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Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
Der 60-jährige George Saunders gehört zu den Meistern der zeitgenössischen amerikanischen Short Story. Jetzt hat er seinen ersten Roman vorgelegt: „Lincoln im Bardo“ hat 2017 den renommierten Man Booker Prize gewonnen: ein Meisterwerk, eines der wichtigsten Bücher des Jahres.

Es geht ums große Ganze: Saunders feiert die Schönheit des Lebens. Und er tut dies auf höchst ungewöhnliche Weise, indem er nämlich vom Tod erzählt. Dafür nimmt er eine wahre Begebenheit zum Anlass.

Ein erzählerischer Dreh bringt die Handlung ins Rollen

Mitten im amerikanischen Bürgerkrieg stirbt in einer Februarnacht des Jahres 1862 Willie, der elfjährige Sohn des Präsidenten Abraham Lincoln an Typhus. Gramgebeugt, auch das ist historisch verbürgt, kehrt Lincoln nach dem Begräbnis nachts allein zur Gruft zurück, um den Sarg zu öffnen und den geliebten Sohn noch einmal in den Armen zu halten.

Und hier setzt der geniale erzählerische Dreh von Saunders ein: Willie ist nämlich noch nicht ganz tot. Er hängt sozusagen in einem Durchgangsstadium fest: einer Art Schattenreich, das die Buddhisten - nach dem Tibetischen Totenbuch - den „Bardo“ nennen. Dabei handelt es sich um eine Art Zwischenreich, einen Zustand zwischen diesseitigem Leben und Wiedergeburt beziehungsweise echtem Jenseits.

Im Bardo herrscht einige Unruhe

In christlicher Tradition ist der Bardo vergleichbar mit dem Limbus und dem Fegefeuer, doch hier nimmt Saunders eine bedeutende Veränderung vor: Wer wohin geht, das entscheidet keine göttliche Gnade oder Ungnade, sondern der freie Wille der Bewohner des Zwischenreichs. Das sorgt für eine gewisse Unruhe unter den Geistern: Die meisten wollen nicht wahrhaben, dass sie gestorben sind und streben mit allen Mitteln zu ihrem Erdenleben zurück.

Etwa 160 Stimmen sind zu einem großen Erzählchor collagiert

Saunders bevölkert seinen Bardo mit fast unübersichtlich vielen Untoten: Rund 160 verschiedene Stimmen sind im Roman zu hören, die in den unterschiedlichsten Tonlagen und Soziolekten sprechen - kongenial aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Frank Heibert.

Die Stimmen bilden eine Art Querschnitt durch die amerikanischen Bevölkerung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie sind der groß orchestrierte Erzählerchor, der aus unzähligen Perspektiven vom Geschehen berichtet. Saunders gelingt es, dieses Geschnatter zu einem einzigen Klangwunder zu collagieren, so dass man als Leser trotz dieses ungewöhnlichen narrativen Prinzips in einen eigenartigen Sog gerät und den vielen Stimmen gut folgen kann.

Die drei "Hauptgeister" im Bardo

Zur Orientierung dienen allerdings auch drei „Hauptgeister“, die treibenden Kräfte im Roman: Hans Vollmann, ein Drucker, der als Mittvierziger eine sehr junge Frau heiratet und überaus behutsam und geduldig mit ihr umgeht, was den ehelichen Vollzug angeht. Als sie nach Jahren dazu bereit ist, fällt ihm ein Balken auf den Kopf. Dass Vollmann fortan mit einer Dauererektion durch den Bardo geistert, ist eine von vielen grotesk-komischen Pointen des Romans.

Roger Bevins wiederum hat homosexuelle Neigungen, wird jedoch von seinem Angebeteten verschmäht und begeht Selbstmord. Schließlich gibt es noch, als dritten „Hauptgeist“, einen Geistlichen: Revernd Everly Thomas, der als einziger weiß, dass er tot und rätselhafter Weise verdammt ist und dass das Schlimmste noch kommt.

Die Liebe zwischen Vater und Sohn steht im Zentrum

Das Herzstück in diesem vielstimmigen Chor aber bildet die zutiefst anrührende Vater-Sohn-Geschichte: Die väterliche Liebe Abraham Lincolns zu seinem Sohn und die fast unerträgliche Trauer über den Verlust. Es ist eine Geschichte, in der es ums Loslassen-Können geht – und um Erlösung. Dass Lincoln nach Willies Begräbnis in der Nacht zur Gruft zurückkehrt, um den Sohn noch einmal in den Armen zu halten: Diese Geste tiefster Zuneigung eines Lebenden für einen Toten euphorisiert und belebt die Geister im Bardo.

