Blumenkinder

Aufstieg und Fall der Hippiebewegung

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SWR2 Wissen. Von Udo Zindel. Onlineversion: Ulrike Barwanietz & Ralf Kölbel

SWR2 Wissen. Von Udo Zindel

Die paradiesvogelbunte Jugendrebellion der Hippies wurde 1967 zu einer kommerzialisierten Massenbewegung, die sich rasch tot lief. Dennoch haben die „Blumenkinder“ wichtige kulturelle und politische Umbrüche in den USA bewirkt - und weit darüber hinaus.

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Am Nachmittag des 14. Januar 1967 kommen im Golden Gate Park im kalifornischen San Francisco an die 30.000 junge und junggebliebene Rebellen und Zivilisationsmüde zum ersten "Human Be-In" zusammen: von den Beatniks der Fünfzigerjahre über Hippies bis zu maoistischen Studierenden.

So beginnt der ebenso berühmte wie berüchtigte "Summer of Love": Zahllose junge Leute vereinen sich im Protest gegen Vietnam-Krieg, Imperialismus und Kapitalismus.Der LSD-Guru Timothy Leary, den ein Bundesrichter zum "gefährlichsten Mann der Welt" erklärt hatte, prägt seinen berühmten Satz: "Turn on, tune in, drop out – törn dich an, stimm dich ein, steig aus!"

Massenwanderung der "Hippie-Tarzans"

Die radikale Gesellschaftskritik der jugendlichen Rebellen verstört viele gesetztere Bürger in Kalifornien. Ein Jahr vor dem "Summer of Love" hatte der Hollywood-Schauspieler und erzkonservative Hardliner Ronald Reagan die Gouverneurswahlen gewonnen. Ein Hippie, sagt er zu Beginn seiner Amtszeit, sei einer, "der sich wie Tarzan anzieht, der die Haare wie seine Dschungelfrau Jane trägt und der riecht wie ihr Schimpanse Cheetah."

"Hippies Run Wild" titelt der San Francisco Chronicle am Tag nach dem "Human Be-In" – die Hippies rasten aus. Und die Nachrichten von der unerklärlichen, unerhörten Zusammenkunft bringen junge Leute von Alaska bis Florida dazu, sich auf den Weg in San Franciscos Haight-Ashbury-Viertel zu machen. Mit den Semesterferien im Frühsommer beginnt die größte Massenwanderung junger Menschen in der Geschichte der USA.

Protest gegen den kapitalistischen Mainstream

Jeden Nachmittag um vier parkt ein alter Dodge Truck am Golden Gate Park, beladen mit Aluminium-Kübeln voll dampfender Suppen oder Eintöpfe. Die "Diggers", eine Gruppe anarchistischer Hippie-Aktivisten, verteilen kostenloses Essen für mittellose Blumenkinder – aus Abfalltonnen gefischte Wohlstandsreste, abgelaufene, von Supermärkten gespendete Lebensmittel, Einkäufe, finanziert mit Geld, das die "Diggers" Marihuana-Dealern abknöpfen.

Für ein paar Monate stellen die "Diggers" und Gleichgesinnte eine egalitäre Schattenwirtschaft auf die Beine, die das kapitalistische Mainstream Amerika ad absurdum führen soll. Ein "Free Banker" verteilt lächelnd Dollarscheine an Bedürftige. In einer "Free Clinic" werden Kranke kostenlos ärztlich behandelt – darunter viele Drogenopfer nach "bad trips". Im "Free Store" der "Diggers" kann man sich umsonst mit gebrauchter Kleidung, Schuhen und allem möglichen anderen eindecken.

Hippie-Tourismus

Doch das Haight-Ashbury verkommt im Laufe des Jahres 1967 immer mehr zu einem Zirkus, zu einer Karikatur seiner selbst. Stündlich karren Busse staunende Touristen durch das Viertel. Die Sightseeing-Fahrt wird angepriesen als "die einzige fremdländische Tour innerhalb der USA".

In den verschwiegenen Ecken der Parks und Nebenstraßen zeigt sich ein anderes Gesicht: Dort werden jetzt harte, rasch süchtig machende Drogen gedealt – Speed, Kokain, Heroin und Pervitin, der gefährlichste Stoff der Hippie-Zeit. Zwei Dutzend Undercover-Agenten der Drogenfahndung operieren im Haight. Und statt im LSD-Rausch mystische Erfahrungen zu suchen, schreibt ein Soziologe, benutzten viele die Droge als "chemischen Vorschlaghammer, um aus ihren Panzern auszubrechen".

Hippies in den Medien

"Die Hippies schlagen zurück", frohlockt ein Fernseh-Reporter in routiniertem Überschwang, am 6. Oktober 1967. Im Morgengrauen tragen die "Diggers" in theatralisch überhöhter Trauer eine lebensgroße Puppe im offenen Sarg die Haight Street entlang. Auf einer Wiese im Buena Vista Park verbrennen sie sie, samt allerlei Hippie-Ketten und Kleidern, Blumen und Marihuana-Briefchen. Das ist das symbolische Ende des kurzen Lebens von "Hippie – dem Sohn der Medien". Er wurde zum Opfer seiner eigenen Popularität.

Doch die Gesellschaftskritik der Hippies ist alles andere als tot. Im Sommer 1969 trägt das enorme Medienecho des Woodstock-Festivals die Botschaften der Hippiebewegung um die ganze Welt. Nur dort, wo alles begonnen hatte, in San Franciscos Haight-Ashbury-Viertel, ist die Zeit der Blumenkinder endgültig vorbei.

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