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Rezension von Michael Au

Hanns-Josef Ortheil beschreibt bereits zum dritten Mal eine Reise mit seinem Vater. Dieses Mal ist es die wichtigste, literarisch wie biographisch, es wirkt ein wenig als würde ein in einer außerirdischen Bibliothek aufgewachsener Kaspar Hauser zur Landung auf der Erde ansetzen.

Das Buch spielt im Jahr 1967. Aber es gibt keine Beatles, keine Studentenrevolte. Stattdessen einen verunsicherten jungen Mann, der spät sprechen gelernt hat, aber früh schreiben und Klavier spielen. Der Pianist werden möchte und mit seinem Vater den europäischen Bildungshorizont abwandert.

Zwischen Odyssee und Penny Lane erzählt Ortheil von einer Jugend, die vom Off ins On führt.

Ein Jugendlicher wird nicht nur zum Mann, sondern auch zum Schriftsteller

Es ist der Juli des Jahres 1967. Ein heißer Sommer, der sich für immer in das Leben von Hanns-Josef Ortheil einbrennen wird. Es sind die Tage, in denen der Jugendliche zum Manne reift. Es sind die Wochen, in denen der manische Schreiber zum veritablen Schriftsteller wird.

Denn vor allem darum geht es im jüngsten Roman des Erfolgsautors: um die Bewahrung der eigenen Existenz im und durch das Schreiben.

Auf ein langes Schweigen folgen viele Worte

Die nachgerade manische Fixierung auf das gesprochene und geschriebene Wort, die hier zum Ausdruck kommt, insbesondere auch mit Blick auf die schiere Textmasse des Buchs, wird begreifbar nur auf dem Hintergrund von Ortheils Lebensgeschichte.

Immer wieder hat er darüber geschrieben, am großartigsten in seinem autofiktionalen Roman „Die Erfindung des Lebens“. Darin erzählt er von seinem Alter Ego Johannes Catt, der in einer stummen Symbiose mit seiner Mutter aufwächst. Der Verlust von vier Söhnen in der Kriegs- und Nachkriegszeiten hat sie verstummen lassen – und mit ihr den Sohn.

Für einige Wochen geht der Vater mit dem hilflosen Kind aufs Land, dorthin, wo er selbst aufgewachsen ist, und allmählich findet der Sohn zum Wort, zur Sprache. Von da notiert er Tag für Tag, was er sieht und hört, um gegen die tiefsitzende Angst anzuschreiben, die Sprache eines Tages wieder verlieren zu können.

Ein junger Mann, kleinlaut und verunsichert

So erleben wir auch in der Mittelmeerreise einen zutiefst verunsicherten, aufgewühlten jungen Menschen, dessen Grundmelodie in Leben und Schreiben „gemischte Gefühle“ sind, wie er das nennt:

Kleinlaut ist der junge Hanns-Josef Ortheil, der sich im Buch als Johannes vorstellt, nur zu Beginn der Reise. Aber das legt sich mit jedem Tag mehr, besteht er doch an Bord des Frachtschiffs Albireo das größtmögliche Abenteuer: die Konfrontation mit dem eigenen Ich.

Dabei helfen ihm jene, die ihn zugleich herausfordern: der Steward, der Funker, der Erste Offizier, der Kapitän, also all jene, welche die Besatzung des Schiffes bilden, ein sozialer Mikrokosmos der ganz besonderen Art. Jeder mit seiner eigenen Geschichte, mit seinen eigenen Marotten. Starke Persönlichkeiten allesamt, an den sich Johannes reibt – und dadurch immer mehr zu dem vordringt, was ihn selbst ausmacht.

Starke Persönlichkeiten helfen ihm beim eigenen Reifeprozess

Dass er auf dergleichen nicht vorbereitet war, vertraut er am 14. Juli 1967 seinem Tagebuch an:

Und natürlich ist da auch der gleichermaßen gütige wie dominante Vater, der auf dieser Reise so anders ist, als Johannes ihn kennt. Aus dem reservierten Pedanten mit klaren Grundsätzen wird beinahe ein Bohemien, ein Künstler, der unablässig zeichnet, Duz-Freundschaften schließt und das Kultbuch der aufbegehrenden Jugend jener Zeit liest: den „Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger.

