Buch der Woche vom 01.01.2018

Aus dem Englischen von Zoë Beck

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AUTOR/IN
Eva Karnofsky

Aus dem Englischen von Zoë Beck

Die Geschichte beginnt mit einem Knall: Auf einem Markt im indischen Delhi explodiert eine Bombe. Die Täter gehören einer kleinen islamischen Gruppe an, die die indische Vorherrschaft in Kaschmir bekämpft.

Karan Mahajan erzählt von den Tätern und von den Opfern – er schildert, was sie vor dem Anschlag erlebt haben und wie sie anschließend versuchen, die Explosion zu verarbeiten. Ein wichtiger Roman: politisch wach und spannend erzählt.

Dreizehn Menschen sterben durch eine Bombe

"In Gesellschaft kleiner Bomben" ist ein ungewöhnlicher, mitreißender und spannender Roman. Autor Karan Mahajan spricht darin ein aktuelles politisches Thema an und vermittelt dennoch eine Botschaft, die über die Tagesaktualität hinausgeht.

Er beginnt mit einem Knall: Auf einem Markt im indischen Delhi explodiert eine Bombe. Sie kostet dreizehn Menschen das Leben. Zu den Opfern zählen die beiden halbwüchsigen Söhne des Hindu-Ehepaars Khurana. Doch auch einen muslimischen Jungen trifft es schwer: Der Freund der beiden Khurana-Jungen, der zwölfjährige Mansoor Ahmed, überlebt mit einer Verletzung am Handgelenk, die ihm Zeit seines Lebens Schmerzen bereiten wird. Auch den Bombenleger Shockie lernt der Leser sehr bald kennen. Er und sein Freund Malik gehören einer kleinen islamischen Gruppe an, die für die Freiheit Kaschmirs kämpft.  

Der Erzähler begleitet Täter und Opfer

Ein allwissender Erzähler begleitet sie alle ab dem Moment des Unglücks im Mai 1996 bis ins Jahr 2015. Er wendet sich ihnen kapitelweise zu und erzählt auch, wie sie vor der Bombenexplosion gelebt haben. Er berichtet über Täter und Opfer gleichermaßen sachlich und scheinbar wertfrei -  und das macht das Beeindruckende dieses Romans aus.  So erfährt der Leser, dass auch Shockie und Malik, bevor sie zu Terroristen wurden, zunächst unauffällige Bürger waren.

Dann waren die beiden der Willkür eines korrupten, unfähigen Staats- und Sicherheitsapparates ausgesetzt und wurden ebenfalls zu Opfern. Man empfindet kaum weniger Mitleid mit ihnen als mit den Opfern der todbringenden Bombe. Mitleid mit einem Attentäter – hier bricht Autor Karan Mahajan ein Tabu.

Obendrein leben die Opfer der Bombe genauso wie die Täter in einer Gesellschaft, die Vorurteile gegenüber anderen Ethnien und Religionen mehr schürt als bekämpft. Die Hindu-Familie Khurana und die muslimischen Ahmeds, beide gehören der oberen Mittelschicht an, inszenieren ihre vermeintliche Freundschaft nur, um sich als besonders liberal und fortschrittlich zu präsentieren.

Die Macht der Vorurteile

In ihren Köpfen aber hegen sie sehr wohl die alten Vorurteile. Der Erzähler schildert im Roman immer beides – die Außendarstellung und die Innenwelt der Protagonisten, und meist sind sie keineswegs deckungsgleich.

Der Tod der Khurana-Jungen und die Verletzung Mansoors fördern nicht den Zusammenhalt innerhalb der Familien, sondern stellt diese vor diverse Zerreißproben. Allein mit der detailgenauen und in ihrer Nüchternheit und scheinbaren Distanz einfühlsamen Schilderung der familiären Situation der Khuranas nach dem Tod der Söhne gelingt Karan Mahajan ein Meisterstück. Das Leid - und auch dies Thema traut sich in der Realität kaum jemand auszusprechen - führt im Falle der Khuranas und Mansoors nicht zu gegenseitigem Verständnis.

Ein Roman mit klarer Botschaft

Man wird sich fremd untereinander. Dies wird durch ein gesellschaftliches und politisches System gefördert, das Verbrechen nicht aufklärt, Folter für eine Form polizeilicher Ermittlung hält und seinerseits staatlichen Terror gegen Minderheiten ausübt. Allen Beteiligten wird übel mitgespielt, was Mahajan nicht plakativ-anklagend, sondern sehr subtil bei deren innerer Entwicklung durchscheinen lässt.

Für die Opfer kleinerer Attentate wie das, das die Khurana-Kinder zerfetzt hat, ist in den Medien kein Platz. Es gab davon in den Neunzigerjahren zu viele in Indien und der Anschlag war nicht bedeutend genug. Die Khuranas gründen in ihrer Hilflosigkeit schließlich die Gesellschaft kleiner Bomben, eine Selbsthilfegruppe, der es jedoch nur scheinbar um Gerechtigkeit geht. Und Mansoor wendet sich dem radikalen Islam zu.

Ein spannender Roman

Mahajan hat seine Charaktere sorgfältig und glaubhaft gezeichnet. Er brilliert durch Erzählfreude und eine kühl-lakonische, exakt beschreibende Sprache, die ihre Metaphern zum Beispiel in der Computerwelt findet.

Obendrein versteht er es, Spannung aufzubauen. Seine Botschaft ist klar: Gewalt bringt nur neue Gewalt hervor. Sie zerstört den Menschen und erschwert das Zusammenleben. Selten hat ein Roman dies so eindringlich geschildert. Hochspannend ist er außerdem, denn der Leser möchte wissen, was aus den Khuranas und aus Mansoor und seiner Familie wird. Schließlich hat er für sie alle Empathie entwickelt, weil sie so normal sind, und weder nur gut noch nur böse.

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AUTOR/IN
Eva Karnofsky