeling wurde in den USA Weltmeister im Schwergewicht und sein Ruhm ließ auch die Fangemeinde in der Heimat anwachsen. Boxkämpfe waren in der Weimarer Zeit zum Freizeitvergnügen der Kulturszene avanciert. Für Arbeiter und Kleinbürger ebenso wie für Akademiker und Intellektuelle. Aber auch Adolf Hitler hatte Pläne mit dem Boxsport, in dem er ein Ideal der arischen Leibesertüchtigung sah. Nach der Machtübernahme der Nazis war der Verband deutscher Faustkämpfer im Frühjahr 1933 einer der ersten, der die Gleichschaltung umsetzte, seine Vereinsstruktur umkrempelte und etliche jüdische Mitglieder von den Listen strich. Ein Sonderfall war der sinti-stämmige Boxer Johann Rukelie Trollmann aus Hannover, eines der faszinierendsten Talente der Szene. Bei seinen Kämpfen saßen Bert Brecht und Hans Albers am Ring – wer so erfolgreich und populär war, der ließ sich nicht so einfach verdrängen. Wie dennoch auch Trollmanns Karriere systematisch zerstört wurde, beschreibt Stephanie Bart in ihrem gerade erschienenen Roman "Deutscher Meister". Stefanie Laaser hat ihn gelesen.

Stephanie Barts Roman beginnt mit einer Flanke. Mit Johann Trollmanns Flanke über die Seile in den Ring, seinem Markenzeichen:

"Trollmann […] ging, als er noch einmal mit beiden Füßen den Boden berührte, leicht in die Knie. Ließ den Impuls mit einem lockeren Einatmen aus der Hüfte kommen. Schnellte nach oben. Warf die Beine hinauf, das rechte vorweg, das linke hinterher. Schwang gegenläufig, wie ein Vogel den Flügel, seinen linken Arm. Platzierte den Körperschwerpunkt genau über der aufgestützten Hand. Schwebte auf das kreischende "Huu" des Publikums fast waagrecht in der Luft über dem Seil. […] War kinderleicht und fühlte sich getragen von Tausenden hochgeworfener Arme, die Schweißflecken auf Herrenhemden und nackte Damenachseln freilegten und Brüste sich heben ließen. Wurde begrüßt durch ein wogendes Meer von Victory-V’s und geballten Fäusten, die sich nun öffneten, um zu klatschen wie wild." Stephanie Bart: Deutscher Meister

Elegant, übermütig, den Gesetzen der Schwerkraft trotzend: Trollmanns Flanke auf dem Weg in den Ring nimmt schon vorweg, was die Funktionäre des Boxsportverbands seinem Kampfstil insgesamt zum Vorwurf machten. Faxen machen kam im Jahr 1933 nicht gut an in dem bereits von Nazis durchsetzten Verein: Ein deutscher Boxer hatte wie festgewachsen im Ring zu stehen, auszuteilen und einzustecken. Trollmann hingegen war ständig in Bewegung, umtänzelte seinen Gegner, führte ihn an der Nase herum und flirtete nebenbei noch mit dem Publikum. So zu boxen, war damals ungeheuerlich – seine Fans liebten Trollmann dafür, die obrigkeitshörige Presse dagegen verurteilte sein "zigeunerhaftes Flitzen".

Als der geniale Boxer und warmherzige, charismatische und mutige Mensch, der Johann Trollmann Zeitzeugenberichten zufolge gewesen ist, lässt Stephanie Bart ihn in ihrem Roman wiederauferstehen – ein Sympathieträger, ein Held. Ihm stellt sie den Ersten Vorsitzenden des Verbandes deutscher Faustkämpfer gegenüber, die Karikatur eines pedantischen, machtbesessenen Nazis der ersten Stunde, der in vorauseilendem Gehorsam seinen Verein unter rassischen Gesichtspunkten auf Linie bringt:

"Er hatte die Mitgliederliste vor sich, hielt in der Rechten den Bleistift, und die Fingerkuppen der Linken lagen locker gespreizt auf dem Lineal. Er führte es langsam von oben nach unten, fuhr damit über Mitglieder hinweg, hielt es unter manchen Mitgliedern an, schob es wieder ein klein wenig nach oben und strich dann mit einer rechten Geraden am Lineal entlang den Namen durch. Der Erste Vorsitzende machte die Juden weg. […] Der Erste Vorsitzende hielt das Lineal in seinem Lauf unter "Burda, Josef, Veranstalter" an. Der hatte ihn vor Gericht blamiert, in den Jordan mit ihm, er strich ihn durch. Und weiter glitt das Lineal, "Meergrün, Darwin, Boxer", ein kurzes, linealgeführtes Schaben des Bleistifts, und Meergrün als Boxer war Geschichte. Der Erste Vorsitzende kam in Fahrt. Es beflügelte ihn, das Ruder in die Hand zu nehmen. Es beflügelte ihn ganz besonders, den Vorstandsbeschluss gar nicht erst abzuwarten, sondern vorzupreschen und Tatsachen zu schaffen." Stephanie Bart: Deutscher Meister

