STAND
AUTOR/IN

Eine Sprache - viele Geschichten

Seit fast 200 Jahren verläuft eine Grenze durch das niederländische Sprachgebiet. 1830 erklärten sich die "Südlichen Niederlande" vom Haus Oranien unabhängig. Bis dahin gehörten Flandern und die Niederlande zusammen. Doch trotz der Grenze bilden Sprache und Literatur eine Einheit. Verlage arbeiten grenzübergreifend, und Literaturpreise werden häufig über den Schlagbaum hinweg verliehen. Auch den Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse gestalten Flamen und Niederländer gemeinsam.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Flämische und niederländische Literatur

Verbrecher Verlag (Foto: Verbrecher Verlag -)
"Das Büro" von Johannes Jacobus Voskuil, Bd. 5: Ein 5.000-Seiten-Werk, das von den 1950er bis in die 1980er Jahre in einem Amsterdamer Institut für Volkskunde spielt. Im Zentrum steht der Ethnologe Maarten Koning, der 30 Jahre lang an einem wissenschaftlichen Institut arbeitet, das die Volkskultur der Flamen und der Niederländer untersucht. Seine Arbeit schildert Voskuil mit großer Genauigkeit und subtilem Witz - er hat selbst lange an einem solchen Institut gearbeitet. Verbrecher Verlag - Bild in Detailansicht öffnen
"Gambaviecher in fetter Tunke" von Andy Fierens: In seinem Gedichtband schreibt Lyriker und Bühnenpoet Andy Fierens über Männer und Frauen, über Genie und Wahnsinn, über Größenwahn und Melancholie und er kommentiert Politik. Sein Vorgehen und seinen Stil beschreibt er folgendermaßen: "Die Texte, die ich vortrage, sind eigentlich nur eine kleine Auswahl dessen, was ich geschrieben habe. Nur so 15 Prozent der Texte, die ich schreibe, trage ich auch vor. Als Schüler haben mich die klassischen Dichter beeinflusst, aber danach bin ich im Punk gelandet. Da habe ich auch ein paar alte Punkdichter kennengelernt. Die brachten alle keine Bücher raus. Ich dachte damals auch, dass das nicht nötig sei. Aber irgendwann kribbelte es mich dann doch, und ich wollte selbst Bücher publizieren." Verlag Das Wunderhorn - Bild in Detailansicht öffnen
"Verlangen" von Kris Van Steenberge: In seinem Roman „Verlangen” erzählt Kris Van Steenberge eine Geschichte, die vor und während des Ersten Weltkriegs im schwer umkämpften Flandern spielt. Ein historischer Roman – größtenteils erfunden, doch atmosphärisch basierend auf den Erzählungen seines Großvaters. Erzählt wird die Geschichte einer missglückten Ehe, aus der ein Zwillingspaar hervorgeht. Zwei Brüder. Der eine heißt Valentijn, ist blondlockig und einnehmend schön, der andere aber ist verunstaltet. Sein Gesicht ist schief, und er hat nur ein Auge. Deshalb trägt er stets eine Mütze mit Schleier. Klett-Cotta - Bild in Detailansicht öffnen
"Das Paradies der Armen" von Suzanna Jansen: Jansen hat ein sehr persönlich gehaltenes Sachbuch verfasst: Sie erzählt die Geschichte der Erziehungsanstalt Veenhuizen, in dem drei Generationen ihrer Vorfahren gelebt haben. Doch auch aus anderen Gründen hat sich "Das Paradies der Armen" in den Niederlanden hervorragend verkauft. Es erzählt vom Schicksal kleiner Leute. Von Armen und Bettlern und von strenger Erziehung. Auch von harter Arbeit: vom Torfstechen, Gräbenziehen, Landtrockenlegen. Eine vernünftige, von protestantischem Arbeitsethos durchdrungene Welt. Theiss-Verlag - Bild in Detailansicht öffnen

Schon 1993 sind die Niederlande und Flandern zusammen als Gastregion auf der Frankfurter Buchmesse aufgetreten. Ein großer Erfolg – vor allem für die Niederländer.

Flämische Autoren konnten sich international nicht so stark durchsetzen. Das soll dieses Mal anders sein. Viele neue Bücher erzählen von flämischer und niederländischer Geschichte. Außerdem wird der kleine Partner in allen offiziellen Publikationen zuerst genannt: Flandern und die Niederlande.

Auf der Buchmesse gibt es viele Autoren zu entdecken, die Neues aus dem Flachland erzählen: Geschichten vom Dorf und aus der Stadt, von Liebe und Krieg, von Politik und Alltag. Mit dabei sind Priester und Soldaten, Ärzte und Volkskundler, Landstreicher und Trunkenbolde. Prosa und Lyrik: mal ernst und komisch, immer aber prall und lebendig.