Sie wollen Willie fortan helfen, dieses für Kinder besonders gefährliche und triste Zwischenreich zu verlassen. Drei Anläufe und eine rasante, filmreife Verfolgungsjagd brauchen sie, bis das gelingt: Sie schlüpfen in das Bewusstsein des Präsidenten, um ihm den Gedanken zuzuflüstern, das tote Kind gehen zu lassen. Auch Willie selbst kann in seinem Zustand „in den Vater hineingehen“, um von ihm schließlich zu erfahren, dass er seinem Sohn einen hellen Ort jenseits des Bardo wünscht, einen Platz, an dem man nicht leidet.

Die persönliche und die politische Krise Lincolns

Die persönliche Krise um den Tod des Sohnes verknüpft Saunders im Roman mit der großen politischen Krise des Präsidenten Lincoln im amerikanischen Bürgerkrieg. Die Geisterstimmen lassen auch ein großes Panorama der blutigen Kämpfe um die Einheit des Landes erstehen: die vielen Toten, das Grauen des Krieges, die Praxis der Sklaverei: alles kommt im Bardo vor und gibt dem Roman eine zusätzliche politische Dimension. Als Lincoln den Tod des Sohnes endlich anerkennen kann, findet er auch die Kraft, Verantwortung für die vielen gefallenen Söhne des Landes zu übernehmen.

Zahlreiche historische Quellen bereichern den Roman

Historische Wahrheit, auch das das lehrt dieser Roman auf subtile Art, ist immer höchst subjektiv. Denn Saunders lässt nicht nur die Geister zu Wort kommen, sondern auch echte und fiktive Zeitzeugen. Er bedient sich dabei einer beeindruckenden Fülle historischer Quellen. Die Geistergeschichte, so erklärte Saunders in einem Interview, habe er auf diese Weise „erden“ wollen. Zugleich entlarvt er ebenjene Subjektivität historischer Berichte.

Über den Mond in der Todesnacht Willies heißt es in den Zeitzeugenberichten wahlweise, dass er gleißend hell und voll geschienen habe, dass er gelbrot, silbern, grün oder blau war oder dass es eine mondlose Nacht gewesen sei. Auch über Lincolns Äußeres gibt es zahlreiche widersprüchliche Aussagen. Den historischen Roman legitimiert Saunders so in seiner besonderen, ganz eigenen Wahrhaftigkeit.

Saunders gelingt es, Kitsch zu vermeiden

Man kann „Lincoln im Bardo“ vordergründig als einen Geisterroman lesen, zum Teil von großer grotesker Komik.  Doch eigentlich ist es eine Geschichte, die von uns, von den Menschen, handelt: ein zutiefst humaner Roman, der den Blick aus dem Totenreich hinaus wieder auf das Leben richtet: auf die großen und kleinen Dinge, die eben dieses Leben ausmachen. Das kann schnell kitschig werden, aber Saunders gelingt es, den Kitsch völlig zu vermeiden.

Denn er gibt Einsicht in die Vergänglichkeit und schreibt zugleich eine Hymne ans Leben. Roger Bevins, der unglückselige Homosexuelle, der sich am Ende entschließen kann, das Leben endlich ganz loszulassen und ins unbekannte Jenseits überzutreten, erinnert sich noch einmal an die „Dinge der Welt“, die ihn so lange „festhielten“:

Ein großer Roman über die Liebe, über Verlust, Trauer und Mitgefühl

Saunders selbst hat Thornton Wilders fabelhaftes Stück „Unsere kleine Stadt“ erwähnt, in dem es um die Schwierigkeit geht, "das Leben zu verstehen, während man lebt". Sein Roman erinnert aber auch an das größte Totengespräch der Weltliteratur: an Dantes „Göttliche Komödie“. Auch dort sind unzählige Schicksale versammelt, das unendliche Glück wie das unendliche Leid, in überwältigender Vielstimmigkeit.

George Saunders' „Lincoln im Bardo“ ist ein großer Roman über das Leben, die Liebe, über Verlust, Trauer und Mitgefühl, dem man gerade in diesen Zeiten der grassierenden Hate-Speech viele Leser wünscht.

 

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