Am Beispiel dieses Funktionärs führt Stephanie Bart die beängstigende Logik vor, nach der eine jämmerliche, insgeheim von allen verachtete Figur durch die Gleichschaltung plötzlich über einen ungeahnten Machtspielraum verfügen konnte. Obwohl der Sinto Johann Rukelie Trollmann den Titelkampf gegen den berüchtigten K.O.-Schläger Adolf Witt haushoch gewinnt, ist es für den Ersten Vorsitzenden ein Leichtes, ihm den Meistertitel wenige Tage später wegen angeblich "schlechten Boxens" wieder abzuerkennen. An der systematischen Zerstörung von Trollmanns Karriere ist die stets vorab instruierte Presse mit ihren rassistischen Kommentaren ebenso beteiligt wie die Mitläufer, die sich für die Interessen der Nazis einspannen lassen. In schnoddrigem Ton lässt Stephanie Bart all die systemtreuen Feiglinge und verblendeten Rassenideologen auf- und abmarschieren wie Bühnenfiguren, die weggeschickt werden, wenn man genug hat von ihnen. Fast ein wenig läppisch behandelt sie ihr Thema zuweilen, macht gefährliche Strippenzieher zu lächerlichen Kasperle-Puppen – um dann gegen Ende des Buchs mit voller Wucht die Fakten sprechen zu lassen, als sie die brutalen Geschehnisse der Köpenicker Blutwoche, einer SA-Sonderaktion im Juni 1933, schildert.

Nicht zuletzt ist "Deutscher Meister" auch ein leidenschaftlicher Roman über das Boxen. Sicherlich hätte nicht jeder einzelne Kampf und jede Sparring-Runde in aller Ausführlichkeit beschrieben werden müssen, aber über weite Strecken macht Stephanie Bart das auf so unterhaltsame und temporeiche Weise, dass man selbst als bisheriger Ignorant auf diesem Gebiet mitgerissen wird:

"Er warf einen linken Haken gegen Trollmanns Ellenbogen und Rippen und eine brutalstmögliche gerade Rechte einen Daumen breit vor das Kinn des zurückweichenden Gegners und hechtete ihm in einem riesigen Sprung mit verhedderten Beinen und hartem Schwinger hinterher, und Trollmann neigte sich leicht zur Seite und hielt die Faust hin, und Witts Brustkorb schlug mit einem dumpfen Rums darauf auf. Unterbrochene Atmung, sekundenbruchteilkurzer Sauerstoffengpass in Witts Zellen, ein Wischer von Trollmann an Witts Kopf." Stephanie Bart: Deutscher Meister

Rund um die Boxkämpfe zeichnet Stephanie Bart ein Panorama Berlins in den frühen 30er Jahren: das von der hohen Arbeitslosigkeit geplagte, aber noch unbeschwerte, vergnügungssüchtige Volk, die Clubs und Varietés, die Straßenzüge und Plätze der Hauptstadt, in der die zahlreichen Nebenfiguren aller Couleur unablässig unterwegs sind, zufällig in derselben Straßenbahn oder im selben Café sitzen und bei Trollmanns Kämpfen immer wieder zusammentreffen: der distinguierte, homosexuelle Geschäftsmann, der SA-Schlägertyp aus der Unterschicht, die beiden munter berlinernden Bäckersfräulein, der Manager, der aus taktischen Gründen der NSDAP beitritt, die weltberühmte Fliegerin Elly Beinhorn, die sich aus politischen Verwicklungen heraushält. Ganz beiläufig zeigt Bart in kleinen Szenen, wie die trotz der wirtschaftlichen Schieflage fröhliche und bunte Welt der Weimarer Zeit allmählich von den Vorzeichen der Nazi-Diktatur überschattet wird, und wie das die Menschen verändert.

Teilweise bleibt das vielköpfige Personal des Romans jedoch merkwürdig unbelebt: Man sieht es an sich vorbeiziehen wie in einem mit historischen Details reich ausgestatteten, ein wenig zu pittoresken Film, dem es letztlich doch ein wenig an Authentizität mangelt. Eine gute Entscheidung der Autorin war es, sich in ihrem Roman auf die drei Monate des Jahres 1933 zu beschränken, in denen Johann Trollmann den größten Sieg und die folgenschwerste Niederlage seiner Karriere erlebte. Über das weitere tragische Schicksal Trollmanns verliert sie nicht mehr als eine Notiz im Epilog, die sich in ihrer nüchternen Kürze schockierender liest als es eine Fiktionalisierung seiner Ermordung im KZ Wittenberge vermutlich getan hätte. Insgesamt ein originell geschriebener  Roman, der eine faszinierende Hommage an den Boxsport  und eine scharfsichtige Analyse der Mechanismen bietet, die die Gleichschaltung im Dritten Reich möglich machten.

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