SWR2 Buch der Woche vom 25.12.2017

Hans Joas: Die Macht des Heiligen

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Das Heilige ist nicht abgeschafft. Im Gegenteil: Es besitzt Macht! Diese These vertritt der Sozialphilosoph Hans Joas in seinem neuen Buch. Nicht nur zu Weihnachten stellt sich die Frage nach der Entzauberung alles Heiligen in der Moderne.

Was feiern wir eigentlich, wenn wir religiöse Feste begehen? Wie viel Religion steckt in unserem modernen Alltag? In seinem Buch "Die Macht des Heiligen" zeigt Hans Joas, wie das Heilige bis in unsere Zeit wirkmächtig ist. Ein historisch fundiertes, thesenstarkes und wichtiges Buch!

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Man kann auch ohne religiöses Bewusstsein moralisch verantwortlich handeln

Als international geachteter Soziologe und Sozialphilosoph beschäftigt Hans Joas besonders die Religionssoziologie. „Kirche als Moralagentur?“ lautet einer seiner provokativsten Buchtitel. Nun hat er eine neue Publikation herausgebracht. Darin geht es um nichts Geringeres als um die „Macht des Heiligen“.

Zum Ersten hätte die Geschichte gezeigt, dass Menschen ohne religiöses Bewusstsein sehr wohl moralisch verantwortlich agieren könnten.

Der Atheismus breitet sich nicht mehr ungebremst aus

Zweitens aber sei es heute einsichtig, dass eine atheistische Lebens- und Geisteshaltung keineswegs als „avantgardistisch“, also als zukunftsweisend für die Gesellschaft wie den Einzelnen zu gelten habe. Freilich, in einer globalisierten Welt sind die verschiedenen Haltungen, auch in Sachen Religion, schwer unter einen Hut zu bekommen, doch selbst in den westlichen Industriestaaten könnte man heute kaum noch von einem ungebremsten und vor allem unwidersprochenen Fortschreiten des Atheismus reden.

Max Webers "Entzauberung der Welt" setzt eine "Verzauberung" voraus

Was hat sich geändert? Welcher These muss man heute entgegentreten? In erster Linie ist es der Begriff von der „Entzauberung der Welt“, den der Soziologe Max Weber 1917 postuliert hat. Nach Weber zeigt sich im Zuge der Aufklärung der Wille zum rationalen, wissenschaftlichen Denken, der letztlich Vorstellungen an eine höhere Macht, an das Heilige, ja, an Transzendenz obsolet macht.

Joas fragt zurecht: Wenn eine „Entzauberung“ stattgefunden hat, dann muss es einmal auch eine „Verzauberung“ der Welt gegeben haben. Aber wann? Sicher: Ritus, vermischt mit Aberglaube und Magie mag man im Mittelalter verorten, doch etwa die Scholastiker von damals gingen bei ihren Gottesbeweisen rational vor, lieferten Abhandlungen mit Hilfe der Logik.

Natürlich gilt auch hier das Wort Anselm von Canterburys: „Fides quaerens intellectum“ – Glaube, der nach Einsicht sucht. Doch es ist eben der „Intellekt“, der die spirituelle Einsicht bringt. Hans Joas will auf eines hinaus: Ver- und Entzauberung sind ein Begriffspaar, das weiterhin diskursfähig ist. Anders gesagt: Wo „Verzauberung“, also religiöse Gesinnung ist, da ist auch „Entzauberung“, als rationaler Widerspruchsgeist – und das gilt vice versa.

Auch heute ist der Dialog zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen wichtig

Hans Joas geht in seinem Buch chronologisch vor: Zuerst untersucht er religionskritische Ansätze bei dem schottischen Aufklärer David Hume und Johann Gottfried Herder. Bei aller Religionskritik hätten beide das Selbsterleben religiösen Gefühls als einen anzuerkennenden Sachverhalt dargestellt und dieses Erleben als konstituierend für moralisches Verhalten eingestuft. Für Joas ist aber eines enorm wichtig: Hume wie Herder suchten einen Weg zu gehen, der Gläubige wie Nichtgläubige in einen Dialog einbindet. Das ist eine Strategie, die natürlich auch für unsere Zeit nicht zu unterschätzende Bedeutung hat.

Ein anderer Autor, den Joas als Gewährsmann für die bleibende Bedeutung von religiösen Fragestellungen anführt, ist der amerikanische Psychologe und Philosoph William James – der Bruder des Schriftstellers Henry James. Trotz der eingeforderten rationalen Praxisorientierung allen menschlichen Handelns und Denkens verteidigte James den intuitiven, spirituellen Charakter religiöser Anschauungen.

Der Glaube als persönliche Erfahrung wirkt auch auf das soziale Leben

Glaube sei erst einmal eine zutiefst persönliche Erfahrung, die aber eben auch in der religiösen Gemeinschaft, etwa bei Feierlichkeiten in der Kirche, zum Ausdruck kommt. Und das, was diese Gemeinschaft an „Ideen“ und Werten festlegt, habe eben Auswirkungen auf den Bereich von Moral und Ethik, also auf das soziale Leben.

Auch heute spielen Werte, die Religionsgemeinschaften formulieren, ja keine geringe Rolle. Das reicht vom Hunger in der Welt bis zur Akzeptanz von Leihmutterschaft.

Argumente aus dem Bereich der Religion können meinungsbildend sein

Sicher, das Für und Wider etwa zu biogenetischen Problemen muss der Gesetzgeber regeln, aber Argumente, die auf religiöser Basis formuliert werden, können im öffentlichen Diskurs meinungsbildend sein. Damit ist für den Soziologen zweierlei klar: Religion spielt im öffentlichen Leben eine nicht unbedeutende Rolle – selbst im industrialisierten Westen. Und mit ihrem mathematischen bis sozialhistorischen Methodenbaukasten nimmt die Soziologie eine Mittelstellung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ein.

Sie ist daher geradezu dafür geschaffen, die Stellung von Religion und Glauben in unserer Gesellschaft „objektiv“ darzustellen. Es gibt aber für Hans Joas noch etwas in Sachen Religion, das enorm gesellschaftlich relevant ist: Menschen denken und agieren nicht nur aufgrund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern das Zusammenleben wird durch Ideen und „Ideale“ geregelt und vorangebracht. Dieses „Faktum der Idealbildung“, wie Joas es nennt, fußt wesentlich auf Vorstellungen, die Religionen herausbilden. Genau dies ist die „Macht des Heiligen“, die nichts und niemand ersetzen kann.

Hans Joas zeigt also, dass die Auseinandersetzung mit Religion keineswegs in der Schublade der Vergangenheit verschwunden ist. Denn das „Verhältnis von Sakralität und Macht, Religion und Politik“, wie Joas schreibt, bleibt ein spannendes, gesellschaftsrelevantes Feld. Es konstituiert sich zwar immer neu, wird aber als solches keineswegs verschwinden.

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