SWR2 Buch der Woche vom 04.09.2017

Marcus Braun: Der letzte Buddha

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AUTOR/IN
Thomas Böhm

Marcus Braun, Schriftsteller aus Bullay an der Mosel, lebt in Berlin. Seine Bücher beschäftigen sich schon lange mit dem, was Erfahrungen anrichten können, wie Erinnerung und Erleben sich beeinflussen. In seinem neuen Roman schließt Marcus Braun an seinen gefeierten ersten großen Roman an: "Delhi" spielte in Indien.

Jetzt schickt Marcus Braun seinen Helden, einen Surflehrer, mitten ins Herz des tibetischen Buddhismus, wo er unvermittelt als Heiliger entdeckt wird.

Mit erzählerischer Souveränität wird das komplexe Thema Tibet dargestellt

Der Panchen Lama ist die Wiedergeburt eines angesehenen tibetischen Abtes aus dem 17. Jahrhundert. Bis heute sind der Dalai Lama und der Panchen Lama aufeinander bezogen: Sie müssen sich als Wiedergeburt anerkennen. Als 1989 der Panchen Lama starb, akzeptierten die chinesischen Herrscher Tibets nicht den vom Dalai Lama Erwählten, sondern installierten stattdessen ein Kind kadertreuer Chinesen als Panchen Lama.

Bereits das Skizzieren dieses Hintergrunds zeigt, in welche historischen, politischen und spirituellen Dimensionen Marcus Braun in seinem neuen Buch "Der letzte Buddha" vorstößt. Der Roman beginnt in jenen Tagen des Jahres 1989, in denen der neue Panchen Lama gesucht wird.

Es zeugt von Brauns Erkenntniswillen und seiner erzählerischen Souveränität, dass er den hollywoodreifen Vereinfachungen des Themas "Tibet" keinen Raum gibt. Brauns Schilderung ist distanziert wie detailreich. So behält bei ihm beispielsweise die buddhistische Lehre ihre komplexe Vielgestaltigkeit:

Ein junger Mensch auf Sinnsuche soll der neue Panchen Lama sein

Über diese Figur, die das Tibetische nie erlernen wird, öffnet Braun eine erhellend verzerrte Perspektive. Es handelt sich um Jonathan Daguerre, einen gebürtigen Tibeter, der nach dem Unfalltod seiner Eltern von einem amerikanischen Paar adoptiert wurde. Als junger Erwachsener hat Jonathan seinen Platz im Leben noch nicht gefunden, betreibt seine Sinnsuche wechselweise auf dem Surfbrett und der Therapiecouch.

Bis eines Tages ein Journalist zu ihm kommt, der behauptet, Jonathan sei die vor den Chinesen in Sicherheit gebrachte Reinkarnation des echten Panchen Lama. Eine Vorstellung, die Jonathan davon träumen lassen, ein Messias zu sein:

An solchen Stellen ähnelt Jonathan eher einem gewaltbereiten Fundamentalisten denn einem geistigen Oberhaupt der angeblich friedfertigsten Religion der Welt. Doch: Ist er überhaupt der Panchen Lama? Hatte das Orakel dem Dalai Lama nicht geraten, irgendeinen Jungen zu wählen, um die Chinesen zu täuschen?

Und wenn Jonathan der echte Panchen Lama ist, welchen Einfluss hat dann seine westliche Erziehung auf den tibetanischen Buddhismus? Wie wird Jonathan gegen die Chinesen vorgehen – mit der erträumten Gewalt oder wird er versuchen, sie religiös zu bekehren? Und schließlich: Wo ist der europäische Standpunkt zu all dem?

Der Roman wirft Fragen auf – in Form einer Geschichte

Mit jeder neuen Verwicklung, mit der Braun auf der Handlungsebene Spannung erzeugt, taucht er ganz beiläufig die Ideen von kulturellem Austausch, politischer Hoffnung und religiöser Erleuchtung in ein Säurebad. Ihm ist im wahrsten Sinne nichts heilig.

Europa, das sich so viel auf seine Aufklärung zugute hält, wird im Text als „der dunkle Kontinent“ bezeichnet. Braun schreckt nicht einmal davor zurück, in erlebter Rede den Dalai Lama sprechen und diesen nicht nur über den Panchen Lama Jonathan urteilen zu lassen.

Barack Obama, vom Dalai Lama mangelnder Demut beschuldigt. Eine der vielen Volten, mit denen Brauns Roman auf allen Ebenen – der Sprache, der Handlung, der Konstruktion – aufwartet. So sind an einigen Stellen gar buddhistische Mantren in den Text eingefügt. Liest man sie, stellt sich eine überraschende Nähe von Meditation und Lektüre ein, die das Buch wohl am ehesten erschließt: "Der letzte Buddha" ist eine tiefe literarische Meditation auf die globalisierte Welt, in der Heere von Ideologien, Metaphern, Religionen und Sprachen aufeinanderclashen.

Brauns grandioser Roman wirft viele Fragen auf, formuliert sie aber nicht, sondern stellt sie in Form einer Geschichte, die den Leser geheimnisvollerweise anlächelt wie eine Buddhastatue.

 

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Thomas Böhm