Überhaupt die Literatur: Sie wird zu einem Leitmotiv dieses Romans, und wie Ortheil davon erzählt, muss jeden Bibliomanen entzücken.

Es geht um Henry Miller und Hermann Hesse, um Goethe und Hemingway. Vor allem aber geht es um die Odyssee. Vater und Sohn wähnen sich auf den Spuren von Homers mythischer Gestalt. Und das mit Recht – nicht nur in einem geographischen Sinne. Vielmehr sind Vater und Sohn auf einer Art Irrfahrt, die all ihre Sinne beansprucht.

Die Heilkraft des geschriebenen Wortes

Lesen und Schreiben: Sie machen Johannes' Leben aus. Alles andere ist äußerlich und damit jene Fremdheit, die es zu überwinden gilt. In seinem Reisetagebuch notiert er am 12. Juli 1967:

Doch obwohl das Schreiben für ihn im Wortsinne lebensnotwendig ist, denkt er beileibe nicht an eine literarische Karriere.

Er möchte Pianist werden, nichts anderes als Pianist. Und tatsächlich hatte Hanns-Josef Ortheil, der musikalisch hochbegabt war und ist, diesen Weg eingeschlagen, ehe ihn eine Sehnenscheidenentzündung zum Aufgeben zwang.

Zwischen Schreiben und Klavier vergisst er fast das Leben

So vieles passiert unerwartet – im Leben und in der Literatur, und so kommt es, dass Johannes auf der Mittelmeerreise Dinge tut, die er noch Tage zuvor entschieden abgelehnt hatte. Er trinkt Alkohol, geht in Griechenland in einen Club, verliebt sich in eine bezaubernde Griechin und beginnt sich für die Beatles zu interessieren, obwohl bis dato andere als klassische Musik für ihn nicht infrage gekommen war.

Er macht dies alles nicht aus sich heraus, sondern von dem acht Jahre älteren Steward Denis dazu angetrieben. Jener Denis führt ihm schonungslos vor Augen, welch unsinnliches, nahezu autistisches Leben Johannes führt. Der Preis von dessen kontemplativer Versenkung ins Schreiben und Klavierspielen sei, dass das Leben schon in seiner Jugend an ihm vorbeirausche. Nach anfänglichem Leugnen stimmt Johannes ihm zu:

Am Ende der Reise steht der Abschied von einem alten Ich

Am Ende der rund dreiwöchigen Reise kann Johannes so viel mehr als zuvor. Er hat es sich erarbeitet. Er ganz allein. Er verlässt die Albireo als ein Anderer. Wie der damals 16-jährige Hanns-Josef Ortheil einen solchen Prozess literarisiert, beeindruckt zutiefst. Was für ein Talent!

Man kann sich verwundert die Augen darüber reiben, dass in der „Mittelmeerreise“ die gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit, also das Aufbegehren von Teilen der Jugend in vielen westlichen Staaten, so gar keine Rolle spielen. Doch dies zu kritisieren, hieße zu verkennen, dass da ein Jugendlicher seinen ganz eigenen Kampf um Emanzipation führt.

Dass der heute 67-jährige Hanns-Josef Ortheil seine damaligen Textdokumente nicht frisiert hat, ist gut und konsequent.

Fraglos jedoch hätte dem Buch eine deutlich reduzierte Fassung gut getan. So vieles darin ist klug gedacht und beeindruckend beschrieben. So vieles aber auch ist redundant und manieriert. 636 handlungsarme Seiten sind leider deutlich zu viel des Guten.

Gleichwohl: Man kann die Mittelmeerreise als Geburt eines Schriftstellers von Rang lesen. Das lohnt allemal die Lektüre.

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