Hans-Ulrich Thamer, "Adolf Hitler. Biographie eines Diktators" Hitler in knappen Strichen

Am 15.3.2018 von Rainer Volk

Ein dünnes Buch über Hitler? Offenbar ist so etwas möglich. Hans-Ulrich Thamer braucht für seine neu erschienene Hitler-Biographie nur 320 Seiten. Ian Kershaw brauchte zwei Bände, Peter Longerich fast 1.300 Seiten. Thamer traut sich also etwas: Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Das könnte theoretisch schiefgehen - tut es aber nicht.

Säulen von Hitlers Macht: Faszination und Gewalt

Hans-Ulrich Thamer bürstet sein Buch nach einer klaren These: „Faszination und Gewalt waren die tragenden Säulen von Hitlers Macht. Seine Diktatur war wie kaum eine andere im 20. Jahrhundert Ausdruck einer personalisierten Herrschaft.“

„Während ich hier am Mikrofon stehe, wälzen sich draußen vor den Fenstern der Reichskanzlei hunderttausende von Menschen. Eine Stimmung, wie sie nur zu vergleichen ist mit jenem August 1914 als ebenfalls eine Nation aufgebrochen ist, alles, was sie besaß, zu verteidigen.“

Klare These in klarem Deutsch

Die Ton-Aufnahme vom Fackelzug vom 30.Januar 1933, live kommentiert von Hermann Göring, wirkt wie ein medialer Beweis für Thamers Ansatz. Er wird in dieser manchmal wie eine Skizze wirkenden Biographie vertieft. Nicht in „Sowohl-als-auch“-Sätzen, sondern in klarem Deutsch.

Der Münsteraner Emeritus ergreift in dem alten Historikerstreit, ob Hitler ein starker oder ein schwacher Diktator war, Partei für diejenigen, die ihn als Spinne im Netz der Macht sehen. So schreibt er zum Beispiel über die Phase 1933-34: „In allen Phasen der Gleichschaltung und Machteroberung lief nichts ohne Hitler.“

Zuspitzungen bis zur Sentenz

Ähnliches hat man zwar auch schon bei anderen Autoren gelesen – aber selten so konzise und auf den Punkt geschrieben. Manchmal ist Hans-Ulrich Thamer mit seinen Zuspitzungen nahe an einer Sentenz: „Hitlers Weg in die Politik verlief nicht zielgerichtet. Die Politik kam eher auf ihn zu.“

Sollen sich die Historiker streiten, ob man das so schreiben kann. Das breitere Publikum liest es mit Vergnügen – und denkt nach. Apropos Vergnügen: an einigen Stellen blitzt der alte Gedanke auf, dass man Hitler nur mit Witz beikommen kann.

Hitler im Spiegel der Satiriker

So finden sich in dieser Biographie hellsichtige Bonmots von Zeitgenossen. Etwa von dem Satiriker Thomas Theodor Heine, der in einer „Simplicissimus“-Illustration in den 20er Jahren befand: „Hitler ist überhaupt kein Individuum. Er ist ein Zustand. Nur der Futurist kann ihn bildlich darstellen.“

Massen-Inszenierungen als Rituale der Macht und Mittel der Verführung, hier nach dem Sieg im Frankreich-Feldzug 1940, sind Thamers Lieblingsthema. Sie überwölben die weitgehend lineare Darstellung von Hitlers Lebensweg, ohne dass dieser zu kurz käme.

Hitler und kein Ende

Das gilt auch für den Weg in den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg und dessen Ende. Denn mit dem 8.Mai 1945 ist für dieses Buch keineswegs alles vorbei.

Wer keine Zeit finden kann für diese sehr leicht lesbare Synopse der Hitler-Literatur, sollte wenigstens das letzte Kapitel „Hitler und kein Ende“ empfohlen. Auch wegen eines Zitats von Carl Zuckmayer: "Ich weiß, ich werde alles wiedersehen, und es wird alles ganz verwandelt sein.“

Verarbeitung der NS-Zeit in der BRD und der DDR

Wie in einem kleinen Essay erklärt Thamer das Verarbeiten der NS-Zeit in der Bundesrepublik und der DDR – und weshalb die Befreiung eine doppelte war: Von einer Diktatur und von einer vormodernen Gesellschaft. Sie öffnete den Weg in den Westen, in die plurale Demokratie, die Freiheit.

Man darf sich angesichts einiger Debatten Anno 2018 fragen, wie unumkehrbar dieser Weg ist. Oder ob es ihretwegen nötig ist, immer wieder über Hitler nachzudenken.

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