SWR2 Buch der Woche vom 17.07.2017

Jussi Valtonen: Zwei Kontinente

STAND
AUTOR/IN
Pascal Fischer

Jussi Valtonens Roman "Zwei Kontinente" bietet eine spannende, persönliche, ergreifende Leseerfahrung: Ihr tragisches Fazit lautet, dass es aus komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen und determinierten Mustern kaum Entfliehen gibt. Für familiäre Schieflagen wird es deshalb am Ende auch keine vollständigen "Korrekturen" geben. Ganz im Sinne von Jussi Valtonens großem Vorbild Jonathan Franzen. Ein Roman, der gut lesbar und doch nicht zu leicht zu konsumieren ist. Ein Roman, der literarisch so viel bietet, wie der Stoff es verlangt.

Ein Buch voller aktueller Themen zwischen Europa und den USA

Das kleine Finnland hat weniger Einwohner als zum Beispiel Hessen, aber ab und zu bringt es trotzdem beachtenswerte Literaten hervor, die ein Publikum in aller Welt verdienen. Jüngstes Beispiel: Der 1974 geborene Jussi Valtonen, eigentlich Neuropsychologe in Helsinki, hat sein Fach in den USA gelernt, aber ebenso Drehbuch in Großbritannien studiert. Zwei Romane und eine Kurzgeschichtensammlung hat er veröffentlicht, bevor er mit dem Roman „Zwei Kontinente“ nun reichlich Meriten sammelt:
Das meistverkaufte Buch in Finnland 2014, Shadow Finlandia Preis; die Rechte sind nach Frankreich, in die Niederlande und in die angelsächsische Welt verkauft worden. Das liegt nicht nur an der Handlung, die zwischen Europa und den USA spielt, sondern auch an vielen aktuellen Themen und der Anlehnung an ein großes Vorbild Valtonens, vermutet Pascal Fischer.

Jonathan Franzen hat einmal gesagt, Familiengeschichten eigneten sich deshalb so gut für Romane, weil sich mit ihnen viele unterschiedliche Lebensläufe, Innenwelten und Diskurse zusammenbinden ließen. Das gilt nach wie vor, auch wenn es heute zusehends um zerfallende Familien und Patchworkkonstruktionen, und, wie bei Jussi Valtonen, um Selbstmarketing und die Macht von Medien- und Pharmakonzernen. Doch klar erkennbar hat sich der Finne am Vorbild Franzen orientiert.

Wechselnde Perspektiven versanschaulichen die Familienkonflikte

Hauptfigur ist Joe Chayefski, heute ein Neurowissenschaftler in Kalifornien. Eine frühere Beziehung zur Finnin Alina hat er längst hinter sich gelassen, seinen mittlerweile erwachsenen Sohn Samuel aus Finnland kennt er nicht, doch der wird ihn bald – verhängnisvoll - besuchen. Die Ebene der Familienkonflikte nimmt den ersten Teil des Romans ein, abwechselnd erzählt Valtonen aus den Perspektiven der drei; weniger die Brüche zwischen den Sichtweisen als elegant eingeflochtene Flashbacks zum Vorantreiben der Story scheinen Valtonen wichtig – er legt den Roman in Franzenscher Manier auf Lesbarkeit an. Vor allem zu Anfang blicken wir zurück auf die zerbrechende Beziehung von Joe und Alina. Sie unterstellt ihm eine Affäre und halluziniert ihre Konkurrentin in hochsuggestiven Passagen:

So einfach war er dann wohl nicht, unser aller Traum von globalisierten Beziehungen. Valtonen lässt die Beziehung schon innerhalb des Kulturkreises des Westens scheitern, auch an Leistungs- und Schicht-Unterschieden. Joe, einst Harvard-Absolvent, ist Valtonens Stimme für ein Finnen-Bashing einer fast schon masochistischen Gnadenlosigkeit: Die Landsleute sind hier träge, alkoholkrank, fremdenfeindlich; der Staat und die universitäre Landschaft von Pfründen, Provinzialität und Faulheit geplagt, und niemanden stört es.

