SWR2 Buch der Woche vom 26.02.2018 Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

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Wir befinden uns auf einer maroden Bohrinsel irgendwo vor der marokkanischen Küste. Hier schuftet Waclav, einer jener nomadischen Arbeiter, wie sie millionenfach durch die globalen Jobmühlen getrieben werden, aber doch irgendwie unsichtbar geworden sind.

Nicht nur der Wind ist rau auf der Bohrinsel; das Miteinander ist es ebenso. Ausgehalten hat er es vor allem dank Mátyás. Doch sein bester Freund verschwindet in einer der Sturmnächte.

Die zunächst als Lyrikerin hervorgetretene Autorin nähert sich dem Unsagbaren wortgewaltig und zugleich behutsam an, führt traumwandlerisch sicher durch eine Geschichte, bei der Vergangenheit und Gegenwart, innere Bilder und die wahrnehmbare Welt immer wieder aufscheinen und zu verschwimmen drohen.

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Anja Kampmann als Gegenbeispiel für Schnittmuster-Literatur

Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren, heute lebt sie in Leipzig, wo sie am bekannten Deutschen Literaturinstitut studiert hat. Gerne wird der Schreibschule, auf der man ein Universitätsdiplom erwerben kann, nachgesagt, sie bringe eine Literatur nach Schnittmusterbögen hervor. Anja Kampmann wäre das beste Gegenbeispiel für diese These.

Autorin Anja Kampmann (Foto: Hanser Verlag - Juliane Henrich)
Hanser Verlag - Juliane Henrich

Ihre Gedichte, veröffentlicht in Zeitschriften und in dem Band „Proben von Stein und Licht“, haben bereits aufhorchen lassen. Sie hat diverse Preise und Stipendien gewonnen in den letzten Jahren, und der Riecher der jeweiligen Jurys scheint richtig gewesen zu sein. Mit ihrem ersten Roman beweist sie nun eine Meisterschaft, die man einer Debütantin kaum zutraut – das finden nicht nur die Juroren des Leipziger Buchpreises, die sie in diesem Jahr nominiert haben.

Ein packendes Prosadebüt, das nicht an Spannung verliert

Schon auf den ersten Seiten dieses bemerkenswerten Romans gibt es kaum einen Halt: Wir befinden uns auf einer Bohrinsel. Die Plattform sitzt auf stählernen Beinen, zwölf Meter über dem Meeresspiegel, irgendwo vor der marokkanischen Küste. „Ocean Monarch“ heißt der Koloss, aber etwas Souveränes hat dieser in die Jahre gekommene Industriekraken kaum noch. Das Wasser ätzt am Metall; die Wellen prallen mächtig gegen das Ungetüm; die Naturgewalten lassen den Boden schaukeln.

Es ist dieser genau benennende, höchst sensible Ton, der in Bann schlägt: Anja Kampmanns Prosadebüt „Wie hoch die Wasser steigen“ hat vom ersten Satz an etwas Präzises und Schwebendes, etwas Packendes und Poetisches. Und die Autorin hält diese Spannung über 350 Seiten hinweg durch.

Sie nähert sich dem Unsagbaren wortgewaltig und behutsam an, führt traumwandlerisch sicher durch eine Geschichte, bei der Vergangenheit und Gegenwart, innere Bilder und die wahrnehmbare Welt immer wieder aufscheinen und zu verschwimmen drohen. Wie sie das macht, allein durch ihre Sprache, das lässt sich nur schwer beschreiben: Es ist äußerst suggestiv. Man hat das Gefühl, dass ein Rest bleibt, etwas Unerklärliches, Dunkles. Je mehr man erfährt, desto faszinierter ist man von den Geheimnissen dieses Buches.

Ein Arbeiter zwischen Notwendigkeit und Abenteuerlust

Waclav, dem aus einem früheren Leben der Name Wenzel anhängt, ist einer jener nomadischen Arbeiter, wie sie millionenfach durch die globalen Jobmühlen getrieben werden, aber doch irgendwie unsichtbar geworden sind in der Epoche der so genannten Industrie 4.0. Waclav ist Anja Kampmanns verlorener, ambiger Held. Vor Jahren hat er sich von der ebenso gefährlichen wie romantischen Arbeit auf Ölbohrinseln verlocken lassen – Notwendigkeit und Abenteuerlust hielten sich dabei die Waage.

