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SWR2 Buch der Woche am 7.7.2014 Sabine Adatepe (Hg.): GEZi. Eine literarische Anthologie

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe und Monika Demirel

Im Sommer 2013 begann in Istanbul ein friedlicher Protest gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park, nahe am Taksim-Platz gelegen. Brutal versuchte die Polizei den Protest niederzuknüppeln. Darauf wuchs sich der friedliche Protest in eine Massenbewegung aus.

"GEZI" ist eine erste Reflexion über Sinn und Folgen des gelungenen Widerstands gegen ein von der türkischen Regierung geplantes Bauprojekt mit Texten von zwanzig Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die an dem Widerstand teilnahmen. Diese Texte bieten ein differenziertes Bild nicht nur über das Gezi-Ereignis, sondern auch über den Zustand der modernen Türkei während einer immer autoritärer werdenden Regierung.

Cover - Sabine Adatepe (Hg.): GEZi. Eine literarische Anthologie

Buch

Sabine Adatepe (Hg.) | Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe und Monika Demirel

GEZi. Eine literarische Anthologie

Verlag:
binooki
Länge:
128 Seiten
Preis:
19,90 Euro

"Gezi" ist zum Synonym für Freiheit und Demokratie in der Türkei geworden. Im Mai und Juni vergangenen Jahres kochten plötzlich Proteste gegen ein Bauprojekt im Zentrum Istanbuls hoch. Nicht nur die (vermeintlich bequeme, unpolitische) Jugend ging auf die Straßen, sondern auch Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler. Eine literarische Anthologie bringt nun diese Stimmen von damals aktiven Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu Gehör.

"Der Geist ist aus der Flasche", verspricht die Herausgeberin Sabine Adatepe im Vorwort zu dieser literarischen Anthologie. Dabei beruft sie sich auf ein Zitat des türkischen Schriftstellers Murat Uyurkulak. Friedlicher Widerstand und humorvoller Protest waren im Sommer 2013 im Zentrum Istanbuls möglich geworden. Es hatte mit vereinzelten Protesten gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park, nahe am Taksim-Platz gelegen, begonnen. Die Polizei reagierte brutal und knüppelte. Die Regierung gefiel sich in Propaganda. Die Empörung auf den Straßen wuchs. Aus Protesten wurde eine Massenbewegung. Ein Aufbruch fand statt. Gleichberechtigung, Solidarität und Toleranz wurden nicht nur gefordert, sondern auch aktiv gelebt. Das, was in den Sommerwochen 2013 im Zentrum Istanbuls stattfand, war tatsächlich gelebte Utopie, schwärmt der 36jährige türkische Autor Baris Uygur noch heute. Auch er war im Gezi-Park dabei.

Gezi ist das erstaunlichste Ding, das ich je in der Türkei erlebt habe. Ich war mit 16, 17 Jahren auf den politischen Protesten früher. Ich habe so einen Protest bis jetzt gar nicht gesehen. Es war anders in jedem Sinne. Es war sehr anders. Es war eine erstaunliche Explosion der neuen Jungen. Baris Uygur

Mit den neuen Jungen meint Baris Uygur jene Generation, die bis dahin als unpolitisch und desinteressiert galt. Uygur ist selbst mit zwei Texten in dem Band "GEZi. Eine literarische Anthologie" vertreten. 21 Texte von neunzehn türkischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern finden sich darin, die Stimmung jener Wochen wird eingefangen. "Ein buntes Mosaik", verspricht die Herausgeberin Sabine Adatepe. Fiktionale Geschichten, persönliche Erlebnisse, fiktive Dialoge, Gedichte, Essays. In einem dieser Essays schreibt Baris Uygur staunend und verwundert über die Kreativität der Jungen und eine plötzliche Gemeinschaft vormals gegnerischer Gruppen.

Gezi hat der Türkei eine Utopie geschenkt, wie sie sie noch nie erlebt hat. Vielleicht zum ersten Mal überhaupt kämpften Kemalisten und Kurden, Muslime und Zugehörige (schwuler und lesbischer Verbände), Anarchisten und Trotzkisten Seite an Seite. Viele Kemalisten entschuldigten sich bei den Kurden dafür, dass sie in dem 30 Jahre währenden schmutzigen Krieg nicht den Kurden, sondern den von der Regierung kontrollierten Medien Glauben schenkten. (...) Kommunisten kämpften Schulter an Schulter mit Kleinbürgern. Aber neben all diesen Gruppierungen gab es eine, die mindestens ebenso stark vertreten war, und gerade sie verlieh Gezi ihren einzigartigen Zauber: die neue Jugend. Baris Uygur, in: GEZi. Eine literarische Anthologie

Aus der "Phase der Ernüchterung und Enttäuschung" nach "dem Enthusiasmus des Aufbruchs" seien diese Texte entstanden, schreibt die Herausgeberin Sabine Adatepe. Sie bezeichnet die Textsammlung zugleich als ein "Experiment". Und der türkische Kultautor Murat Uyurkulak, eine Stimme der Rebellen und Randfiguren in der türkischen Gesellschaft, hat dieser Sammlung einen kurzen Text zum Abdruck gegeben, der nicht nur sehr experimentell wirkt, sondern, für deutsche Leser, auch irritierend. Der Text wirkt wie ein Fragment, wie eine Beschreibung aus dem Bürgerkrieg. Doch Uyurkulak versteht den Text als Gleichnis. Zunächst erklärt er die drei Pünktchen, die den Zeilen vorangehen:

Diese drei Pünktchen bedeuten nicht, dass der Text Teil eines längeren Beitrages ist. Es ist kein Ausschnitt. Vielmehr ist damit eine Folge von Toten angedeutet. Denn die jungen Menschen, die im Gezi-Park oder während der Proteste getötet wurden, sind nicht die ersten Toten. Vor ihnen gab es sehr viele, die ähnlich starben. (...) Mein Text schildert nicht irgendein Bürgerkriegsszenario, sondern er steht für die Geschichte des Staatsterrors allgemein. Murat Uyurkulak

Einer der schönsten Texte in dieser Sammlung, realistisch und poetisch zugleich, stammt von der 51jährigen Philosophin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin Gaye Boralioglu. Von ihr erschien im vergangenen Jahr auch ein erster Roman auf Deutsch, der Titel: "Der hinkende Rhythmus". Ein Liebesroman. In der Anthologie hat die Schriftstellerin die Proteste auf der Straße aus dem Blick einer Schaufensterpuppe erzählt.

