Buch der Woche vom 15.01.2017

Aus dem Spanischen von Thomas Brovot

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Aus dem Spanischen von Thomas Brovot

16 krachend alltagsrealistische Geschichten aus Kuba. Ángel Santiesteban erzählt darin von der Flucht außer Landes und von Gefängnishaft. Es geht um Gewalt, Diebstahl, Drohungen, Denunziation, Missbrauch von Schwächeren. „Wölfe in der Nacht“ ist wunde Prosa. Hart und direkt erzählt, dabei präzise und sprachlich sehr kontrolliert.

Der Kampf um die Existenz als Kern der Geschichten

In diesen 16 Geschichten aus Kuba geht es um alles – stets steht die pure Existenz auf dem Spiel. In dem Land, von dem Ángel Santiesteban erzählt, sterben Menschen hinter Gefängnismauern und bei der Flucht über das Meer, sie sterben fern der Heimat als Revolutionssoldaten in Angola, und sie riskieren ihr Leben beim Diebstahl von Tabak oder Nahrungsmitteln. Aber schließlich wollen diese Männer – es sind meist Männer bei Santiesteban, dass ihre Familien durchkommen. Wenn nirgendwo Essbares zu kaufen ist, bleibt manchmal nur, das Schlachtvieh auf dem Land aufzuspüren.

Wie ein wildes Rudel stürzt sich in der titelgebenden Erzählung „Wölfe in der Nacht“ eine Gruppe Männer auf ihre Beute und schneidet den noch lebenden Tieren das Fleisch aus dem Leib. Nach einer Stunde Metzelei werden die blutigen Brocken in Tüten gepackt und in Säcken verstaut. Dann ziehen die Schlächter zurück in die Stadt. Die wenigsten haben indes Glück und bringen ihre Beute an der Polizeikontrolle vorbei. Dem gewieften Erzähler gelingt das zwar, aber zu Hause wartet nicht nur die ausgehungerte Familie. Auch die Nachbarn klopfen an die Tür – mit einem Teller in der Hand. - Wer nicht denunziert werden will, der gibt besser etwas ab.

„Wölfe in der Nacht“ ist eine der besten Geschichten dieses Bandes. Santiestebans drastische Prosa erinnert zuweilen an die Romane des US-Amerikaners Cormac McCarthy. Die mitleidlose Härte – anderen und auch sich selbst gegenüber – ist der Preis, den jeder Einzelne für das Überleben zahlen muss. So eindringlich wie Ángel Santiesteban erzählt in Kuba niemand sonst von diesem Kampf und zugleich von einer existenziellen Verlorenheit.

Ein Autor, der politisch Stellung bezieht

Trotzdem oder vielmehr gerade deswegen ist Ángel Santiesteban, der 1966 in Havanna geboren wurde, vom gefeierten zum verfemten Autor geworden. Als wohl begabtester Schriftsteller seiner Generation wurde er zunächst mit den wichtigsten Literaturpreisen des Landes ausgezeichnet. Aber Santiesteban ließ sich nicht zum Komplizen des Systems machen.

Im Gegenteil: In seinem Blog „Die Kinder, die niemand wollte“ kritisierte er die politischen Zustände in Kuba immer vehementer. Die Mächtigen im Land rächten sich. Sie erfanden eine absurde Anklage, bei der Santiestebans frühere Ehefrau eine unrühmliche Rolle spielte, und verurteilten den Autor 2013 zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe.

In der Geschichte „Mandela, sie kommen dich holen“ hat Santiesteban, der nach Intervention des seinerzeitigen deutschen Außenministers Steinmeier im Juli 2015 auf Bewährung frei kam, seine Hafterfahrungen verarbeitet. Er erzählt von Hungerstreik und Aufstand, aber auch davon, wie am Ende die Gefängnismaschinerie über den Einzelnen triumphiert.

Die jüngste Erzählung des Bandes, die 2013 während der Haft entstand, ist dabei nicht die einzige, die den Alltag hinter Gittern zeigt. In der Erzählung „Die Sau“ werden Angst, Erniedrigung und absolute Ohnmacht thematisiert. Ein Neuankömmling, ein kleiner, dicker Junge, der nur „die Sau“ genannt wird, muss zwei älteren Insassen als Bettgefährte zu Diensten sein. So erkauft er sich ein wenig Schutz.

Santiesteban erzählt Geschichten, die auf eigenen Erfahrungen basieren

Ángel Santiesteban war gerade einmal 17 Jahre alt, als er selbst zum ersten Mal inhaftiert wurde. Er hatte anderen bei der Flucht außer Landes geholfen. Im Gefängnis, so sagt er, sei er zum Schriftsteller geworden. Denn hier habe er erlebt, wie Macht auf extreme Weise missbraucht wurde. Fortan schrieb er gegen das Regime in Havanna an.

Etwa die Hälfte der jetzt erstmals auf Deutsch veröffentlichten Erzählungen erschien auch in Kuba. Die unklare Publikationspraxis gehört zu den Wunderlichkeiten des kommunistischen Systems. Oft ist es ein Wechselspiel aus Zugeständnis und Drohung. Das Nachwort des Autors Abilo Estévez gibt ein Bild davon.

Der Druck der Verhältnisse wird für den Leser körperlich erfahrbar

Die Erzählung, die so heißt wie Santiestebans Blog „Die Kinder, die niemand wollte“, ist in Kuba 2001 erschienen. Eine Gruppe von jungen Männern macht sich darin voller Hoffnung, mit leuchtenden Augen auf den Fluchtweg nach Florida. Doch Ángel Santiesteban schreibt keine Geschichten, in denen sich große Wünsche erfüllen.

Bald wird das kleine, behelfsmäßige Floß im vom Sturm aufgepeitschten Meer wie ein Spielzeug hin- und hergeworfen. Am Ende geht es deshalb für die Besatzung nicht mehr darum, die Küste Floridas zu erreichen. Die Männer wollen nur noch ihr Leben retten.

Ángel Santiesteban hat nach eigener Auskunft nie daran gedacht, Kuba zu verlassen. Er ziehe das Gefängnis dem Exil vor, sagt er. Und so bleibt er der Autor, der so kompromisslos und genau wie kein anderer im Land vom lastenden Druck der Verhältnisse erzählt. Ángel Santiestebans Figuren empfinden diesen Druck so körperlich und intensiv, dass es schmerzt – auch beim Lesen.

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SWR