Die Illusionen hat er längst verloren. Nicht nur der Wind ist rau auf diesen künstlichen Inseln; das Miteinander ist es ebenso. Ausgehalten hat er es vor allem dank Mátyás. Sein bester Freund – und vielleicht mehr als das: sein Geliebter – verschwindet in einer dieser Sturmnächte. Ob Mátyás bei einem Unfall ins Meer stürzt, bleibt offen: Niemand außer Waclav nimmt sich die Sache zu Herzen; eine Suchaktion wird nicht gestartet. Ein Mann über Bord bedeutet Verwaltungsaufwand für die Vorgesetzten, mehr nicht.

Es beginnt eine Reise durch Europa und in die Vergangenheit

Für Waclav ändert dieses Unglück alles. Der Tod des Freundes, mit dem er sechs Jahre Kojen und Hotelzimmer geteilt, in Casinos gespielt und in Bars getrunken hat, bringt das prekäre Gleichgewicht seines Lebens durcheinander. Waclav wird von einem Schwindel erfasst. Er verlässt die Bohrinsel, die einmal ein Rettungsufer war.

Und er begibt sich auf eine Reise, die ihn nach Ungarn führen wird zu Mátyás‘ Schwester, nach Malta und nach Italien, nach Polen und in den Ruhrpott, aus dem er stammt. Und vor allem in die Gefühlslandschaften, die in ihm still überdauert haben, die sich langsam zurück in sein Bewusstsein schieben.

Eine Liebesgeschichte holt den Protagonisten ein

Anja Kampmann blendet die verschiedenen Bilder und Ebenen ineinander, und ihre Sprache evoziert immer wieder neue Bilder. Manchmal wähnt man sich in einem fiebrigen Traum, in dem einem die Zeitkategorien abhandenkommen. Ihre Prosa hat einen erstaunlichen, niemals hakenden Rhythmus, ist von einer Poesie, die nichts Angestrengtes hat, nichts Vordergründiges, nichts Aufgesetztes.

Man erfährt häppchenweise, wie sich die Biographie Waclavs zusammenfügt, wie seine Welt zusammengesetzt ist und was sie auseinanderreißt. Man erspürt nach und nach, welche Wunden diesem 52-Jährigen nicht mehr verheilen werden, welche Menschen er zurückgelassen hat, weil er dachte, er könnte in der Ferne etwas finden, das ihm sonst immer fehlen würde. Nur, dass dort in der Ferne nichts war. Stattdessen entfernte er sich zusehends von sich selbst.

In Waclavs Vergangenheit wartet vor allem die junge Frau, mit der er einstmals aus dem Ruhrgebiet nach Polen gegangen war, um ein gemeinsames Leben zu wagen und vielleicht die Heimat der Vorfahren wiederzufinden: Milena heißt sie, und sie ist die große Abwesende, die immerzu anwesend ist. Die beiden waren ein Liebespaar, das an der neuen Arbeit Waclavs auf den Bohrinseln zerbrochen ist.

Kampmann erzählt bruchstückhaft doch zugleich berührend

Je weiter er sich auf seiner Reise zu sich selbst von Mátyás entfernt, desto stärker nähert er sich Milena wieder an – näher als in seinen Gedanken aber wird er ihr nicht mehr kommen. Es ist eine Geschichte der Entfremdung, die Kampmann in Bruchstücken vor uns ausbreitet, und das Großartige an diesem Roman ist, dass Begriffe wie Entfremdung, Identität oder Heimweh darin niemals fallen. Im Erzählten aber ist all das, was sie abstrakt meinen, konkret fühlbar. Etwa als Waclav auf seiner Reise in die verlorene Zeit schließlich im Ruhrgebiet anlangt, dort, wo er aufgewachsen ist. Es erinnert an eine Szene aus einem frühen Wim Wenders-Film:

Hier lässt er die Brieftaube frei, die ihm ein alter Freund des Vaters, der lange schon in einem italienischen Bergdorf lebt, mitgegeben hat: Alois hat früher ebenfalls unter Tage malocht und schon damals Brieftauben gezüchtet, als würden sie vielleicht eine Verbindung herstellen können zu verlassenen Orten, in die Heimat, als wären sie Boten einer Sehnsucht. Es ist das Schlussbild dieses berührenden, betörenden Debüts: Die Taube, die sich vom Norden aufmacht, zurückfinden soll in ihren Schlag in den Alpen. Und schließlich ist es so, als würde Waclav selbst davon schweben können.

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