Die Technik und ihre verheerenden Auswirkungen sind Zentrum von Joes Leben

Joe wird Frau und Sohn zurücklassen, und eine neue Familie in Kalifornien begründen. Ein greller Kontrast: Das Mekka des ewigen Wandels mit maximal sozialer Zerstörungskraft. Hauptthema des Buches sind nämlich die desaströsen Effekte der Technik auf Bewusstsein, Sozialleben und Sprache. Joes 15-jährige Tochter Rebecca etwa steigt zur Social-Media-Persönlichkeit mit 4000 Online-Freunden auf.

Jugendsprache, Internetmüll, Therapeutenslang, Predigten aus Webkirchen, geleckte Pharmavertreter – gekonnt streut Valtonen allerlei skurrile Sprechweisen ein. Und hier und da finden sich kreative Vergleiche: Da sind aufgestochene Autoreifen so „platt wie das Selbstbewusstsein eines jungen finnischen Mannes“. Aber im Kern bleibt der Roman sehr ernst. Valtonens Erzählung profitiert von seinem Fachwissen

Wie sich herausstellt, wird Joes Tochter Rebecca Opfer einer sublimen Marketing-Kampagne: Ein Konzern versorgt sie mit Kosmetika, aber auch mit sozial enthemmenden Medikamenten, die Rebeccas Social-Media-Output erhöhen sollen! Zusätzlich mit dem Prototyp des „IAM“, einer Art Smartphone, das über die Kopfhaut die Daten direkt ins Gehirn spielt. Tragischerweise basiert das indirekt auf Joes Forschungen – die Dialektik der Aufklärung lässt einige Male im Buch sarkastisch grüßen. Nichtsdestotrotz haut es Joe um, als er das IAM von Rebecca konfisziert und testet.

Das Gerät reagiert auf die Gedanken, projeziert Inhalte direkt ins Sehzentrum – und schnell landet Joe in der Pornoecke des Netzes, ohne dass er es kontrollieren kann. Mit dieser Dystopie spielt Valtonen sein Fachwissen gegenüber Büchern wie Dan Eggers „The Circle“ gekonnt aus. Der Schein regiert das Sein allumfassend: Joes Fachbereich, wo junge Socialmedia-Schnösel enervierend etablierte Wissenschaftler zu Personality-Postings pushen; aber auch eine pseudoanarchische Metalband im Umkreis von Joes Sohn Samuel:

Politik und Privates werden kunstvoll verwebt

Was ist schlimmer – dass das System den Widerspruch einnordet oder dass Subkulturen so servil sind? Valtonen verzichtet auf moralinsaure Kommentare, doch die fassungslosen Reaktionen seiner Figuren sprechen Bände. Einzig Samuel schließt sich einer ökologischen Untergrundbewegung an, die einen Weltkonzern mit Telefonterror in die Pleite treibt – eine Widerstandslust, die ins klare Verbrechen kippen wird, denn die Organisation demoliert später Joes Labor – schließlich stammten seine neurologischen Forschungsergebnisse aus verwerflichen Tierversuchen! Kunstvoll fatal webt Valtonen das Politische und Private zusammen, allerdings mit einigen Längen und allzu expliziten Deutungen:

Im Fokus stehen zentrale Diskurse des 21. Jahrhunderts

Ja, das Trauma der zerbrochenen Familie wird niemanden mehr loslassen, bis zum bitteren Ende, das nach einigen Längen unheilvoll angekündigt wird und leider ein wenig zu absehbar gerät. Dabei hätten sich mit den zahlreichen Handlungssträngen und Diskursen noch viel größere Verstrickungen und Verschwörungen weben lassen können. Aber vielleicht sollten wir Romanleser Abstand nehmen vom Hunger einer erschöpfenden Weltdarstellung. Valtonen wählt einige zentrale Diskurse des 21. Jahrhunderts und ihre Verquickungen – und das ist beeindruckend genug.

„Zwei Kontinente“ bietet eine spannende, persönliche, ergreifende Erfahrung. Ihr tragisches Fazit lautet, dass es aus komplexen Zusammenhängen und determinierten Mustern kaum Entfliehen gibt. Für familiäre Schieflagen wird es deshalb am Ende auch keine vollständigen „Korrekturen“ geben. Ganz im Sinne von Jussi Valtonens großem Vorbild Jonathan Franzen.

STAND
AUTOR/IN
Pascal Fischer