Zuerst flattert ein Mädchen mit blondem Haar herbei... An ihrer Seite ein junger Mann, ein dunklerer Typ, das Haar kohlrabenschwarz. Sie halten einander bei den Händen. Hinter ihnen eine Menschenmenge. Die Sonne strahlt sie an, sie leuchten. Dann die anderen ... die üblichen Schergen ... Wieder sind sie aus den dunklen Löchern hervorgekrochen. Lange Waffen tragen sie, auf den Mienen schwer beherrschbare Wut. Ob die je im Leben gelacht haben? Ihre Menschlichkeit haben sie tief in sich vergraben. Dem flatternden Mädchen brechen sie die Flügel, den Jungen machen sie nieder. Das Mädchen versucht, ihn zu halten. Er liegt auf dem Boden, Blut rinnt ihm aus dem Mundwinkel. Hilflos bin ich zum Zuschauen verdammt. Auf einmal breitet sich eine Gaswolke aus. Ein alter Mann bricht hustend zusammen. Eine Frau schreit aus Leibeskräften nach Hilfe. Die Welt versinkt im Nebel. Gaye Boralioglu, in: GEZi. Eine literarische Anthologie

Bekannte und unbekannte türkische Autoren sind in dieser Anthologie mit unterschiedlichsten Texten versammelt. Ahmet Ümet, der wohl bekannteste Kriminalschriftsteller der Türkei, veröffentlicht hier - noch etwas holzschnittartig - die erste Version eines Kapitels aus seinem neuesten Roman. Oya Baydar, die 74jährige "Grande Dame der türkischen politischen Literatur", wie sie bezeichnet wird, hat einen melancholischen Text verfasst und die vergangenen Protesttage voller Enthusiasmus und Hoffnung literarisch versinnbildlicht. Die 73jährige Bestsellerautorin Ayse Kulin wiederum lässt in einer eindringlichen Erzählung Menschen und Bäume zu Wort kommen. Ja, sie lässt Bäume miteinander sprechen. Und sie begleitet ein altes Ehepaar, das gewöhnlich unter den Bäumen im Schatten auf einer Parkbank sitzt.

Wie die Platane mochte auch die Linde die beiden Alten. Unter den Parkbesuchern gehörten sie zu den wenigen Menschen, die etwas von Bäumen verstanden und die Natur liebten. Der alte Mann ermahnte Kinder, wenn sie Blumen abrissen, er sammelte achtlos weggeworfene leere Getränkedosen und Zigarettenschachteln auf und entsorgte sie in den Abfalleimern. Seine Frau murrte dann gern ein wenig, weil er sich die Hände schmutzig machte, doch mit ihren Blicken liebkoste auch sie die Bäume, jede aufblühende Knospe nahm sie wahr und pflückte welke Blätter ab. Vielleicht liebten sie die Bäume, weil sie alt und erfahren waren wie sie selbst. Ayse Kulin, in: GEZi. Eine literarische Anthologie

Immer wiederkehrende Themen in dieser Anthologie sind die empörende Ignoranz staatstreuer Medien; das brutale Vorgehen der Polizei; die Straßenschlachten und die Hilfsbereitschaft der Protestler untereinander; das Glück für Momente und die Trauer über die Toten und die Niederlage. Murat Uyurkulak betont das Bleibende jener Tage.

Ich bin immer noch sehr glücklich, Folgendes sagen zu können: Der Taksim-Platz in Istanbul ist vergleichbar mit Trafalgar in London, mit Times Square in New York, mit Plätzen überall auf der Welt, die zum Symbol geworden sind. Können Sie sich vorstellen, dass auf dem Trafalgar Square fünfzehn Tage lang eine Kommune gegründet wird, in der keine Währung zählt, in der nichts gegen Geld getauscht wird? Das passierte in Istanbul! Das ist das Schöne. Murat Uyurkulak

Und Uyurkulak ist sich sicher, dass Erdogan den Widerstand nicht ersticken kann, solange er weitermacht wie bisher. So spricht aus vielen Texten Trotz und vage Hoffnung. Sehr stimmungsvolle Fotografien der türkischen Fotografin Selen Özer Günday ergänzen die Texte auf beeindruckende Weise. Sie veranschaulichen die Ereignisse vom Sommer 2013 sehr atmosphärisch und eindringlich. Die literarische Anthologie bringt eine vielfältige Mischung in leider sehr kurzen Texten zu Gehör. Manche Beiträge klingen noch unfertig und roh; andere sind ausgefeilt und abgerundet. Ein ansprechendes, abwechslungsreiches und lebendiges Lay-out erleichtert die Lektüre. Die literarische Anthologie von Sabine Adatepe ist eine erfrischende Ergänzung zu Reportagen, Erklärungen, Analysen zu den Istanbuler Protesten. Hier darf der Leser sich selbst ein Bild machen.

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