Das Auftrittsmotto lautet: "Dit is wat we delen." – "Dies ist, was wir teilen". Ein gutes Motto?

Jan Kost, Niederlandist an der Freien Universität Berlin, findet es gut. Es gebe eine Sprachunion zwischen den Niederlanden und Belgien, so Kost. Die Länder versuchten gemeinsam, die Sprache zu unterstützen, das führe dazu, dass man die Gemeinsamkeiten hervorhebe. Natürlich gebe es auch Unterschiede – aber im Großen und Ganzen ist er damit einverstanden, dass man dieses Motto gewählt hat.

Dit is wat we delen – Dies ist, was wir teilen

Anja Duitsmann von der Linnaeus-Buchhandlung in Amsterdam-Oost (Foto: privat -)
Anja Duitsmann von der Linnaeus-Buchhandlung in Amsterdam-Oost: "Wir merken, in den letzten Jahren sind da ein paar flämische Autoren beigekommen, die sich supergut verkaufen. Es ist noch nicht so, dass die flämische Literatur den holländischen Markt übernimmt, aber man sieht eine deutliche Steigerung auch in der Anzahl von flämischer Literatur, flämischen Autoren, die auch in Holland sehr, sehr erfolgreich sind." privat - Bild in Detailansicht öffnen
Die Buchhandlung "Stad Leest" in Antwerpen - Wouter Cajot hat sie vor fünf Jahren gegründet: "Damals gab es in ganz Antwerpen nur noch zwei unabhängige Buchhandlungen. Wir dachten uns: Es kann jawohl nicht sein, dass die Leute keine Bücher mehr kaufen! Bloß wie und wo sie das tun, das hat sich verändert. Wir hatten eine sehr klare Idee von unserem eigenen Laden. Und fünf Jahre später zeigt sich, dass wir recht hatten. Wir haben einen Nerv getroffen und haben Kunden gewonnen, die sonst nicht mehr in den Buchladen gekommen wären." SWR - Katharina Borchardt Bild in Detailansicht öffnen
Wouter Cajot, Buchhändler und Besitzer der Buchhandlung "Stad Leest" in Antwerpen: "Es wird oft gesagt, dass flämische Romane meist in kleinen Dörfern spielen, unter den Kirchtürmen, beschaulich und gemütlich, so diese Art von Stil. Aber das ist glücklicherweise nicht mehr so." SWR - Katharina Borchardt Bild in Detailansicht öffnen
Suzanna Jansen, Autorin des Buches "Das Paradies der Armen", fotografiert in der Besserungsanstalt Veenhuizen, wo u.a. ihr Urgroßvater lebte. SWR - Katharina Borchardt Bild in Detailansicht öffnen
Gerd Busse, Übersetzer der Romanserie "Das Büro" des verstorbenen Autors Johannes Jacobus Voskuil: "Ja, die Belgier – das ist eigentlich so eine Hassliebe zwischen Niederländern und Belgiern." SWR - Katharina Borchardt Bild in Detailansicht öffnen
Kris Van Steenberge, 1963 geboren, lebt in der Kleinstadt Lier bei Antwerpen. Sein Roman "Verlangen" spielt vor und während des Ersten Weltkriegs, Erzählungen seines Großvaters dienten dem Schriftsteller als Inspiration: "In den Geschichten meines Großvaters, die ich von früher kenne, steckte stets ein gewisser Argwohn gegenüber allem Deutschen." – Dennoch stellt Van Steenberge keineswegs die Schlechtigkeit der Angreifer aus. Im Gegenteil: Er lässt schon vor dem Krieg einen durchaus sympathischen Deutschen in das kleine westflämische Dorf Woesten ziehen, in dem die Geschichte größtenteils spielt. Klett-Cotta - © Johan Jacobs Bild in Detailansicht öffnen

Literaturangaben:

  • J. J. Voskuil: "Das Büro". Band 1-7. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verbrecher-Verlag, pro Band 700-1.000 Seiten, pro Band 29-32 Euro.
  • Kris Van Steenberge: "Verlangen". Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Verlag Klett-Cotta, 440 Seiten, 24,95 Euro.
  • Andy Fierens: "Gambaviecher in fetter Tunke". Aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek. Verlag Das Wunderhorn, 104 Seiten, 18,90 Euro.
  • Suzanna Jansen: "Das Paradies der Armen". Aus dem Niederländischen von Andrea Prins. Theiss-Verlag, 262 Seiten, 24,95 Euro.
STAND
AUTOR/IN