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Alle Welt kennt Heinrich Schliemann, den Ausgräber von Troja.
Aber wer kennt Robert Koldewey?

Alle Welt kennt Lawrence von Arabien, den britischen Abenteurer und Spion.
Aber wer kennt Gertrude Bell?

Babylon – das antike Zentrum im Zweistromland. 90 km südlich von Bagdad gelegen. Der Architekt Robert Koldewey grub die versunkene Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Teile des prächtigen Ischtartors und der Prozessionsstraße von Nebukadnezar II. ließ er nach Berlin verschiffen, wo man die Funde bis heute im Pergamonmuseum sehen kann.

Die Altorientalistin Kenah Cusanit hat recherchiert und mit "Babel" einen klugen, lebensweisen und subtil witzigen Roman über Koldewey und sein Grabungsprojekt geschrieben.

Unverbrauchte historische Romanfiguren

Über Schliemann und Lawrence von Arabien sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Sie neuerlich zu Romanhelden machen zu wollen, wäre also wenig originell.

Robert Koldewey und Gertrude Bell hingegen! Diese beiden sind als Romanfiguren gänzlich frisch und unverbraucht. Sie sind interessant, sie machen den Leser neugierig: Der Ausgräber von Babylon und die britische Abenteurerin und Geheimagentin!

Kenah Cusanit ist eine echte Orient-Expertin

Mit der Wahl der Helden ihres Debütromans "Babel" hat die Berliner Autorin und Journalistin Kenah Cusanit jedenfalls schon mal ein gutes Händchen bewiesen.

Da Kenah Cusanit altorientalische Sprachen und Ethnologie studiert hat und sich für Archäologie interessiert, liegt auch der Erzählstoff ihres Roman-Erstlings nahe: "Babel" handelt vom bedeutendsten archäologischen Ausgrabungs-Abenteuer der Deutschen im Orient.

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Die Entdeckung der Babylon-Ruinen war Teamarbeit

Erzählt wird, wie der deutsche Architekt Robert Koldewey vor hundert Jahren in Mesopotamien die Ruinen der biblischen Stadt Babylon ausgrub und welche Rolle die legendäre englische Orient-Strippenzieherin Gertrude Bell bei der Sicherung der deutschen Grabungsfunde spielte.

Ohne sie würde es die Rekonstruktionen des Ischtar-Tores und der Prozessionsstraße von Babylon im Berliner Pergamon-Museum wohl nicht geben.

Bunte Anekdoten treffen auf biblische Mythen

Der Roman hat die Gestalt einer ebenso gelehrsamen wie unterhaltsamen, mitunter saukomischen Babel-Rhapsodie. Ein komödiantisches Meisterwerk ist der Autorin auf Anhieb gelungen. Genüsslich lässt sie sich auf die farcenhaften Episoden ein, an denen das Grabungsunternehmen am Euphrat so reich ist.

Doch mit leichter Hand und wie nebenbei bringt sie auch alle wichtigen Fakten zur Stadt- und Ausgrabungsgeschichte Babylons im Erzähl-Fluss unter, ebenso die Mythen, die sich seit biblischen Zeiten um den Turm von Babel ranken.

Die Archäologie als Barometer der politischen Großwetterlage

Ganz en passant wird auch der Babel-Bibel-Streit angetippt, der sich damals an der Entzifferung der mesopotamischen Keilschrift-Texte entzündete.

Zugleich verliert Cusanit die konfliktreiche politische Lage im Vorderen Orient nicht aus dem Blick – schließlich spielt der Roman im Jahr 1913, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Damals war auch das Feld der Archäologie politisch aufgeladen.

Im Grabungswettstreit, den sich Engländer, Franzosen und Deutsche auf dem Boden des morschen Osmanischen Reichs lieferten, brachten sich bereits die späteren Weltkriegs-Kontrahenten in Stellung. Die europäische Konkurrenz um die Trophäen-Ausbeute, die den Osmanen vorenthalten wurde, hatte außerdem Merkmale eines Kolonialkriegs.

Der Humor kommt in Cusanits Roman nicht zu kurz

Das Hauptinteresse des Romans gilt jedoch Robert Koldewey, dem ebenso genialen wie kauzigen Grabungsleiter. Für Cusanit ist er, bei allem Respekt für sein Genie, vor allem ein komischer Held – ein Sonderling mit schrulligem Humor und zudem ein begnadeter Hypochonder.

In der ersten Romanhälfte verharrt er, ein orientalischer Oblomow, regungslos in der Bettnische seines Arbeitszimmers mit Blick auf den träge fließenden Euphrat und seine träge werkelnden Assistenten, darunter Buddensieg, dessen servile Betulichkeit ihm besonders auf die Nerven geht.

Versunken in die Betrachtung der Stapel unbeantworteter Briefe und umstellt von 500 versandfertigen Kisten mit zehntausenden farbigen Reliefziegeln, kokettiert Koldewey mit einem vagen Schmerz und liebäugelt halb ironisch mit der Möglichkeit einer Blinddarmentzündung.

Eine tiefe Beziehung verbindet den Deutschen mit der Agentin

In der zweiten Hälfte belebt er sich wundersam bei der Nachricht, Miss Bell sei im Zuge ihrer mysteriösen Nahost-Missionen auf der Grabung eingetroffen und erwarte ihn beim Turm von Babel, den er erst kürzlich gefunden hat.

Koldewey eilt Miss Bell entgegen: Für den Fall einer deutschen Niederlage im kommenden Krieg wird er die deutschen Schatzkisten der Obhut der englischen Spionin anvertrauen.

Als Leser kann man das jähe Romanende nur bedauern. Man hätte gerne noch viel mehr über die phantastische Miss Bell erfahren.

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